Krankenkassen kuschen: Niemand will schuld sein am Telefonterror
Aktualisiert

Krankenkassen kuschenNiemand will schuld sein am Telefonterror

Seit Juni haben sich rund 170 Versicherte beschwert, weil sie trotz Werbeverbot von Krankenkassen kontaktiert wurden. Der Verband schiebt die Verantwortung ab.

von
Jessica Pfister
Sie rauben vielen Schweizern den letzten Nerv: Makler, die den Versicherten zu einem Wechsel der Krankenkasse überreden wollen. (Symbolbild)

Sie rauben vielen Schweizern den letzten Nerv: Makler, die den Versicherten zu einem Wechsel der Krankenkasse überreden wollen. (Symbolbild)

Der Prämienherbst ist bald auf seinem Höhepunkt: Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein Werbeprospekt einer Krankenkasse ins Haus flattert, ein TV-Spot zum Wechsel lockt oder das Telefon klingelt und ein Makler am anderen Ende der Leitung ertönt. Letzteres ist seit Juni eigentlich verboten. So will es der Verhaltenskodex der Krankenkassen, welcher Telefonwerbung für die Grundversicherung untersagt (siehe Box). Zur Kontrolle richtete der Verband Santésuisse auf seiner Internetseite ein Meldeformular für genervte Versicherte ein.

Bisher entpuppte sich dieses allerdings als Alibiübung. Einerseits wussten die Versicherten mangels Kommunikationsbemühungen der Santésuisse kaum von der Existenz des Formulars, andererseits griff der Verband auch bei den gemeldeten Kassen kaum durch (20 Minuten berichtete). Auch fünf Monate nach Einführung des Verbots, hat sich daran kaum etwas geändert. Laut Santésuisse-Sprecherin Silvia Schütz sind inzwischen 166 Meldeformulare ausgefüllt worden, bei 49 handelte es sich tatsächlich um einen Verstoss gegen den Verhaltenskodex. Drei Kassen sind laut Schütz betroffen. «Die Mehrheit der Verstösse wurden aber nicht durch Krankenkassen, sondern durch Makler begangen», sagt Schütz.

«Es liegt an Kassen, Makler zu rügen»

Die Santésuisse würde die Namen der Personen, die häufiger genannt werden, den Kassen melden. «Dann liegt es an den Krankenkassen, die Makler zu rügen», so Schütz. Der Verband selbst ermahne die drei Kassen, welche die Versicherten direkt kontaktiert haben. Erst bei einem wiederholten Verstoss gegen den Kodex und dem Absegnen durch den Verwaltungsrat sollen diese dann im Internet an den Pranger gestellt werden. «Bisher ist es aber noch zu keinen Wiederholungsfällen gekommen», sagt die Santésuisse-Sprecherin.

Der Verband hat allerdings auch nicht vor, das Meldeformular in nächster Zeit breiter zu kommunizieren. «Wir verzichten auf eine Kampagne oder Werbung», so Schütz.

«Fadenscheinige Entschuldigung»

SP-Gesundheitspolitikerin Jacqueline Fehr kann über das Gebaren von Santésuisse nur den Kopf schütteln. «Die Entschuldigung, es seien ja vor allem die Makler schuld, halte ich für sehr fadenscheinig», sagt Fehr. Die Makler würden schliesslich mit den Krankenkassen zusammenarbeiten und könnten nicht irgendwelche fiktiven Versicherungen anbieten. Fehr hofft nun auf nächsten Frühling, wenn das Parlament das Aufsichtsgesetz über die Krankenkassen nochmals berät. «Wir müssen uns gegen den Widerstand der Versicherer wehren und das Werbeverbot endlich im Gesetz verankern.»

Der Verhaltenskodex

Auf Druck der Politik, haben sich alle Krankenkassen ausser dem Nicht-Verbandmitglied Assura Ende Januar zu einem Verhaltenskodex geeinigt. Dieser gilt seit dem 1. Juni 2011 und verbietet Krankenkassen die «telefonische Kaltaquise» für die Grundversicherung. Dass heisst, ein Makler darf am Telefon keine Grundversicherung anbieten. Erlaubt bleiben nur Beratungen für eine Zusatzversicherung. Zudem dürfen Krankenkassen auch keine Versicherten anrufen, die in den letzten fünf Jahren nicht Kunden bei ihnen waren.

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