Aktualisiert 24.04.2017 05:43

Experiment in Bern«Niemand wird zum Kiffen verführt»

In Berner Apotheken soll bald legal Gras über den Ladentisch gehen. Was Sucht-Experte Toni Berthel vom Versuch hält.

von
J. Büchi
1 / 7
Hunderte Testpersonen sollen in Bern während drei Jahren legal in Apotheken Cannabis beziehen können. Eine entsprechende Studie des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin sowie des kritischen Studienzentrums der Uni Bern steht laut «SonntagsZeitung» kurz vor dem Start.

Hunderte Testpersonen sollen in Bern während drei Jahren legal in Apotheken Cannabis beziehen können. Eine entsprechende Studie des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin sowie des kritischen Studienzentrums der Uni Bern steht laut «SonntagsZeitung» kurz vor dem Start.

epa/Abir Sultan
Mitmachen dürfen nur Personen ab 18 Jahren, die nicht in psychiatrischer Behandlung sind. Mittels Haarprobe müssen sie belegen, dass sie bereits jetzt regelmässig kiffen.

Mitmachen dürfen nur Personen ab 18 Jahren, die nicht in psychiatrischer Behandlung sind. Mittels Haarprobe müssen sie belegen, dass sie bereits jetzt regelmässig kiffen.

Keystone/Alessandro Della Bella
Toni Berthel, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Suchtfragen, begrüsst die Bestrebungen. «Es ist höchste Zeit, endlich Licht ins Dunkel zu bringen und zu untersuchen, wie sich ein kontrollierter Verkauf in der Schweiz auswirkt.»

Toni Berthel, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Suchtfragen, begrüsst die Bestrebungen. «Es ist höchste Zeit, endlich Licht ins Dunkel zu bringen und zu untersuchen, wie sich ein kontrollierter Verkauf in der Schweiz auswirkt.»

Herr Berthel, in Berner Apotheken wird im Rahmen eines Experiments bald Cannabis verkauft. Was ist vom Versuch zu erwarten?

Ich bin sehr froh, dass sich etwas in die Richtung tut. Denn es ist eine Realität, dass viele Menschen in der Schweiz regelmässig kiffen. Es ist höchste Zeit, endlich Licht ins Dunkel zu bringen und zu untersuchen, wie sich ein kontrollierter Verkauf in der Schweiz auswirkt. Es wäre indes falsch, jetzt schon über die Ergebnisse zu spekulieren. Zunächst muss auch das Bundesamt für Gesundheit die Versuche noch bewilligen.

Zum Experiment sollen nur erwachsene Menschen zugelassen werden, die schon heute regelmässig kiffen. Macht das Sinn? Wäre es nicht gerade interessant zu erfahren, welche Anziehung legales Gras auf Leute ausübt, die bisher die Finger davon gelassen haben?

Naja, es kann kaum das Ziel eines Forschungsprojekts sein, Leute neu zum Kiffen zu verführen. Das ist schliesslich keine Werbe-Veranstaltung für Cannabis! Die Studie wurde von der Ethikkomission bewilligt, sie muss sehr hohen Auflagen genügen. Alle Fragen kann sie selbstverständlich nicht abschliessend beantworten.

Aber Ziel der Übung muss ja schon sein, eine Legalisierung zu simulieren. So sollen etwa auch die Auswirkungen auf den Schwarzmarkt untersucht werden. Kann ein Versuch mit ein paar hundert Teilnehmern überhaupt einen solche Impact haben?

Das kommt darauf an, wie gross der Anteil der Berner Kiffer ist, die am Versuch teilnehmen. Natürlich zielt eine Legalisierung letzten Endes darauf ab, dem Schwarzmarkt den Boden zu entziehen. Wenn vom Anbau bis zum Verkauf alles reguliert ist, erhält der Konsument sauberen Stoff. Er weiss, was angepflanzt wird und wie hoch der THC-Gehalt ist. Der Staat kann Abgaben darauf erheben, die wiederum in die Prävention und in den Jugendschutz fliessen.

Kanadas Premierminister Justin Trudeau denkt über eine Legalisierung von Cannabis nach, wobei der Verkauf an Minderjährige mit bis zu 14 Jahren Haft bestraft werden soll. Wäre das auch ein gangbarer Weg für die Schweiz?

Der Grundsatz muss sein, dass Erwachsene als mündige Menschen entscheiden können, was sie konsumieren wollen – im Bewusstsein der Konsequenzen. Ein ausgebauter Jugendschutz ist dabei essenziell. Ob solch drastische Strafen der richtige Weg sind, wird sich zeigen, sofern Kanada das Modell wirklich umsetzt. Im Moment experimentieren viele Länder und Regionen mit einer Lockerung des Cannabis-Verbots, aus dem simplen Grund, dass dieses zu viele Kollateralschäden mit sich bringt. Den Königsweg gilt es dabei erst noch zu finden.

Legalisierung ist also nicht gleich Legalisierung?

Nein. Ich spreche ohnehin lieber von Regulierung: In Holland erfolgt der Anbau etwa nicht kontrolliert. Dies im Gegensatz zum US-Bundesstaat Colorado, wo die Pflanzen unter hohen Auflagen angebaut und anschliessend in speziell lizenzierten Läden verkauft werden. Wieder ein anderes Modell kennt Spanien, wo die Mitglieder sogenannter Social Clubs eine begrenzte Menge Cannabis legal konsumieren können.

Wie der «Tages-Anzeiger» am Samstag berichtete, nehmen Schweizer Cannabis-Freunde einen neuen Anlauf, um das Kiffen mittels Volksinitiative zu legalisieren. 2008 hatte das Stimmvolk eine ähnliche Initiative noch wuchtig abgeschmettert. Glauben Sie, dass sich die Stimmung in der Bevölkerung inzwischen gewandelt hat?

Es würde mich erstaunen, wenn eine solche Initiative zum jetzigen Zeitpunkt auf nationaler Ebene schon eine Mehrheit finden würde. Aber all die Veränderungen, die derzeit international im Gang sind, werden nicht spurlos an der Schweiz vorbeiziehen.

Verstehen Sie die Bedenken der Gegner denn gar nicht?

Die Politik muss der Realität ins Auge sehen. Gelegentlich einen Joint zu rauchen ist genauso unproblematisch wie das gelegentliche Glas Wein. Ein Problem gibt es dann, wenn jemand die Kontrolle über den Konsum verliert und abhängig wird. Das Suchtpotenzial von Cannabis ist dabei aber nicht grösser als jenes von Alkohol oder Nikotin.

Erhöht der aktuelle Boom von CBD, also kaum psychoaktivem Hanf, die Akzeptanz von Cannabis in der Gesellschaft?

Auch dieser Trend ist noch zu jung, um seine Wirkung beurteilen zu können. Aber klar: Sie haben hier ein Produkt mit dem Wort Cannabis im Namen, das legal gekauft werden kann. Ob Hanf psychoaktives THC enthält, lässt sich von blossem Auge nicht feststellen. Damit wird Cannabis plötzlich noch viel sichtbarer – an einer fundierten Debatte darüber führt kein Weg mehr vorbei.

«Tempolimiten werden auch nicht aufgehoben»

Andrea Geissbühler (SVP) gehört zu den pointiertesten Cannabis-Gegnerinnen im Bundeshaus. Im Gespräch mit 20 Minuten kritisiert sie den geplanten Versuch der Uni Bern scharf: «Ginge es darum, Cannabis für medizinische Zwecke zu testen, wäre das ja noch nachvollziehbar. Aber einfach irgendwelchen Leuten einen Freipass zum Kiffen zu geben, finde ich daneben.»

Die Versuchsanlage verstosse nicht nur gegen das Strafgesetzbuch, sondern widerspreche auch dem Volkswillen. «Die Bevölkerung hat eine Legalisierung 2008 klar abgelehnt. Es ist gravierend, wenn nun versucht wird, hinter dem Rücken der Stimmbürger eine Lockerung durchzudrücken.»

Dass der Cannabis-Konsum heute bereits weit verbreitet ist, ist für sie kein Argument. «Nur weil gewisse Verkehrsteilnehmer die Tempolimiten nicht respektieren, werden sie auch nicht abgeschafft.» Falls der Bund das Experiment billige, wäre das für sie ein schlechtes Signal: «Gerade junge Leute könnten dann fälschlicherweise den Eindruck erhalten, dass Kiffen unbedenklich sei.» (jbu)

Darum gehts in der Berner Studie

•Forscher der Universität Bern wollen bis zu 500 Kiffer in der Stadt Bern legal mit Cannabis versorgen. Der Start ist laut «SonntagsZeitung» für nächstes Jahr geplant.

•Verkauft werden die Drogen in ausgewählten Apotheken.

•Die Studie soll zeigen, ob eine kontrollierte Abgabe einen Einfluss auf den Schwarzmarkt und die Kriminalität hat.

•Für den Versuch werden Schätzungen zufolge bis zu 600 Kilo Cannabis mit einem Schwarzmarktwert von bis zu 12 Millionen Franken benötigt.

•Die Ethikkommission hat das Experiment bewilligt, der Nationalfonds unterstützt es mit 720'000 Franken.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.