03.07.2014 03:45

«Heil Hipster?»

Nipster - Neonazis machen auf trendy

Manche Rechtsextreme lassen die Springerstiefel zu Hause und gleichen ihr Äusseres friedlichen Jugendkulturen an. Ein Trend, der auch die Schweiz erreicht hat.

von
G. Brönnimann

Januar 2014, Magdeburg. Der junge Mann trägt rosa Chucks mit weissen Sternen drauf. Schwarze Röhrenjeans, dunkles Jäckchen, edler Stoff. Ein geweitetes Loch ziert sein Ohr. Er hat einen Bart, so einen, wie ihn die Männer derzeit in halb Hollywood, dreiviertel Berlin und fast ganz Brooklyn tragen. Auf der Nase eine Sonnenbrille, auf dem Kopf ein nicht minder cooles Käppi. Und über die Schulter geschlungen einen hellen Stoffbeutel, auf welchem der Spruch prangt: «Bitte nicht schubsen, ich hab einen Joghurt im Beutel.»

Ein Klischee-Hipster. Nur etwas will nicht ganz passen: Der Mann ist rechtsextrem und nimmt mit seinen Gesinnungsgenossen gerade an einer Nazi-Demonstration teil, die von 10'000 mutigen Magdeburgern im Keim erstickt wurde. Ein Fotograf drückte ab - der Neonazi wurde im Web schnell als «Nazi-Hipster» bekannt.

«Nipster» - kein Einzelfall

Der Nazi-Hipster von Magdeburg sei nicht der Einzige im braunen Sumpf, schreibt die US-Zeitschrift «Rolling Stone» in einer Reportage. Viele junge Neonazis würden versuchen, «dem Hass ein stylishes Gesicht zu verpassen». Es gebe einen Namen für sie: «Nipster».

Nipster seien auf allen Kanälen aktiv, um ihre Hass-Botschaften zu verbreiten. Dazu gehörten etwa eine faschistische Kochshow für Veganer auf Youtube, Live-Politsendungen garniert mit Nazi-Musik im Internet, lärmige Flashmobs gegen kulturelle Veranstaltungen oder auch die oberflächlich freundlich vorgetragenen, pseudo-intellektuellen Monologe eines Hornträgerbrillenträgers mit Hipsterscheitel, der seinen Zuschauern unter anderem 12 Minuten lang erklärt, warum ein echter Österreicher keinen Döner Kebab essen soll.

Phänomen auch in der Schweiz bekannt

Samuel Althof, Leiter der Schweizer Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention, kennt das Phänomen. «Das gibt es schon, seit es die Pnos gibt. Heute sind da wohl auch Hipster- und sonstige trendige Sachen dabei», sagt der Kenner der Neonazi-Szene. Die Entwicklung zeige, «dass auch Rechtsextreme immer besser mit Medien umgehen können, etwa die Identitären, die Europäische Aktion oder sonstige Parteien und Gruppen. Diese wissen genau, dass es nach aussen einen schlechten Eindruck macht, wenn man mit Springerstiefeln und eindeutigen Symbolen provokativ auftritt.»

Die martialische Bekleidung vieler Neonazis sorgt laut Althof für Spannungen in den eigenen Reihen: «Jene, die ernsthafte Politik machen wollen, stören sich zuweilen an den Stiefelträgern. Beim sächsischen Landtag fahren die Rechtsextremen ja schon in Limousinen vor.» Er geht allerdings nicht davon aus, dass künftig alle Rechtsextremen als Nipster oder in Luxuskarossen unterwegs sein werden. Althof: «Die Auffälligen werden nicht einfach verschwinden, denn mit einem provokanten Auftritt wird in der Regel versucht, ein Aufmerksamkeitsdefizit zu kompensieren. Dahinter verbirgt sich immer eine persönliche Leidensgeschichte.»

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