Aktualisiert 10.06.2009 15:35

Staatsbesuch«No Camping, Gaddafi»

Der Revolutionsführer vom anderen Saum des Mittelmeeres ist in Rom standesgemäss untergebracht: Das riesige Beduinenzelt, das für Muammar al-Gaddafis «historischen» Besuch errichtet worden ist, steht in den fürstlichen Gärten der Villa Pamphili. Und erregt die Gemüter in Italien.

Gaddafi ist zu Gast bei den früheren italienischen Kolonialherren. Es gilt, den vor zehn Monaten mit Berlusconi geschlossenen Vertrag zur Freundschaft und Zusammenarbeit zu feiern und Geschäfte vorzubereiten. Aber der Revolutionsführer ist beileibe nicht bei allen in Rom gern gesehen.

«No Camping, Gaddafi. Stell dein Zelt bei der Villa Certosa auf», machten Kritiker des Libyers schon vor dessen Ankunft Front. Das von ihnen vorgeschlagene Ausweichquartier ist das Anwesen auf Sardinien, auf dem Berlusconi so gern Stars und Möchtegern-Sternchen wie auch politische Prominenz empfängt.

In die Protestwelle gegen den Besuch eines «Diktators» reihten sich auch Dozenten und Studenten der römischen Universität La Sapienza ein, in der Gaddafi reden will. Berlusconi allerdings eilte trotz Halsschmerzen zur Begrüssung.

Gaddafis Visite bietet ihm die Chance, sein angekratztes Image aufzupolieren. Es ist das erste Highlight in einer Reihe von Treffen, die ihn in den nächsten Wochen auf dem Parkett der grossen Welt zeigen sollen: Zu Besuch bei US-Präsident Barack Obama, beim nächsten EU-Gipfel und schliesslich als Gastgeber des G8-Treffens.

Der Mann, der auf Einladung des Cavaliere den Sprung von Tripolis an den Tiber gemacht hat, wird von einem Gefolge von 300 Personen begleitet. Seit nunmehr vier Jahrzehnten am Ruder, hatte Gaddafi Italien bisher noch nicht besucht, so stark belastete die Geschichte das Verhältnis der beiden Staaten.

Freundschaftsvertrag von Bengasi

Im Herbst 2008 zogen Berlusconi und Gaddafi einen Schlussstrich: In Bengasi vereinbarten sie, dass Italien 3,4 Milliarden Euro (5,2 Milliarden Franken) Entschädigung zahlt. Das Geld fliesst in Libyens Infrastruktur; italienische Firmen sollen dort bauen.

Eine Hand wäscht auch diesmal die andere: Der Wüstenstaat soll eine Küstenautobahn erhalten, während Berlusconi darauf setzt, Italien mit mehr Öl und Gas aus Libyen versorgen zu können. Ausserdem will der Ministerpräsident die Flüchtlingswelle nach Italien eindämmen, wobei ihm der Revolutionsführer bereits kräftig hilft.

Libyen wird zweitgrösster Aktionär der italienischen Grossbank Unicredit und will seinen Anteil an dem Öl- und Gas-Riesen Eni deutlich ausbauen: das waren Wirtschaftsnotizen im Kielwasser des Freundschaftsvertrages von Bengasi.

Schon im Juli wieder in Italien

«40 von Missverständnissen geprägte Jahre sollen beendet werden», hatte Berlusconi in seiner Entschuldigung zur Vergangenheit gesagt. Während der Besetzung Libyens hatte Italien unter anderem erstmals Kampfgas eingesetzt.

In den Jahrzehnten der Kolonialzeit (1911-1943) wurden tausende Libyer nach Italien deportiert. Gaddafi drehte den Spiess im Jahr nach seiner Machtübernahme um. Er wies 1970 die 25 000 seit der Kolonialzeit in Libyen lebenden Italiener kurzerhand aus.

Linke Senatoren empfinden es als Schande, dass am Donnerstag im Parlament ein «Diktator» zu ihnen sprechen soll, der «die Menschenrechte nicht respektiert». Bereits in einem Monat kommt Gaddafi wieder nach Italien: In seiner Funktion als Präsident der Afrikanischen Union nimmt er am G8-Gipfel in L'Aquila teil. (sda)

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