Aktualisiert 26.07.2011 09:37

Pakistan nach der Flut

«Noch immer eine halbe Million Obdachlose»

In Pakistan sind auch ein Jahr nach der verheerenden Flutkatastrophe noch immer rund 500 000 Menschen ohne ein Dach über dem Kopf. Ein Helfer vor Ort berichtet.

Während sich die Situation im Nordwesten mittlerweile normalisiere, habe im Süden der Wiederaufbau gerade erst begonnen. Das sagt der Leiter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Islamabad, Hans Steinmann. Besonders betroffen sei die Provinz Sindh, in der auch der Grossteil der obdachlos Gewordenen in Camps lebe.

Steinmann leitet seit knapp zwei Jahren ein Gesundheitsprogramm für GIZ in Pakistan. Im Interview berichtet er über die Folgen der Flut und wie sich die Situation ein Jahr nach der Katastrophe darstellt.

Herr Steinmann, wie ist die Lage ein Jahr nach der Flutkatastrophe in Pakistan?

Hans Steinmann: Man muss das nach Provinzen aufgeschlüsselt betrachten. In der Nordwestprovinz hat sich das Leben eigentlich normalisiert. Die Leute sind wieder in ihren Dörfern und Häusern, die Felder werden wieder bestellt. Der Wiederaufbau ist im Gang, gleichwohl sind die Infrastrukturschäden überwältigend und es wird Schätzungen zufolge drei bis vier Jahre dauern, bis das alles wieder hergestellt ist. Je weiter man nach Süden kommt, umso schwieriger wird es. Vor allem in der Provinz Sindh sieht es verhältnismässig dramatisch aus, weil dort das Wasser bis Mai stand. Dort sind nur beschränkte Wiederaufbaumassnahmen möglich, die Felder sind nicht bestellt, die Menschen leben noch in Camps. Um die 500 000 Menschen sind aufgrund der Flut noch immer obdachlos.

Wo gibt es die grössten Probleme?

In Sindh sind es die fehlenden Unterkünfte. Es gibt zwar eine Lebensmittelknappheit, aber keine Hungersnot. Die Lebensmittelknappheit hat auch eher logistische Gründe, weil die Infrastruktur noch nicht wieder hergestellt wurde und bestimmte Gebiete nur schwer zugänglich sind.

Wo genau sind Sie aktiv?

Mein Büro ist in Islamabad, hauptsächlich sind wir aber mit unserem Gesundheitsprogramm in den Stammesgebieten und der Nordwestgrenzprovinz sowie in Jammu und Kaschmir aktiv. Was die Flutsoforthilfe und die Wiederaufbauhilfe angeht, konzentrieren wir uns auf die Nordwestgrenzprovinz.

Wie sieht die Fluthilfe heute aus?

Als Anfang 2010 unser Gesundheitsprogramm anlief, umfasste das ursprünglich keine Nothilfe. Mit der Flut haben wir dann aber vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ein Mandat bekommen, das wir Programmmittel umschichten und Soforthilfe leisten können. Das sah damals so aus, dass wir für etwa 50.000 Menschen Wasserfilter sowie imprägnierte Zeltplanen eingeführt haben, damit die Menschen, die ihre Häuser und Hütten verloren hatten, wieder etwas über dem Kopf hatten. Wir sind dann vom pakistanischen Gesundheitsministerium gebeten worden, eine bereits bestehende, aber nicht funktionierende Katastrophenschutzeinheit zu beraten beziehungsweise wieder aufzubauen, die sich auf den Gesundheitsbereich konzentriert.

Wir haben während der Flut versucht, die anfänglich etwas unkoordinierte Hilfe etwas strategischer aufzubauen und besser zu koordinieren. Das ist auch momentan die Arbeit, die wir leisten. Diese Einheit leistet heute auch Katastrophenvorsorge, plant also voraus. Wir kennen jetzt beispielsweise alle Gesundheitseinrichtungen im Gefahrengebiet, aber auch alle im näheren Umkreis, die bei einer erneuten Flut sicher wären und im Notfall Menschen aus anderen Gebieten versorgen müssten. Wir wissen jetzt auch, welche Hilfsorganisationen in welchen Dörfern arbeiten und welche Dienstleistungen sie dort anbieten. Hinzu kommt eine organisationsübergreifende Kommunikation, die nun dank der Arbeit der GIZ gewährleistet werden kann.

Wie gut ist Pakistan für den nächsten Monsun und damit auch gegen neue Fluten gewappnet?

Die vormals von uns und nun von den UN unterstützte Katastrophenschutzbehörde funktioniert ganz gut. Das Gesundheitsministerium und die Gesundheitseinheit sind auch recht gut vorbereitet, von daher sieht es zumindest im Nordwesten etwas besser aus. Wir sind alle sehr gespannt. Mit den Wiederaufbau- und Schutzmassnahmen - also Deiche, Abwasserkanäle, Entlastungskanäle - wurde zwar begonnen, aber sie sind nicht so weit fortgeschritten, dass man sagen könnte, sie bieten einen sicheren Schutz vor neuen Fluten.

Sehr pessimistische Voraussagen gehen davon aus, dass nur die Hälfte des Regens vom letzten Jahr ausreichen würde, um einen ähnlich hohen Schaden anzurichten wie 2010, weil eben diese Wiederaufbaumassnahmen noch nicht abgeschlossen sind, was auch in den nächsten zwei, drei Jahren noch nicht der Fall sein wird. Das gilt für den Nordwesten. Die Situation im Süden ist noch viel schlimmer, da besteht im Grunde überhaupt kein Schutz. Im schlimmsten Fall geht man von sechs Millionen Menschen aus, die wieder obdachlos würden. Im günstigsten Fall - wenn man es überhaupt so nennen darf - geht man von zwei Millionen aus. Im Grunde bleibt uns nichts anderes übrig, als mit aller Intensität darauf hinzuarbeiten, dass jeder weiss, was zu tun ist im Falle einer Katastrophe.

Warum ist die Situation im Süden so viel schlechter?

Das hat vor allem geografische Gründe, es ist ein ganz flaches Gebiet, das keinen natürlichen Abfluss hat. Das Wasser stand dort so lange, dass die Felder nicht bepflanzt werden konnten, deshalb konnte auch nicht so intensiv Wiederaufbau betrieben werden wie im Nordwesten. Das fängt jetzt erst an. (dapd)

Daten zu den pakistanischen Flutschäden

- Gut ein Fünftel des Landes stand bei den verheerenden Überschwemmungen vom vergangen Jahr unter Wasser.

- Betroffen waren rund 20 Millionen Menschen, fast 2000 kamen ums Leben.

- Die Höhe der Schäden wurde auf 9,5 Milliarden Dollar (7,6 Milliarden Franken) geschätzt; diese Summe bezog sich auf den Wert der zerstörten Infrastruktur, von Bewässerungssystemen sowie von landwirtschaftlichen Flächen.

- Noch immer sind rund 500 000 Menschen ohne Obdach, die meisten von ihnen in der im Süden gelegenen Provinz Sindh.

Stichwort: Pakistan

Mit geschätzten 150 Millionen Einwohnern auf einer Fläche von rund 800 000 Quadratkilometern gehört Pakistan zu den dicht besiedelten Ländern der Erde. Hauptstadt des 1947 aus religiösen Gründen von Indien abgetrennten Landes ist das im Norden gelegene Islamabad. Wirtschaftlich bedeutender sind aber die Millionenstädte Karachi und Lahore.

Gut 95 Prozent der Bevölkerung sind Muslime. Die offizielle Landessprache Urdu wird nur von weniger als zehn Prozent der Bevölkerung als Muttersprache gesprochen. Nach wie vor dient Englisch, die Sprache der einstigen Kolonialherren des indischen Subkontinents, als Geschäfts-, Amts- und Bildungssprache. Seit der Unabhängigkeit vor 54 Jahren regierte das Militär fast drei Jahrzehnte lang das chronisch instabile, von sozialen und ethnischen Konflikten zerrissene Land.

Das Grenzgebiet zu Afghanistan ist als Rückzugsgebiet afghanischer Taliban beziehungsweise als Kampfgebiet ihrer Gesinnungsgenossen von Bedeutung. Das größte Problem Pakistans ist neben der geographischen Lage zwischen Iran, Afghanistan, China und Indien sowie den ungelösten Konflikten der verschiedenen Volksgruppen untereinander die desolate wirtschaftliche Situation. Pakistan wurde wie das Nachbarland Indien 1998 Atommacht. Beide Staaten haben seit ihrer Unabhängigkeit von Großbritannien drei Kriege gegeneinander geführt, zwei davon um das geteilte Kaschmir.

(dapd)

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