45-Stunden-Woche: «Noch mehr arbeiten, gahts no?»

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45-Stunden-Woche«Noch mehr arbeiten, gahts no?»

Schweizer Arbeitgeber wollen das Arbeitsgesetz lockern. Bei den 20-Minuten-Lesern kommt dieser Vorschlag gar nicht gut an.

von
lin

Wird die wöchentliche Höchstarbeitszeit bald aufgehoben? Eine Reihe von Branchenverbänden unter Führung von Expertsuisse schickt sich an, das Arbeitsgesetz zu liberalisieren. Der Verband vertritt laut eigenen Angaben rund 5000 Wirtschaftsprüfer, Steuer- und Treuhandexperten sowie rund 900 von diesen geführte Unternehmen mit etwa 14'000 Angestellten.

Zurzeit würde ein konkreter Vorschlag ausgearbeitet. Diskutiert werde, dass die Höchstarbeitszeit von 45 Stunden, die heute für Büropersonal, in der Industrie, für technische Berufe und im Detailhandel gilt, aufzuheben, berichtet der «Tages-Anzeiger». Statt einer maximalen Wochenarbeitszeit könnte künftig in gewissen Branchen nur die zulässige Jahresarbeitszeit geregelt werden. Auch die minimale Ruhezeit von 11 Stunden soll gelockert werden, ebenso wie der Grundsatz des Sonntagsarbeitsverbots.

Leser sind wenig begeistert

Bei den Lesern von 20 Minuten sorgt das Thema für viel Diskussionsstoff. Rund 700 Kommentare sind bisher zu den Vorschlägen eingegangen – die meisten kritisch. So schreibt ein Leser: «Gahts no? Ich bin ja sonst nicht gerade sozialistisch eingestellt. Aber das geht zu weit! Wir arbeiten bereits länger als der Rest Europas.»

Leser Dennis Krüger ergänzt: «Gab es nicht erst vor kurzer Zeit die Idee, dass man sogar den Arbeitstag verkürzen sollte, um produktiver arbeiten zu können? Halten wir lieber mal an dieser Idee fest!» Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass kürzere Arbeitszeiten die Produktivität steigern.

Worauf eine Liberalisierung des Arbeitsgesetzes hinauslaufen werde, ist für Leser Rabauke klar: «Man opfert seine Zeit und gibt alles, um im Job möglichst erfolgreich zu sein. Hat man das mal geschafft, wird man sein hart verdientes Geld wieder dafür opfern, um wieder gesund zu werden.»

Gewisses Verständnis für Jahresarbeitszeit

Es gibt unter der Leserschaft aber auch einige Stimmen, die die Vorschläge begrüssen: «Warum schreibt mir jemand vor, wie viel ich arbeiten darf? Ich will meine Freiheit – und Jahresarbeitszeit ist genau das Richtige dafür», schreibt Redly.

Auch Leser Reto hat ein gewisses Verständnis für die Idee, da die Arbeitsmenge bei Treuhändern und Wirtschaftsprüfern je nach Jahreszeit variiere: «Da kriegt man den Auftrag, bis Montag doch bitte eine komplette Revision einer Firma zu machen. Da muss man halt den Sonntag auch opfern und gewisse Überstunden leisten.»

Leser Realist denkt, dass die Stimmbürger das letzte Wort haben werden: «Gesetzesänderungen können mittels Referendum bekämpft werden. Ein allfälliges Referendumskomitee dürfte locker und in Rekordzeit die notwendigen Unterschriften sammeln. Ich gehe davon aus, dass die Gewerkschaften mit Sicherheit das Referendum ergreifen werden.»

Gutverdienende müssen nicht mehr stempeln

Angestellte mit einem Bruttoeinkommen von über 120'000 Franken, die ihre Arbeitszeiten mehrheitlich selber bestimmen können, müssen künftig ihre Arbeitsstunden nicht mehr erfassen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass diese Möglichkeit in einem Gesamtarbeitsvertrag vorgesehen ist. Der Bundesrat geht davon aus, dass weniger als zehn Prozent der Arbeitnehmenden mit dieser Regelung auf die Arbeitszeiterfassung verzichten können. Eine Lockerung sieht der Bundesrat auch für weniger gut verdienende Angestellte vor: Wer seine Arbeitszeiten zu einem grossen Teil selber bestimmen kann, muss künftig nur noch die Gesamtdauer der täglichen Arbeitszeit dokumentieren. Die Revision des Arbeitsgesetz-Verordnung tritt auf Anfang nächstes Jahr in Kraft. (vb)

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