Aus Angst vor Schulden - Noch nie haben so viele Schweizerinnen und Schweizer auf ihr Erbe verzichtet
Publiziert

Aus Angst vor SchuldenNoch nie haben so viele Schweizerinnen und Schweizer auf ihr Erbe verzichtet

Aus Angst vor Überschuldung lehnen viele Hinterbliebene das Erbe ab. Bleibt trotz Schulden der verstorbenen Person etwas übrig, erhalten die Erben das Geld – auf Kosten der Konkursämter.

von
Barbara Scherer
1 / 8
2020 haben  Schweizerinnen und Schweizer 6707 Erbschaften abgelehnt.

2020 haben Schweizerinnen und Schweizer 6707 Erbschaften abgelehnt.

Getty Images
2010 wurden noch 4494 Erbschaften abgelehnt. Die Zahl der ausgeschlagenen Erbschaften ist in zehn Jahren also um fast 50 Prozent gestiegen.

2010 wurden noch 4494 Erbschaften abgelehnt. Die Zahl der ausgeschlagenen Erbschaften ist in zehn Jahren also um fast 50 Prozent gestiegen.

20min/Celia Nogler
Die Hinterbliebenen wollen die Schulden der verstorbenen Person nicht begleichen.

Die Hinterbliebenen wollen die Schulden der verstorbenen Person nicht begleichen.

Tamedia / Nicole Pont

Darum gehts

  • Seit 2010 bis 2020 ist die Zahl der ausgeschlagenen Erbschaften um fast 50 Prozent gestiegen.

  • Hinterbliebene wollen so umgehen, dass sie Schulden erben.

  • Denn immer mehr Seniorinnen und Senioren sind verschuldet.

Jedes Jahr werden in der Schweiz rund 70 Milliarden Franken vererbt. Doch immer mehr Hinterbliebene entscheiden sich gegen ihr Erbe: Sie wollen die Schulden der verstorbenen Person nicht begleichen. Der Fall bleibt dann am Staat hängen.

So haben Schweizerinnen und Schweizer letztes Jahr 6707 Erbschaften abgelehnt. 2010 waren es noch 4494. Die Zahl der ausgeschlagenen Erbschaften ist in zehn Jahren also um fast 50 Prozent gestiegen, wie die «Sonntagszeitung» schreibt.

Das Problem: Immer mehr Seniorinnen und Senioren sind verschuldet. So ist der Anteil der über 75-Jährigen, die einen Zahlungsrückstand aufweisen, zwischen 2013 und 2019 von 3,7 auf 4,2 Prozent gestiegen. Grund dafür sind die steigenden Kosten für Alterspflege. Zudem wollen immer mehr ältere Menschen ihr Geld selber ausgeben, als zu vererben.

Wer Erbe ausschlägt, kriegt oft doch Geld

Wird auf einen Nachlass verzichtet, lässt der Staat den Privatkonkurs über die verstorbene Person verfügen. Das wird im Amtsblatt vermeldet. Bleibt nach dem Inventar der Vermögenswerte und Schulden und dem Abzug der Gebühren Geld übrig, erhalten die Nachkommen diesen Überschuss.

So bleibt bei 15 bis 25 Prozent der Nachlasskonkurse am Schluss Geld übrig, wie eine Auswertung des Konkursamts des Kantons Basel-Stadt zeigt. Hinterbliebene haben so zwischen wenigen hundert und hunderttausenden Franken erhalten.

Im Kanton Bern gab es zwischen 2015 bis 2020 sogar Überschüsse von mehreren Millionen Franken. Der Durchschnitt lag bei 70’000 Franken. Jedoch wurde nur in rund sechs Prozent der durchgeführten Nachlasskonkurse ein Überschuss an die Erben zurückerstattet.

Städter verzichten öfters aufs Erbe

Auffallend ist, dass in urbanen Gegenden mehr Erbschaften abgelehnt werden als auf dem Land. Das liege daran, dass auf dem Land Generationen oft noch enger zusammenleben: Nachkommen haben darum mehr Kenntnisse über die finanziellen Verhältnisse der Eltern, wie ein Konkursbeamter gegenüber der «Sonntagszeitung» sagt.

Ist eine Erbschaft überschuldet, nimmt im Normalfall ein Notariat, ein Erbschaftsamt oder ein Gericht ein Inventar auf. Dieses Verfahren ist teuer. Wird auf einen Nachlass verzichtet, wertet das Konkursamt das Ganze aus – für weniger Geld.

Kosten tragen die Konkursämter

Wer also nicht weiss, ob die verstorbene Person verschuldet war, kann sicherheitshalber auf den Nachlass verzichten und spart noch Kosten. Konkursämter fühlen sich darum als billige Arbeitskräfte missbraucht. Nun sucht eine Arbeitsgruppe nach einer Lösung.

Eine Möglichkeit wäre es, Hinterbliebenen mehr Zeit zu geben, um selbst ein Inventar zu erstellen. Oder aber: Wer ein Erbe ablehnt, erhält auch kein überschüssiges Geld mehr. Für diese Anpassung müsste aber eine Änderung am Zivilgesetz vorgenommen werden.

Diese Fristen gelten bei Erbschaften:

Eine Erbschaft kann innerhalb von drei Monaten nach dem Tod einer Erblasserin oder eines Erblassers ausgeschlagen werden. Sind die finanziellen Verhältnisse nicht eindeutig, kann innerhalb von einem Monat nach dem Tod einer Person die Aufnahme eines öffentlichen Inventars verlangt werden. Wird eine Erbschaft nicht angenommen, geht das Erbe an die nächsten gesetzlichen Erben. Diese haben daraufhin ebenfalls drei Monate Zeit, um das Erbe auszuschlagen. Will keine erbberechtigte Person den Nachlass annehmen, wird das Geld der verstorbenen Person vom Konkursamt liquidiert. Das vorhandene Vermögen wird zur Deckung der Schulden verwendet. Bleibt ein Überschuss, so geht dieser an die Erbberechtigten.

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Trauerst du oder trauert jemand, den du kennst?

Hier findest du Hilfe:

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

Deine Meinung

149 Kommentare