Krasser als im Mittelalter: Noch nie war Vermögen so ungleich verteilt
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Krasser als im MittelalterNoch nie war Vermögen so ungleich verteilt

Die Schweiz hat die höchste Dichte an Milliardären weltweit. Für Ökonom Hans Kissling eine gefährliche Tendenz – nicht erst seit die «99-Prozent»-Bewegung aufgeflammt ist.

von
Sabina Sturzenegger
Mehr Steuern für die Reichen: Das fordern die Finanzplatz-Besetzer rund um den Globus.

Mehr Steuern für die Reichen: Das fordern die Finanzplatz-Besetzer rund um den Globus.

Die «Occupy Wall Street»-Bewegung hat die Plätze rund um die Finanzzentren der Welt erobert. Der ganzen Welt? Nein, denn in der Schweiz scheint die Besetzung des Paradeplatzes vom Samstag noch keine grosse Wirkung zu entfalten. Es seien nur ein paar junge «Überlebenskünstler» und Sozialromantiker, die nicht arbeiten müssten und die sich der Bewegung anhängen, lautet der Grundtenor. Die weltweite Bewegung, die sich auch «Wir sind 99 Prozent» nennt und das aktuelle Finanzsystem kritisiert sowie die Ungleichverteilung des Reichtums anprangert, stösst in der Schweiz noch nicht auf grosses Echo.

Der Zahlenmensch, der richtig rechnet

Einer, der sich nicht erst seit diesem Herbst mit dem Phänomen der Ungleichverteilung beschäftigt, ist Hans Kissling. Der 68-Jährige campiert nicht auf dem Lindenhof über Zürich, wohin sich die Paradeplatz-Besetzer zurückgezogen haben. Kissling war bis 2006 der oberste Statistiker im Kanton Zürich. Doch auch als ehemaliger Spitzenbeamter interessiert sich Kissling nicht nur für die nackten Zahlenreihen, sondern auch für das, was dahintersteckt – unter anderem für die Tatsache, dass Vermögen und Reichtum in der Schweiz besonders ungerecht verteilt sind.

«Die Schweiz hat die höchste Dichte an Milliardären weltweit», sagt Kissling. In Zahlen ausgedrückt heisst das: Ein Prozent der Bevölkerung verfügt über 57 Prozent des Vermögens. Dies zeigt eine aktuelle Studie der Credit Suisse. «Damit ist die Vermögensverteilung in der Schweiz so ungleich wie noch nie und krasser als in Deutschland und in den USA», ergänzt Kissling.

Kisslings Buch ist aktueller denn je

Diesen Umstand prangert Kissling aber nicht erst seit diesem Herbst an. 2008 hat er ein Buch geschrieben mit dem Titel «Reichtum ohne Leistung. Die Feudalisierung der Schweiz». Das Buch ist heute aktueller denn je. Dennoch sagt Kissling: «Das Thema wurde bis anhin in der Schweiz nicht gross diskutiert.» Mit der «99-Prozent-Bewegung» werde es nun immerhin auch hierzulande langsam aufgegriffen.

Die neuen Siedler vom Lindenhof

Die Schweiz, ein Reichen-Paradies

Gründe für die unglaubliche Geldvermehrung unter den ohnehin Reichsten des Landes gibt es mehrere: Während den beiden Weltkriegen wurden in der Schweiz kaum Vermögen vernichtet. In den letzten Jahren waren zudem sehr hohe Gewinne auf Immobilien und Unternehmen möglich; gleichzeitig hat sich die Schere zwischen gut und schlecht Verdienenden weiter geöffnet. Nicht zuletzt zieht die Schweiz als Steueroase immer mehr reiche Ausländer an. Eine Erbschaftssteuer auf nationaler Ebene kennt die Schweiz – im Gegensatz zu unseren Nachbarn Frankreich und Deutschland – nicht. «Das heisst, die Vermögen durch Erbschaft steigen schneller an als anderswo», sagt Kissling.

«Occupy» am Paradeplatz

«Na und?», könnte man jetzt fragen und die Schultern zucken. «Na und?», hätte auch Hans Kissling, der heute pensionierte Statistiker, über manche Jahre hinweg denken können. Doch Kissling mag nicht schweigen: «Die Konzentration von Vermögen auf ein Prozent bringt nicht nur die Demokratie ins Wanken, sondern auch das gesamte Wirtschaftssystem.» Der Mittelstand und die unteren Schichten würden immer kritischer gegenüber diesem System. «Die Folge ist ganz klar: Es kommt ein protektionistisches Denken auf. Das dient der Marktwirtschaft zuletzt.»

Gleiche Tendenz wie in den USA

Doch von dieser Einsicht ist in der Schweiz noch nicht viel zu spüren. Dafür ist die «Occupy»-Bewegung mit ihren wenigen Unterstützern symptomatisch. Für Kissling ist das indes keine grosse Überraschung: «In den USA ist der Mittelstand zurzeit stärker unter Druck als bei uns. Deshalb geht dort auch der Mittelstand auf die Strasse.» Zudem verfüge die Schweiz über ein besser ausgebautes Sozialsystem als die USA. Doch die Tendenz sei auch in der Schweiz bemerkbar: «Für Menschen aus dem Mittelstand wird es auch in der Schweiz zusehends schwieriger, die Pflegeleistungen im Alter zu bezahlen. Bei jüngeren Familien fressen dafür die Betreuungskosten für die Kinder das gesamte Einkommen weg.»

Was tun? Kann Reichtum «umverteilt» werden? Die Reichen werden doch nichts freiwillig abgeben? «Doch, es gibt Reiche, die sich für eine gerechtere Verteilung ihres Vermögens einsetzen», sagt Kissling. In den USA gehöre es zum guten Ton, dass sich die Wirtschaftselite auch ethisch verhalte. So hat der Grossinvestor und Multimilliardär Warren Buffet selber die Forderung aufgestellt, Superreiche in den USA höher zu besteuern. Und als George W. Bush die Erbschaftssteuer abschaffen wollte, stellte sich ihm eine breite Allianz von Reichen entgegen. Für die Schweiz fordert Kissling deshalb – wie schon 2008 in seinem Buch – ebenfalls die Einführung einer nationalen Erbschaftssteuer.

Basisdemokratie verhindert Treffen

Der Zürcher Bankenverband will sich am Mittwoch Mittag mit Vertretern der «Occupy Paradeplatz»-Bewegung zum Gespräch treffen – auch wenn die Protestierenden ein Treffen ablehnen.

Die «Empörten» könnten nicht an das Treffen kommen, weil es eine konsensorientierte und basisdemokratische Bewegung nicht erlaube, eine Delegation zu entsenden, begründete die Bewegung ihre Absage. Es sei aber möglich, eine Botschaft zu überbringen.

Bewegung schlägt Vollversammlung vor

Die Bewegung lädt die Bankenvertreter stattdessen zu einer Vollversammlung ein, die am Donnerstagabend auf dem Lindenhof stattfindet. Daran könne aber der Bankenverband nicht teilnehmen, schreibt dessen Präsidiumsmitglied Hans-Peter Portmann in einem Brief an die «Empörten».

Wegen der fehlenden Bewilligung stelle die Besetzung des Lindenhofs eine «illegale Aktion in einem rechtsfreien Raum» dar. «Mit unserer Anwesenheit würden wir dies stillschweigend tolerieren», schreibt Portmann weiter. Er sei verpflichtet, sich an die Gesetze zu halten. (sda)

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