Vernichtendes Zeugnis: Noemi (17) findet seit über zwei Jahren keine Lehrstelle
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Vernichtendes ZeugnisNoemi (17) findet seit über zwei Jahren keine Lehrstelle

Eine 17-Jährige sucht verzweifelt nach einer Lehrstelle in der Pflege. Dass es nicht klappt, führt sie auch auf ein Zeugnis aus der Realschule zurück.

von
Daniel Waldmeier
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Noemi sucht eine Lehrstelle in der Pflege. 

Noemi sucht eine Lehrstelle in der Pflege.

Schlechte Noten, vernichtende Kommentare: ein Ausschnitt aus dem Zeugnis von Noemi. 

Schlechte Noten, vernichtende Kommentare: ein Ausschnitt aus dem Zeugnis von Noemi.

Die 17-Jährige würde gerne in einem Spital arbeiten. 

Die 17-Jährige würde gerne in einem Spital arbeiten.

KEYSTONE

Darum gehts

  • «Du bist aber für jegliche Anstrengungen zu bequem», schrieb ein Lehrer ins Zeugnis einer heute 17-Jährigen.
  • Sie sagt, das Zeugnis benachteilige sie bei der Suche nach einer Lehrstelle.
  • Bei ihrer ehemaligen Schule heisst es: «Die Lehrperson hat der Schülerin mit diesem Lernbericht nicht die Zukunft verbaut.»

Als Noemi aus dem Kanton Bern 2016 das Zeugnis erhielt, kümmerte es sie nicht gross. Heute ist das anders: «Ich suche seit dem Ende der Realschule nach einer Lehrstelle, habe viele Bewerbungen geschrieben. Ich möchte in die Pflege, kriege aber nirgends eine Chance.» Die Absagen führt sie unter anderem auf ihre Zeugnisse aus der 7. Klasse zurück.

Diese fielen vernichtend aus. Neben schlechten Noten kommentierte der Klassenlehrer die Leistungen schriftlich. So schrieb er etwa: «Fähigkeiten und Begabungen wären durchaus vorhanden. Du bist aber für jegliche Anstrengungen zu bequem.» Oder: «Du könntest mehr, wenn du dich nur geringfügig mehr anstrengen würdest.»

Zukunft verbaut?

Noemi sagt, das Zeugnis mache die potenziellen Arbeitgeber glauben, dass sie faul sei, obwohl die Noten nach einem Umzug besser geworden seien. Die heute 17-Jährige ist nahe Neapel in Italien aufgewachsen. «Dort war ich Klassenbeste.» Später kam die Mutter mit ihr in die Schweiz.

Der Start sei schwierig gewesen. «Ich konnte nicht so gut Deutsch, auch meine Mutter nicht, in der Klasse wurde ich nicht akzeptiert», sagt Noemi. Der Lehrer habe dafür kein Verständnis gehabt. «Ich hatte das Gefühl, dass er etwas gegen mich hatte. Mit dem Zeugnis hat er mir Steine in den Weg gelegt. Ich würde ihn gern fragen, wieso er das getan hat.»

Schule verteidigt Zeugnis

Die Schulleiterin von Noemis ehemaliger Schule im Berner Oberland sagt gegenüber 20 Minuten zur Frage, ob die Bemerkungen im Zeugnis angebracht seien: «Die Beurteilung des Arbeits- und Lernverhaltens sagt für die Lehrstellensuche weit mehr aus, als summative Beurteilungen in Form von Noten.»

Die Schule hält fest, dass der Lernbericht der 7. Klasse für die Lehrstellensuche nicht verwendet werde: «Die Lehrpersonen überlegen sich immer sehr genau, wie ein Beurteilungsbericht verfasst wird. Die Lehrperson hat der Schülerin mit diesem Lernbericht nicht die Zukunft verbaut.» Man hoffe fest, dass die Schülerin in der 8. Klasse die Rückmeldungen der ehemaligen Klassenlehrperson umgesetzt und ihr durchaus vorhandenes Potenzial wirklich ausgeschöpft habe.

Sie dürfe sich gern auch bei ihrer alten Schule melden. «Wir unterstützen üblicherweise auch ehemalige Schüler bei der Lehrstellensuche und besprechen mit ihnen ein sinnvolles Vorgehen, allfällige Bewerbungsunterlagen und vor allem auch ihren Auftritt in den sozialen Medien.» Die Schule verweist zudem auf Fachstellen, die helfen könnten.

Noemi hofft, bald ein Praktikum absolvieren zu können und einen Lehrmeister zu finden, der den Zeugnissen nicht zu viel Bedeutung zumisst. «Ich bin aber überzeugt, dass ich mich gut um Patienten kümmern könnte.»

«Das ist ein tragischer Fall»

Dagmar Rösler, Präsidentin des Lehrerinnen und Lehrerverbandes LCH, sagt, welche Rolle Zeugnisse bei der Lehrstellensuche spielen.

Dagmar Rösler.

Dagmar Rösler.

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Frau Rösler, Noemi findet seit über zwei Jahren keine Lehrstelle. Wie frustrierend ist das?
Das ist tragisch. Wir wissen, dass es immer schwieriger wird, je länger eine Person sucht.

Die 17-Jährige führt die Suche unter anderem auf ein vernichtendes Zeugnis aus der Schule zurück. Hat der Lehrer ihr die Zukunft verbaut?Ich kenne den Fall nicht genau. Über die Tonalität kann man sich streiten. Aber: Lehrpersonen sind angehalten, die Schulleistungen zu dokumentieren. Lernberichte sollen eine Aussagekraft haben, sonst verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit. Schon heute kommt es vor, dass Lehrbetriebe auf eigene Tests setzen und die Zeugnisse ignorieren. Einen solchen Eintrag macht sich eine Lehrperson sicher nicht einfach.

Wie stark sollten Lehrbetriebe die Noten gewichten?In besagtem Fall wäre es übertrieben, bekäme die Schulabgängerin nur wegen eines Eintrags im Zeugnis keine Chance. Potenzielle Arbeitgeber können sie etwa schnuppern lassen, um ihre Eignung für einen Gesundheitsberuf zu testen. Es gibt viele Beispiele von Schülern mit schlechten Noten, die im Job aufgeblüht sind.

Wie gross ist die Chance, dass ein Zeugnis korrigiert wird?Es kommt immer wieder vor, dass Zeugnisse angefochten werden. Die Lehrpersonen dokumentieren die Leistungen in der Regel aber gut, sodass die Rekurse selten erfolgreich sind.

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