Pannen bei Orell Füssli: Nötli-Drucker in Nöten
Aktualisiert

Pannen bei Orell FüssliNötli-Drucker in Nöten

Dem Banknotendrucker Orell Füssli sind 1800 Tausendernoten abhanden gekommen. Der Klau markiert einen neuen Höhepunkt nach einer Serie gravierender Probleme.

von
L. Hässig

Der Krimi begann in der Notendruckerei Orell Füssli und spielt sich inzwischen auch bei der Bundesanwaltschaft ab. Rund 1800 Tausendernoten wurden bei Orell Füssli vor Jahresfrist entwendet. Ein paar Dutzend der noch nicht ganz fertiggestellten Scheine tauchten zuerst in London und vor kurzem auch in der Schweiz auf. Verdächtige wurden verhaftet, ein mutmasslicher Täter musste in England sieben Monate ins Gefängnis. Die nationalen Ermittler der Bundesanwaltschaft sind weiter auf der Suche nach den Verantwortlichen. Denn der Notendruck ist für Orell Füssli so heikel wie wichtig: Die grösste Kundin ist die Schweizerische Nationalbank (SNB).

Die Notenbanker sind wenig begeistert. «Was da bei Orell Füssli passiert ist, ist gar nicht gut», sagt ein Kadermann zu 20 Minuten. Offiziell schlägt die Notenbankführung diplomatischere Töne an. Deutlich sind diese dennoch: «Wir wollen sicherstellen, dass ein solches Ereignis in Zukunft möglichst ausgeschlossen werden kann», sagt SNB-Präsident Thomas Jordan in einer Stellungnahme.

SNB grösster Anteilseigner

Die Nationalbank ist nicht nur Hauptkunde von Orell Füssli, sondern besitzt mit 33 Prozent auch die Aktienmehrheit des Unternehmens. Für die Notenbank ist daher entscheidend, wie Orell Füssli die Defizite bei der Sicherheit ausmerzen will. «Die Sicherheit bei der Herstellung der Schweizer Banknoten steht für uns absolut im Vordergrund», sagt Thomas Jordan.

Bei der SNB geht man bisher laut einem Insider davon aus, dass Orell-Füssli-Mitarbeiter in den Diebstahl verwickelt sind. Sonst hätte es Spuren eines Einbruchs geben müssen.

Für Orell Füssli kommt der Klau zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Das Unternehmen steht gleich an mehreren Fronten unter Druck. Die Produktion der neuen Schweizer Banknoten hat sich zum wiederholten Mal verzögert. Während im Ausland vergleichbare Technologie bereits erfolgreich angewendet wird, musste Orell Füssli Probleme bei der Entwicklung eingestehen. Wann die neuen Noten endlich erscheinen, ist ungewiss.

Probleme bei Zulieferern?

Zunächst deutete Orell Füssli Probleme bei der Firma Landquart an, die für das neuartige Papier zuständig ist. In den letzten Wochen wurde aber klar, dass der Kern des Problems bei Orell Füssli liegt. Anfang Sommer trennte sich das Unternehmen vom Leiter des Bereichs Sicherheitsdruck. In diesem werden die Banknoten entwickelt und produziert. Auf den Abgang folgte zwei Monate später eine Gewinnwarnung – auch ausgelöst durch den damals bei Orell Füssli schon bemerkten Notenklau.

Dabei war der Sicherheitsdruck mit der Banknoten-Produktion lange eine sichere Gewinnlieferantin. Noch 2008 lag der Spartengewinn deutlich über 20 Millionen, selbst 2011 erwirtschaftete der Sicherheitsdruck noch ein Plus von rund 10 Millionen. Damals lag der Kurs der Orell-Füssli-Aktie deutlich über 100 Franken. Inzwischen hat der Titel Federn gelassen und notiert um die 74 Franken.

Reputation leidet

Das grösste Problem hat das Unternehmen mit der Reputaion. Gerade wenn man ein heikles Gut wie Banknoten herstellt, ist der Ruf von besonderer Bedeutung. Zweifel, dass die Notenherstellung nicht 100-prozentig gewährleistet ist, wären verheerend.

Bei Orell Füssli bemüht man sich um Schadensbegrenzug. Gab man sich bisher eher zugeknöpft, so ist heute der Wille spürbar, Fehler zuzugeben und daraus zu lernen. «Es ist uns bewusst, dass wir in letzter Zeit wenig Positives aus der Sicherheitsdruckerei kommunizieren konnten», sagt Orell-Füssli-Sprecherin Daniela Diethelm. «Wir haben erkannt, dass in vielen Bereichen Verbesserungsbedarf besteht, und haben entsprechende Massnahmen eingeleitet.» Man wisse aber, dass es noch viel zu tun gebe.

«Die Sicherheit wurde verschärft»

Herr Kunz*, schon wieder Negativschlagzeilen über Orell Füssli. Schadet das der Reputation der sensiblen Sparte Sicherheitsdrucke?

Der Vorfall und die bereits kommunizierten Themen sind der Reputation sicher nicht zuträglich. Die Sparte Sicherheitsdruck hat aber in den letzten Monaten verschiedenste Massnahmen eingeleitet, um wieder auf Erfolgskurs zurückzukehren. Wir investieren in den Maschinenpark haben die Qualitätssicherung verstärkt.

Ihnen wäre wohl lieber gewesen, die Nationalbank hätte die Bevölkerung nicht gewarnt und der Vorfall wäre unter dem Deckel geblieben…

Wir sind für Transparenz und richten uns nach unseren Kunden. Es ist auch aus unserer Sicht richtig und von uns unterstützt worden, dass in Absprache mit der Nationalbank und der Bundesanwaltschaft informiert wird.

Wie erklären Sie sich den Diebstahl? Was ist geschehen?

Wir können aus Vertraulichkeitsgründen keine Informationen liefern. Die zuständigen Behörden wurden von uns von Anfang an umfassend orientiert.

Wie verhinderten Sie bisher, dass Mitarbeiter Noten klauen?

Wir haben ein umfassendes Sicherheitsdispositiv, das sich über viele Jahre bewährt hat. Im Herbst letztes Jahr mussten wir leider feststellen, dass es gelungen ist, Noten aus unserer Druckerei rauszubringen. Entsprechend haben wir gewisse Verschärfungen vorgenommen, um zukünftig solche Fälle zu verhindern

Haftet Orell Füssli für den Diebstahl? Oder gibts dafür eine Versicherung?

Orell Füssli haftet gegenüber dem Kunden. Mit der Versicherung sind Abklärungen im Gange.

*Michel Kunz ist seit Mai 2010 CEO von Orell Füssli. Die Fragen wurden durch die Pressestelle schrifitlich beantwortet. (sas)

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