Dekor-Beschiss: Nordirland gaukelt mit Fototapeten Wohlstand vor
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Dekor-BeschissNordirland gaukelt mit Fototapeten Wohlstand vor

In Nordirland wird nächste Woche der zweitägige G-8-Gipfel abgehalten. Um sich in ein besseres Licht zu stellen, hat die Regierung nun wirtschaftlich desolate Städtchen verkleidet.

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Lang, lang ists her, als die russische Zarin Katharina II. 1787 in das just eroberte Krimgebiet reiste, um sich ihren neuen Besitz zeigen zu lassen. Die Führung übernahm ihr Günstling und Geliebter, der Feldmarschall Reichsfürst Grigori Alexandrowitsch Potemkin, der sich um die Entwicklung dieses Gebietes kümmerte. Um seine Herrin zu beeindrucken, liess Potemkin entlang dem Weg Kulissen mit aufgemalten Häuserfassaden aufstellen, die einerseits den wahren desolaten Zustand der Gegend verbargen und andererseits den Eindruck erweckten, als stünden da Dörfer. So jedenfalls will es die Sage, der wir den Ausdruck «Potemkinsche Dörfer» verdanken.

Potemkinsche Dörfer in Nordirland

Diese Art der Blenderei gibt es nun auch in einer modernen Version, und zwar in Nordirland. Denn am 16. und 17. Juni findet dort der G-8-Gipfel statt; während dieser Zeit wird den wichtigsten Staatsmännern der Welt ein wirtschaftlicher Boom vorgegaukelt, den man sich im finanzkrisengeschüttelten Land schon lange nur noch wünschen kann.

Dafür hat die britische Regierung, die dieses Jahr den Vorsitz der G-8 hat, tief in die Taschen gegriffen. Mit 2,4 Millionen Euro wurden im winzigen Kaff Belcoo nach dem Vorbild des russischen Marschalls Shops und Cafés hervorgezaubert, wo seit langem nur noch aufgegebene Läden stehen. Deren Fensterfronten wurden ganz einfach mit Plakaten überklebt, die ein prosperierendes Treiben zeigen. So hängen im «Schaufenster» der «Metzgerei» dicht an dicht Würste, und im «Restaurant» lassen sich die Gäste bewirten (siehe Bildstrecke oben). Im rund 15 Kilometer entfernten Enniskillen wurden Fassaden neu gestrichen und hässliche, unfertige oder einfallende Bauten hinter riesigen Leinwänden versteckt, die hübsche Landschaften zeigen.

Kopfschütteln über die Attrappen

Der Umweltminister des Landes begründet die Aktion laut «orf.at» so: «Wir sollten Nordirland im bestmöglichen Licht erscheinen lassen.» Und Nordirlands Minister für soziale Entwicklung führt aus: «In solch schwierigen Zeiten für den Handel ist es wichtig, dass die Stadtzentren so attraktiv und einladend wie möglich aussehen.»

Ob sich die Staats- und Regierungschefs aus den USA, Russland, Italien, Japan, Kanada, Deutschland und Frankreich blenden lassen, wird sich weisen. Die meisten Einwohner des 14'000-Seelen-Ortes Enniskillen haben für die Attrappen, von denen in einem halben Jahr wohl nur noch Papierfetzen zeugen werden, lediglich ein Kopfschütteln übrig. «Die Geschäftsfassaden sind Schönheitsoperationen für ernsthafte Verletzungen», sagte ein 62-jähriger Bewohner gegenüber dem TV-Sender RTE. Die Regierung habe sich nur um die Banken gekümmert, anstatt gute Geschäfte zu retten.

Die Wirtschaftskrise hat Nordirland stark getroffen. Sogar das Luxushotel, in dem der Gipfel stattfindet, erhält seit 2011 Subventionen.

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