Geheimbund: Norman Gobbi wollte Freimaurer werden
Aktualisiert

GeheimbundNorman Gobbi wollte Freimaurer werden

Bundesratskandidat Norman Gobbi stellte einst ein Aufnahmegesuch bei der Bruderschaft der Freimaurer. Im Tessin war die Aufregung gross.

von
J. Büchi

Um kaum einen Geheimbund ranken sich so viele Mythen wie um die Organisation der Freimaurer. Die Bruderschaft lieferte Stoff für zahlreiche Hollywood-Filme und Romane, zudem war sie über die Jahrhunderte Mittelpunkt diverser Verschwörungstheorien. Einer, der enge Beziehungen zu den Freimaurern pflegt, könnte nun in die Schweizer Regierung gewählt werden: SVP-Kandidat Norman Gobbi.

Vor rund vier Jahren machte die Tessiner Zeitung «Il Caffè» publik, dass Gobbi – damals frisch gewählter Staatsrat – bei der Bruderschaft um Aufnahme ersucht hatte. Unter den Freimaurern habe es allerdings Widerstand gegeben: Sie hätten das Begehren des Lega-Politikers vorerst abgelehnt, weil sie Zweifel gehegt hätten, dass dessen Einstellung mit den Grundsätzen der Bruderschaft vereinbar seien. Gobbi soll aber nicht lockergelassen haben. Die Journalisten berichteten von einem Treffen, bei dem es Gobbi gelungen sei, die «Brüder» umzustimmen. Schon bald werde der Minister deshalb «in weisser Schürze» und «mit weissen Handschuhen» das Aufnahmeverfahren, das «Ritual der Erleuchtung», durchlaufen, hiess es im Artikel.

«Dunkle Kräfte»

Während die Nachricht in der Deutschschweiz weitgehend unbeachtet bliebt, versetzte sie die Tessiner Politik damals in Aufruhr. Von «mangelnder Transparenz» und «dunkeln Kräften» war die Rede. Gobbi reagierte mit einem offenen Brief: Er habe sein Beitrittsgesuch bereits im März 2010 «einfrieren lassen», teilte er der Öffentlichkeit mit. Wenn überhaupt, dann herrschten die «dunklen Kräfte» eher in gewissen Redaktionsstuben. Er werde sich von solchen Medienberichten nicht davon abhalten lassen, sein Regierungsmandat auszuüben.

Auf Anfrage von 20 Minuten bekräftigt Gobbi, er habe 2010 «aus Rücksicht auf sein öffentliches Amt» auf einen Beitritt zu den Freimaurern verzichtet. Bis heute sei er kein Mitglied der Bruderschaft. Im gefielen aber «die gemeinsamen Werte und die Zusammengehörigkeit» der Organisation sowie «der Austausch der Gedanken und das Ziel, ein selbstbestimmtes Leben zum Nutzen aller zu führen».

Der Mensch als «rauer Stein»

Sektenexperte Georg Otto Schmid sagt, die Freimaurer seien seit jeher vielen Leuten «suspekt». Insbesondere die katholische Kirche habe die Freimaurerei lange Zeit bekämpft. Die Grundprinzipien der Bruderschaft – Freiheit, Gleichheit und Toleranz – seien aber jene, auf denen auch der Schweizerische Bundesstaat gründe. «Ich halte es für gut möglich, dass 1848 alle sieben Bundesräte Freimaurer waren – sicher aber war es der erste Bundespräsident, Jonas Furrer.» Ziel der Freimaurer sei die Schaffung eines liberalen Staates. Sie gingen dabei von der Vorstellung aus, dass der Mensch von Natur aus ein «rauer Stein» sei, der geschliffen werden müsse.

Heute seien es wohl in erster Linie die Rituale, die manchen Leuten «nicht geheuer» seien. Die Bruderschaft kennt drei Stufen von Initiationsritualen: Vom Lehrling wird man zum Gesellen und schliesslich zum Meister. «Im letzten Ritual durchlebt man symbolisch den Tod, diesem Brauch haftet für viele Leute etwas Okkultes an.» Laut Schmid dürfte die Ablehnung des Ordens im Tessin ausgeprägter sein als anderswo, da dort auch der Kampf zwischen Liberalen und Katholisch-Konservativen intensiver geführt wurde.

Insgesamt hätten die Freimaurer in den letzten Jahrzehnten massiv an Bedeutung eingebüsst: «Waren ihre Logen früher wichtige Networking-Treffpunkte, haben diese Funktion heute andere Organisationen wie Rotary übernommen.»

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