Aktualisiert 06.06.2005 12:11

Norwegen wird Hundert

Viel fehlte wohl nicht zum blutigen Krieg zwischen Norwegen und Schweden. Beide Seiten hatten ihre Armeen in Stellung gebracht, aber dann setzten sich in Oslo und Stockholm doch die besonneneren Kräfte durch.

Die Unabhängigkeit Norwegens wurde am 7. Juni 1905 besiegelt. UN-Generalsekretär Kofi Annan lobte erst kürzlich die friedliche Trennung der beiden Länder als nachahmenswertes Beispiel.

In den vergangenen Jahren sind sich die Nachbarstaaten sogar noch näher gekommen. In einer freundschaftlichen Rivalität wachsen die sozialen und wirtschaftlichen Kontakte. Das grössere Schweden bleibt dabei so etwas wie der grosse Bruder. Andererseits ist Norwegen dank seiner Ölreserven zu einem der reichsten Länder der Welt aufgestiegen und wurde von den Vereinten Nationen wiederholt zum Land mit der höchsten Lebensqualität gewählt. Inzwischen kommen die Schweden wegen der höheren Löhne nach Norwegen, und die Norweger gehen wegen der niedrigeren Preise zum Einkaufen nach Schweden.

«Die Verbundenheit der beiden Länder hat tiefe Wurzeln in den Völkern», stellte der schwedische Ministerpräsident Göran Persson kürzlich bei einem Besuch im Nachbarland fest. «Sie heiraten einander, sie arbeiten und machen Urlaub im jeweils anderen Land, sie lesen die Schriftsteller und sehen die Filme des anderen. Es geht in Schweden inzwischen so weit, dass wir uns über die sportlichen Erfolge der Norweger freuen wie über unsere eigenen.» Letzteres dürfte angesichts der grossen Rivalität gerade in den nordischen Wintersportarten aber wohl eher eine gut gemeinte Übertreibung im festlichen Rahmen gewesen sein.

Auch politisch wetteifern beide Länder. Dabei geht aber darum, wer der bessere Friedenstifter auf der Welt ist. Norwegische Diplomaten vermitteln im Nahen Osten, in Sri Lanka, im Sudan und auf den Philippinen. Schweden hat Friedens- und Entwaffnungskonferenzen organisiert, Ministerpräsident Olof Palme vermittelte bis zu seiner Ermordung 1986 im iranisch-irakischen Krieg.

Aber auch wenn sich beide Länder für den Frieden einsetzen, absolut pazifistisch sind sie keineswegs. Norwegen ist NATO-Mitglied und beteiligt sich am Krieg in Afghanistan. Schweden gehört zu den grössten Waffenexporteuren und stellt hoch entwickelte Kampfflugzeuge, U-Boote, Haubitzen und Granatwerfer her.

Beide Länder feiern das Jahrhundert der norwegischen Unabhängigkeit mit grossen Festen, Ausstellungen und gegenseitigen Besuchen der königlichen Familien. Auch die Einweihung einer neuen Brücke zwischen beiden Ländern stand auf dem Programm.

Guerillakrieg abgewendet

Die Auflösung der norwegisch-schwedischen Union 1905 sei schon eine Anerkennung wert, schrieb der Kolumnist Lars Jonung in der Stockholmer Zeitung «Dagens Nyheter». Die Trennung sei zu einem internationalen Vorbild geworden. Dabei legten Schweden und Norweger ihre Konflikte in der Vergangenheit keineswegs immer friedlich bei. Die Schweden führten über Jahrhunderte Kriege mit ihren Nachbarn. Im 17. Jahrhundert war ihr Land eine regionale Grossmacht. Zu Zeiten der Wikinger plünderten und raubten die Norweger in ganz Europa, die meiste Zeit waren sie aber Untertanen ihrer mächtigeren Nachbarn.

Nach mehr als 400 Jahren in einer Union mit den Dänen fiel Norwegen in der Folge der napoleonischen Kriege 1814 an Schweden. Am 7. Juni 1905 erklärten die Norweger dann einseitig ihre Unabhängigkeit und sagten sich vom schwedischen König Oskar II. los. «König Oskar entthront von Norwegen», titelte der britische «Daily Telegraph» am 8. Juni. Und die norwegische Zeitung «Dagen» betitele eine Extraausgabe: «Unionskrise: Staatsstreich ausgeführt.» Letztlich siegte auf beiden Seiten dann aber wohl die Vernunft. Eine offene Schlacht hätte Schweden mit seiner überlegenen Armee wohl gewonnen, gefolgt wäre dem aber vermutlich ein Guerillakrieg der Norweger, der sich noch lange hingezogen hätte. (dapd)

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