Ein Jahr danach: Norwegens Prozess gegen das Böse

Aktualisiert

Ein Jahr danachNorwegens Prozess gegen das Böse

Das Blutbad von Anders Behring Breivik machte Norwegen und die Welt fassungslos. Bald soll ihn ein Gericht für seine Gräueltaten verurteilen. Ein Rückblick auf den Prozess.

von
jbu

Auch ein Jahr nach Anders Behring Breiviks kaltblütigem Massaker an 77 Menschen bleibt die quälende Frage nach dem Warum. Viele Norweger hofften, während des Gerichtsprozesses gegen den Massenmörder Antworten auf diese Frage zu finden. Am 16. April 2012 hat der Prozess begonnen – und damit für die Angehörigen der Opfer viele Stunden voller Verzweiflung, Hilflosigkeit und Hass.

Die Tränen des Massenmörders

Am ersten Prozesstag weinte Breivik. Tränen rollten über seine Wangen, als der Staatsanwalt ein YouTube-Video vorführte, das Breivik vor seiner Tat ins Internet gestellt hatte. Muslime würden Europa kolonialisieren und christliche Europäer müssten dagegen bewaffnet vorgehen, sagte Breivik in dem Clip. Sein Anwalt erklärte die Tränen damit, dass Breivik davon bewegt gewesen sei, sich an seine Mission zu erinnern, «Europa vor einem andauernden Krieg zu retten». Es blieb das einzige Mal, dass der 33-Jährige Emotionen zeigte.

Der Ehrengruss

An den ersten beiden Tagen des Verfahrens grüsste Breivik das Gericht und seine verbündeten «Tempelritter» mit seiner eigenen Version des Hitlergrusses, bei dem er den rechten Arm ausstreckte und die Hand zur Faust ballte. Als die Anwälte ihm erklärten, dass die Familien der Opfer dies als beleidigend empfänden, stoppte Breivik das Verhalten. Seinen Ehrengruss zeigte er nur noch einmal - als die Staatsanwälte ihn zum Geistesgestörten erklären wollten.

Die schreckliche Zeugenaussage

Überlebende der Bombenanschläge in Oslo und des Massakers auf der Insel Utøya gaben erschütternde Berichte über Breiviks Amoklauf ab. Doch die grauenhafteste Zeugenaussage kam vom Täter selbst. Die Mordserie von Utøya schilderte er Opfer für Opfer, Kugel für Kugel, ohne irgendein Detail auszusparen - der Gerichtssaal war geschockt. Seine Stimme kippte nicht, sein Gesicht blieb ausdruckslos. Er habe sich durch Meditation vorbereitet, um die Fassung zu bewahren, sagte Breivik. Einige Psychiater sahen den emotionslosen Auftritt als Beweis für schwere psychische Krankheit.

Der Schuhwerfer

Am 11. Mai schleuderte ein irakischer Mann, dessen Bruder auf Utøya starb, seinen Schuh auf Breivik. Der Prozess wurde kurz unterbrochen, der weinende Mann aus dem Saal geführt. Es blieb der einzige Ausbruch von Wut während des Verfahrens. Die Verwandten der Opfer blieben bemerkenswert ruhig, sie wollten das Gericht respektieren. Einige sagten, man dürfe Breivik keine Chance geben, später von einem unfairen Prozess zu sprechen.

Die Psychiaterfehde

Die beiden vom Gericht berufenen Psychiater-Teams präsentierten sich widersprechende Ansichten über den Geisteszustand Breiviks. Weitere Experten wurden geladen. Die Staatsanwälte sagten schliesslich, es gebe Zweifel, ob Breivik nach norwegischen Regeln psychotisch sei. Breivik selbst sagte, das Schlimmste, was ihm passieren könne, sei, in die Psychiatrie gesteckt zu werden. Die Vorwürfe hätten nur das Ziel, seine politischen Positionen zu entkräften, so der Massenmörder. Seine Anwälte wiesen den Vorwurf zurück, Breivik sei geistesgestört.

Die Zukunft

Das Gericht beendete die Verhandlungen am 22. Juni. Da Breivik die Taten zu keinem Zeitpunkt leugnete, drehte sich das Verfahren hauptsächlich um die Frage, ob der selbsternannte Kämpfer gegen den Islam als geistesgestört einzuschätzen sei oder nicht. Falls die Richter der Staatsanwaltschaft folgen und Breivik als geistesgestört sehen, kommt er in Behandlung. Falls er als strafmündig eingestuft wird, droht Breivik wohl die norwegische Höchststrafe von 21 Jahren Gefängnis. Danach könnte man ihn als «Gefahr für die Gesellschaft» einschätzen und so noch länger hinter Gittern halten.

Wie auch immer das Urteil lauten wird – die Wunden der Norweger sind noch längst nicht verheilt. Der Tag, an dem 77 Menschen auf so grausame Art und Weise starben, wird im Gedächtnis des Landes tiefe Narben hinterlassen.

(jbu/dapd)

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