Notenschnitt abschaffen? - Notenverschärfungs-Pläne von Economiesuisse für Mathe und Deutsch fallen bei Maturanden durch
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Notenschnitt abschaffen?Notenverschärfungs-Pläne für Mathe und Deutsch fallen bei Maturanden durch

Die Wirtschaft will die Spielregeln fürs Gymi verschärfen. Wer in wichtigen Fächern durchrasselt, soll das durch den Notenschnitt nicht mehr ausgleichen können. Für die Schülerinnen und Schüler ist das ein No-Go, sie befürchten mehr Druck und psychische Probleme.

von
Fabian Pöschl
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Die Pläne für die neuen Matura-Regeln von Economiesuisse kommen bei Schülerinnen und Schülern nicht gut an.

Die Pläne für die neuen Matura-Regeln von Economiesuisse kommen bei Schülerinnen und Schülern nicht gut an.

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Der Wirtschaftsverband will, dass wer in Mathe oder Deutsch durchfällt, dies nicht mehr mit einem genügenden Notenschnitt kompensieren kann.

Der Wirtschaftsverband will, dass wer in Mathe oder Deutsch durchfällt, dies nicht mehr mit einem genügenden Notenschnitt kompensieren kann.

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Die beiden Fächer seien entscheidend für den späteren Studienerfolg, sagt der Economiesuisse-Vertreter.

Die beiden Fächer seien entscheidend für den späteren Studienerfolg, sagt der Economiesuisse-Vertreter.

Tamedia

Darum gehts

  • Für die Matura sollen neue Regeln gelten.

  • Der Wirtschaftsdachverband will, dass man nicht mehr besteht, wenn man in Mathe oder Deutsch durchfällt.

  • Schülerinnen und Schüler fürchten deshalb mehr Druck und psychische Probleme.

  • Auch der Studienexperte hält die Forderung so für nicht geeignet.

Maturandinnen und Maturanden wehren sich gegen ein härteres Gymi. Sie haben kein Verständnis für die Forderung des Wirtschaftsverbands Economiesuisse, wonach man nur noch bestehen soll, wenn man in den Fächern Mathe und Deutsch die Note Vier schafft. Ungenügende Deutsch- oder Mathenoten könnten die Schülerinnen und Schüler dann nicht mehr mit einem genügenden Notenschnitt kompensieren.

«Wer sehr gut ist in einem Fach, kann heute ein anderes stiefmütterlich behandeln und dennoch die Maturität erreichen. Ein solches Vorgehen bei Deutsch oder Mathe rächt sich aber später im Studium», sagt Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch zu 20 Minuten. Zumindest genügende Kenntnisse in Deutsch und Mathe seien für fast alle Studiengänge absolut notwendig.

Der Wirtschaftsverband richtet sich mit der Forderung an die Politik. Eine Fachgruppe des Bundes und der Kantone hat bereits Vorschläge für eine Maturitätsreform zusammengestellt (siehe Box).

Bis zum Schluss seriös büffeln

Ein Vorschlag der Fachgruppe des Bundes und der Kantone besteht laut Bericht der «NZZ am Sonntag» darin, die Leistungen an den Abschlussprüfungen mehr zu gewichten. Heute wird die Gesamtnote aus dem Prüfungsresultat und der Erfahrungsnote ermittelt. Das soll sich ändern. Die Prüfungen sollen separat bewertet werden. Nur wer an den Schlussprüfungen einen Schnitt von «Vier» erreicht und höchstens zwei ungenügende Noten hat, besteht die Matur. Mit der Matur-Reform solle niemand mehr einfach mit guten Vornoten die Matur bestehen können. Ziel der Fachgruppe ist es, dass sich die Maturanden bis zum Ende der Gymi-Zeit seriös vorbereiten müssen – auch auf die Schlussprüfungen.

Economiesuisse-Vorschlag «würde den Druck noch deutlich erhöhen»

Ganz anders sehen das die Lernenden, die sich bei 20 Minuten gemeldet haben. «Das wäre definitiv eine Katastrophe. Vor allem in Mathematik kommt es grösstenteils auf die Lehrerinnen und Lehrer an, wie gut man ist. Und heutzutage muss man nicht Deutsch bestens können, um Anwalt oder Ärztin zu werden! Schwachsinn», schreibt die 18-jährige Stephanie.

Die 17-jährige L.* fürchtet: «Mit Legasthenie wäre das für mich eine riesige Hürde und fast nicht schaffbar. Ich bin nicht nur in Mathe sehr schlecht, sondern habe durch die Legasthenie sehr viel Mühe in Deutsch. Ich bin jetzt im letzten Jahr, mal hoffen, das kommt nicht durch.»

Auch Joël (19) findet die Idee schlecht: «Für mich ist sie ein völliges No-Go! Der Druck auf die Schülerinnen und Schüler wächst jetzt schon jährlich mehr und mehr an. Diese Änderung würde den Stress auf die Schülerinnen und Schüler noch deutlich erhöhen. Das Resultat: Mehr Schülerinnen und Schüler mit Burnout-Syndromen und psychischen Problemen.»

*Name der Redaktion bekannt.

«Ich hatte in Mathe immer eine Drei»

Markus Diem, Leiter Studienberatung Universität Basel

Markus Diem, Leiter Studienberatung Universität Basel

Universität Basel

Was halten Sie von der Forderung von Economiesuisse, dass in der Matura die Note Vier in Deutsch und Mathe zwingend sein soll?

Markus Diem: «Pauschal würde ich diese Forderung nicht unterschreiben, weil es sehr darauf ankommt, was man studiert. Wir haben an den Universitäten zunehmend Leute im Masterstudium, die gar kein Deutsch können, weil sie aus andern Ländern kommen und der Unterricht durchgehend auf Englisch stattfindet.»

Gilt das auch für Mathe?

«Personen mit guten Matheleistungen sind an Universitäten eher erfolgreich. Dies liegt daran, dass man Mathematik nicht durch Nachahmen wie eine Sprache lernen kann, sondern wie bei einem Musikinstrument vor allem andauernd üben muss und diese Fähigkeit ist in allen Wissensgebieten vorteilhaft.»

Was würde die Schülerinnen und Schüler besser fürs Studium vorbereiten?

«Die Schweiz hat von allen vergleichbaren Ländern die tiefste Maturandenquote. Wir müssten es schaffen, dass Gymnasiasten nicht fast 20 Jahre alt werden müssen, bis sie ein Studium beginnen können.»

Wie wichtig sind die Matura-Schulnoten im späteren Laufweg?

«Völlig unwichtig. Der Mensch ist entwicklungsfähig. Ich hatte im Gymnasium in Mathe immer eine Drei, weil ich irgendwann abgehängt habe, aber als ich es für das Studium plötzlich brauchte und ich es wollte, habe ich mich dahinter geklemmt und später Lehraufträge für Mathe und Statistik an Universitäten innegehabt.»

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