Aktualisiert 09.09.2020 13:59

Reifenreparatur – Schadet ein Notfall-Kit mehr, als es nützt?

Moderne Autos haben oft kein Reserverad mehr, sondern ein sogenanntes Reifenreparatur-Kit. Das hat Vor- und Nachteile.

von
Markus Peter, AGVS
9.9.2020

Frage von Severin ans AGVS-Expertenteam:

Braucht man heutzutage eigentlich noch ein Reserverad? Oder reicht ein Notfall-Kit? Ich habe gehört, dass diese Notfall-Kits bei der Anwendung die Felge verkleben und dabei ziemlich in Mitleidenschaft ziehen.

Antwort des AGVS:

Lieber Severin

Die meisten Autos haben heute standardmässig ein Reparaturset für den Fall einer Reifenpanne an Bord. Wer ein Ersatzrad möchte, kann dies bei einigen Fahrzeugen als «Sonderausstattung» bestellen. Der Platz in der Ersatzradmulde unter dem Kofferraum ist aber oft beschränkt, weshalb das Verstauen eines Ersatzrades nicht immer möglich ist oder nur unter Verwendung eines Notrades, das kleiner und schmaler ist als die Serienräder.

Ein Reifenreparaturset besteht aus einem Kompressor und einer Dichtflüssigkeit. Diese hat ein Ablaufdatum und sollte periodisch ersetzt werden. Logischerweise funktioniert eine Reifenreparatur mit dieser Dichtmilch (Konsistenz und Farbe erinnern etwas an Kuhmilch, deshalb dieser Ausdruck) nur bei relativ kleinen Beschädigungen im Reifen, etwa durch einen überfahrenen Nagel. Wichtig ist auch, nach der vorerst erfolgreichen Reparatur den Reifendruck unterwegs wiederholt zu prüfen.

Die Anwendung der Reparatursets ist für viele Automobilisten wohl zu umständlich (so wie der Radwechsel mit Schraubenschlüssel auch…), so dass viele lieber gleich den Pannendienst rufen. Und ja, die Aussichten auf Erfolg sind bei einem vollwertigen Ersatzrad besser als bei einem Reparaturset. Immer vorausgesetzt, es hat genügend Luft im Ersatzrad, denn bei der Ausstattung mit Ersatzrad entfällt meistens der Kompressor

Du stellst richtig fest, dass die Dichtmilch eine klebrige Konsistenz hat und haben muss, um ihren Job zu erledigen. Sie verklebt aber nicht die Felge, sondern vielmehr die Reifeninnenseite und – falls vorhanden – den Reifendrucksensor. Dies sorgt sowohl seitens Kunde (Ersatz des Sensors), als auch seitens Reifenentsorger (Verkleben der Shredder-Werkzeuge) nicht gerade für Begeisterung.

Übrigens: Verschiedene Reifenhersteller bieten Reifen an, die auch bei einer Beschädigung noch fahrbar sind. Runflat-Reifen haben stabilere Seitenwände oder einen Stützring auf der Felge. Beides sorgt dafür, dass man auch mit einem Reifenschaden weiterfahren kann. Je nach Produkt kommt man mit maximal 80 km/h mindestens 80 Kilometer weit. Damit schafft man es problemlos in die nächste Werkstatt.

Ein anderes System sind «selbstheilende» Reifen. Diese Reifen haben bereits ab Produktion eine schleimartige zähe Schicht auf der Innenseite aufgebracht, die bei einem Einstich ihre Wirkung entfaltet und das Entweichen der Luft verhindert. Verschiedene Hersteller bieten diese Reifen unter unterschiedlichen Bezeichnungen an, gemeinsam ist ihnen in aller Regel das Wort «Seal», englisch für Siegel.

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1 Kommentar
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NuRoolz

10.09.2020, 06:51

Runflats haben aber auch Nachteile. Fahrkomfort z.T. deutlich schlechter (Lärm/Schwingungen...), leicht höheres Gewicht (paar hundert Gramm pro Reifen -> Verbrauch?), höherer Preis, es müssen immer 4 Runflats auf einmal montiert werden, i.d.R. nicht reparierbar, mögliche Risse bei der Montage a.d. Felge, usw. Das schlimmste war für mich aber die Lauf(un)ruhe...