Geldnot in der Schweiz«Notlage wie bei Banken» - SP-Chef Wermuth will Gesetz gegen Armut
Jeder zwanzigste Mensch in der Schweiz kann sich lebensnotwendige Güter nicht leisten. Nun schlägt die Politik Alarm. SP-Chef Cédric Wermuth verlangt ein eigenes Bundesgesetz, um die Armut bis 2030 zu halbieren.
Darum gehts
Über eine halbe Million Menschen in der Schweiz haben zu wenig Geld, um sich wichtige Güter leisten zu können.
Für SP-Co-Präsident Cédric Wermuth kann es so nicht weitergehen: Er fordert ein neues Bundesgesetz zur Armutsbekämpfung.
Die Mitte hat grundsätzlich offene Ohren für das Anliegen – zweifelt jedoch an der Art der Umsetzung.
Die SVP hingegen möchte die Thematik nicht auf Bundesebene zentralisieren: Die Sozialhilfe soll stattdessen weiterhin in der Verantwortung der Kantone und Gemeinden liegen.
Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt. Dennoch haben 8,7 Prozent der Bürgerinnen und Bürger zu wenig Geld, um sich wichtige Güter zu leisten. Das sind rund 745’000 Menschen. Besonders oft betroffen sind Migrantinnen und Migranten, Alleinlebende und Menschen ohne nachobligatorische Ausbildung.
Fast jede fünfte Person (18,9 Prozent) lebt in einem Haushalt, der nicht in der Lage ist, eine unerwartete Rechnung von 2500 Franken in nützlicher Frist zu bezahlen. Die Daten stammen aus dem neusten Bericht des Bundesamts für Statistik, der diese Woche publiziert wurde.
Hast du Mühe, deine Rechnungen zu zahlen?
Die hohe Zahl hat viele schockiert – auch SP-Co-Präsident Cédric Wermuth. Der Aargauer Nationalrat will das Problem nun mit der Schaffung eines neuen Bundesgesetzes lösen. In einem Vorstoss, den er am Freitag einreicht, beauftragt er den Bundesrat, die Armut bis 2030 zu halbieren.
SP-Wermuth: «Situation wird sich verschlimmern»
«Paradeplatz-Manager machen die hohle Hand und erhalten ihre Milliarden. Das wird in Bundesbern als alternativlos wahrgenommen, aber das Schicksal von Hunderttausenden ist zu vielen hier egal», sagt Wermuth. Dabei müssten viele Menschen auf medizinische Behandlungen oder gesunde Ernährung verzichten.
«Für Banken wendet man in der Schweiz sofort Notrecht an, für armutsbetroffene Menschen passiert hingegen viel zu wenig, obwohl es genauso eine Notlage ist», erklärt der SP-Chef. Die Armutsbekämpfung müsse im Bundesrat jetzt zur Top-Priorität werden. «Denn durch die Inflation, die steigenden Krankenkassenprämien und Mieten und die Corona-Nachwirkungen verschlimmert sich die Situation noch», ist er überzeugt.
Auch viele Erwerbstätige kommen in der Schweiz nur knapp über die Runden. Im Video erzählen Vicky (31) und Ivan (32) von ihrem Alltag. Sie leben gemäss eigenen Aussagen trotz Doppelverdienst am finanziellen Limit.
Wermuth will deshalb «sofort» zusätzliche finanzielle Unterstützung durch den Bund für armutsbetroffene Familien zur Verfügung stellen. «Es darf nicht sein, dass Kinder in der reichen Schweiz in Armut aufwachsen». Mittelfristig müsse der Bundesrat per neuem Gesetz dafür sorgen, dass die Menschen selbst aus der Armut herausfinden. «Dazu braucht es Löhne, die zum Leben reichen, bezahlbare Gesundheit und Mieten und einen besseren Zugang zur Bildung für alle.»
Mitte hat offene Ohren, SVP sieht keine Bundesaufgabe
Auch die Mitte sieht Handlungsbedarf in Sachen Armut in der Schweiz. Grundsätzlich würde die SP mit ihrem Anliegen wohl bei der Mitte-Partei auf offene Ohren stossen, sagt Lorenz Hess, Mitte-Nationalrat und Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit.
Er sei aber skeptisch gegenüber einem neuen Gesetz hierfür: «Ich kann mir schlecht vorstellen, dass man alle betroffenen Bereiche – von Bildungszugang bis hin zu Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien – in ein einzelnes Gesetz reinpacken kann.»
Seiner Meinung nach sei es effizienter, den Hebel in einzelnen Bereichen anzusetzen und dazu Vorstösse einzureichen – bei solchen sei auch die Chance hoch, dass die Mitte diese unterstütze.
SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi sagt: «Unserer Ansicht nach sind die Kantone und Gemeinden zuständig für die Sozialhilfe und sollen dies auch bleiben.» Die Sozialhilfe solle nicht auf Bundesebene zentralisiert werden. «Gibt es Situationen in einzelnen Kantonen und Gemeinden, bei denen die Sozialhilfe unzureichend ist, so soll dies direkt in den jeweiligen Kantonen und Gemeinden angegangen werden», so Aeschi.
Lebst du oder lebt jemand, den du kennst, in Armut?
Hier findest du Hilfe:
Tischlein deck dich, Lebensmittelhilfe
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