Trick missglückt: Notorische Betrügerin muss zum Psychiater
Aktualisiert

Trick missglücktNotorische Betrügerin muss zum Psychiater

Sie erzählte einer 67-jährige Seniorin aus Wädenswil Mitleidsgeschichten über sich und ihre Kinder und versucht damit die ältere Frau um 130'000 Franken zu erleichtern. Doch die Falle schnappte zu.

von
Attila Szenogrady

Mit erfundenen Mitleidsgeschichten hat eine Enkeltrickbetrügerin eine gutgläubige Wädenswiler Seniorin um über 1000 Franken gebracht. Während das Bezirksgericht Horgen die Betrügerin zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von neun Monaten verurteilt hatte, ordnete das Obergericht ein Gutachten über die angeblich psychisch angeschlagene Beschuldigte an.

«Die Angeklagte ging raffiniert, strategisch und nach einem erfolgreich erprobten System vor», erklärte die zuständige Staatsanwältin Claudia Wiederkehr am Donnerstag vor dem Zürcher Obergericht. Ihre Vorwürfe gingen auf den 19. Mai 2011 zurück. Damals sprach die heute 31-jährige Beschuldigte vor der Migros-Filiale in Wädenswil eine heute 67-jährige Seniorin an. Die in Wien wohnhafte Roma-Frau bat die Rentnerin um Geld und machte eine Notlage geltend.

Erfundene Mitleidsgeschichten

Fest steht, dass die mehrfach einschlägig vorbestrafte Betrügerin die gutgläubige Wädenswilerin mit erfundenen Mitleidsgeschichten um den Finger wickelte. So erzählte sie, dass sie mit ihren drei Kindern ohne Papiere in der Schweiz bei einer Türkin in Au lebe. Allerdings drohe ihr die Kündigung, da sie die monatliche Miete von 1000 Franken nicht mehr bezahlen könne. Weil sie sich hier illegal aufhalte, könne sie das Sozialamt nicht aufsuchen, beklagte sie sich.

Die Geschädigte hatte Erbarmen und lud die Mutter am nächsten Tag in ihre Wohnung zum Mittagessen ein. Dort übergab sie der vermeintlich völlig verarmten Frau 1000 Franken sowie weitere 50 Franken für ihre Kinder.

In Polizeifalle getappt

Keine drei Tage später suchte die Roma-Frau die Geschädigte erneut an ihrem Wohnort auf. Sie ging die gläubige Christin erneut um Geld an. Diesmal aber in der Höhe von rund 130 000 Franken. So müsse sie für eine Nierenoperation ihrer dreijährigen Tochter aufkommen, sagte sie. Das Opfer glaubte das Märchen und beschloss ihre Lebensversicherung aufzulösen, um der Besucherin mit wenigstens 40 000 Franken zu helfen.

Allerdings hatte die Geschädigte diesmal Glück. So ging der Angestellte der Versicherung aufgrund der Schilderungen der Seniorin von einem Enkeltrickbetrug aus und schaltete die Polizei ein. Diese stellte der Touristin in der Wohnung der inzwischen eingeweihten Wädenswilerin eine Falle. Als die Beschuldigte auftauchte und ein Couvert mit Papierschnitzeln entgegennahm, wurde sie von den Fahndern festgenommen.

Zuerst neun Monate unbedingt

Im letzten Juli musste sich die österreichische Staatsangehörige zunächst vor dem Bezirksgericht Horgen verantworten. Die nicht geständige Frau wurde wegen gewerbsmässigen Betrugs anklagegemäss zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von neun Monaten verurteilt.

Zum Unwillen des Verteidigers, der infolge Opfermitverantwortung nicht nur einen Freispruch, sondern auch die unverzügliche Haftentlassung seiner Klientin verlangt hatte.

Psychiatrisches Gutachten angeordnet

Die Verteidigung legte Berufung ein und erneuerte am Donnerstag vor Obergericht ihre Anträge. Diesmal in entschuldigter Abwesenheit der Beschuldigten. Sie wurde inzwischen aus gesundheitlichen Gründen aus dem Gefängnis entlassen und soll heute wieder in Wien leben.

Zum Missfallen der Staatsanwältin, die nicht nur eine Straferhöhung auf zwölf Monate Freiheitsstrafe forderte. Zusätzlich sollte die Angeschuldigte bei einer allfälligen Einreise in die Schweiz sogleich verhaftet werden.

Der Verteidiger verlangte dagegen die Einholung eines psychiatrischen Gutachtens. Gemäss seinen Angaben leide die Angeklagte nicht nur Multipler Sklerose, sondern auch unter schweren psychischen Störungen. Das Obergericht folgte diesem Antrag und ordnete eine Begutachtung der beschuldigten Frau im Hinblick auf ihre Schuldfähigkeit an. Erst dann ist der Fall spruchreif. Der Beschluss war nicht unumstritten. So hatte sich ein Mitglied der dreiköpfigen Kammer dagegen ausgesprochen. Kein Wunder. So kostet ein Gutachten nicht nur viel Zeit, sondern auch eine schöne Stange Geld.

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