Aktualisiert 16.04.2019 21:55

Kontroverse nach Brand«Notre-Dame ist doch nur ein Gebäude»

Auf das Inferno in der Kathedrale Notre-Dame reagieren die Menschen bestürzt oder aufreizend gleichgültig. Eine Historikerin nimmt Stellung.

von
B. Zanni
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Fast jeder hat zum Inferno der historischen und weltberühmten Kirche etwas zu sagen.

Fast jeder hat zum Inferno der historischen und weltberühmten Kirche etwas zu sagen.

epa/Julien de Rosa
Auf der ganzen Welt zeigen sich Staatsvertreter, Politiker und Bürger bestürzt.

Auf der ganzen Welt zeigen sich Staatsvertreter, Politiker und Bürger bestürzt.

AP/Francois Mori
«Es ist für viele Menschen unbegreiflich, dass ein elektrisches Gerät im 21. Jahrhundert den riesigen Kulturraum in Schutt und Asche legen konnte», sagt Claudia Zey, Professorin für Allgemeine Geschichte des Mittelalters an der Universität Zürich.

«Es ist für viele Menschen unbegreiflich, dass ein elektrisches Gerät im 21. Jahrhundert den riesigen Kulturraum in Schutt und Asche legen konnte», sagt Claudia Zey, Professorin für Allgemeine Geschichte des Mittelalters an der Universität Zürich.

UZH

Nach dem Brand der Pariser Kathedrale Notre-Dame überschlagen sich die Reaktionen. Fast jeder hat zum Inferno der historischen und weltberühmten Kirche etwas zu sagen. Auf der ganzen Welt zeigen sich Staatsvertreter, Politiker und Bürger bestürzt. Bundespräsident Ueli Maurer (SVP) spricht im Namen des Bundesrats seine tiefe Trauer aus, wie Bundesratssprecher André Simonazzi in einem Tweet vermeldete.

Auch die britische Premierministerin Theresa May ist «mit ihren Gedanken bei den Menschen in Frankreich».

Der deutsche Aussenminister Heiko Maas sicherte Frankreich Deutschlands Bereitschaft zur Hilfe beim Wiederaufbau von Notre-Dame zu.

Viele 20-Minuten-Leser trifft das Inferno. Manche sprechen von einem «rabenschwarzen Tag» für Frankreich.

Doch während die einen Menschen grosse Bestürzung zeigen, lässt die Kathedrale die anderen eher kalt.

Mit solchen Kommentaren kann Claudia Zey, Professorin für Allgemeine Geschichte des Mittelalters an der Universität Zürich, wenig anfangen. «Man sollte Menschenleben nicht mit Schäden an historischen Gebäuden in einen Topf werfen», sagt Zey. Es sei jedem überlassen, ob er sich dieser Bestürzung und Trauer anschliessen wolle.

Laut Zey ist es zudem nicht so, dass etwa Opfer einer Hungersnot diese Trauernden kaltlassen würden. Um einzelne Menschen oder Gruppen, die wir nicht kannten, würden wir vielleicht eher abstrakt trauern. Aber auch diese Trauer könne sehr tief sein. «Anders ist es bei Dingen, die zur Menschheitsgeschichte gehören: Zu einem Bau wie der Kathedrale haben unendlich viele Leute eine Verbindung, und dazu noch eine positive.»

Vergänglichkeit von vermeintlich Ewigem mache Angst

Für Zey liegt die grosse Bestürzung auf der Hand. Die Kathedrale Notre-Dame, deren Grundstein 1163 gelegt wurde, sei nicht nur ein Gebäude, sondern im Laufe der Zeit zu einem Ort des kulturellen Gedächtnisses von Frankreich geworden. Der Bischofssitz befinde sich dort und symbolisiere daher auch das Zentrum geistlicher Macht. Dass der Brand ausgerechnet in der Osterwoche passierte, treffe die gläubigen Menschen besonders stark.

«Es ist für viele Menschen unbegreiflich, dass ein elektrisches Gerät im 21. Jahrhundert den riesigen Kulturraum in Schutt und Asche legen konnte.» Zey macht darauf aufmerksam, dass Paris von vielen Kriegen, Umbrüchen und Zerstörungen durchgeschüttelt wurde. «Von all dem blieb Notre-Dame schliesslich aber immer verschont.»

Immer wieder würden aber vermeintlich ewige Gebäude zerstört. «Dass vermeintlich ewige Gebäude eben doch auch vergänglich sind, macht Angst.» Es sei völlig normal, dass dem Konstanten erst besondere Aufmerksamkeit zu schenken, wenn etwas passiert sei. «Ansonsten gäbe es in den Zeitungen auch Schlagzeilen wie: ‹Heute ist niemand auf der Strasse ums Leben gekommen›.»

Humor sei fehl am Platz

«Eine besondere und plastische Verbindung zu diesem Ort haben viele Menschen durch den Glöckner von Notre-Dame», sagt Zey. Der Glöckner habe der Kathedrale diese mythische Bedeutung verliehen. «Einige Menschen dachten nach dem Brand deshalb sofort an die Verfilmung mit Anthony Quinn von 1956 oder an den Disney-Klassiker von 1996.»

Humor ist für Zey in diesem Zusammenhang fehl am Platz. Kommentare über Quasimodo und Grillparty blieben einem im Halse stecken. Vielleicht versuche der Absender die kollektive Trauer von sich zu weisen, mutmasst die Historikerin. Möglich sei auch, dass man mit solchen Kommentaren auffallen oder Likes erhalten wolle. «Die Person könnte wegen des Brandes aber auch selber verzweifelt und traurig sein und deshalb zum Galgenhumor greifen.»

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