Studie aus Stanford: Nützt der Laden-Lockdown gar nichts?
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Studie aus StanfordNützt der Laden-Lockdown gar nichts?

Ausgangssperren und Ladenschliessungen hätten einen geringen Zusatznutzen, so eine US-Studie. Bürgerliche Politiker fordern deshalb ein Umdenken. Eine Epidemiologin widerspricht.

von
Pascal Michel
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Seit dem 18. Januar sind in der Schweiz Läden des nicht-täglichen Bedarfs geschlossen.

Seit dem 18. Januar sind in der Schweiz Läden des nicht-täglichen Bedarfs geschlossen.

20min/Marco Zangger
Diese Massnahme begründete der Bundesrat auch mit der Ausbreitung mutierter Coronaviren. 

Diese Massnahme begründete der Bundesrat auch mit der Ausbreitung mutierter Coronaviren.

20min/Marco Zangger
Wissenschaftler aus den USA stellen die Wirksamkeit von solchen Ladenschliessungen infrage. Sie hätten keinen zusätzlichen Nutzen gebracht in der Pandemiebekämpfung.

Wissenschaftler aus den USA stellen die Wirksamkeit von solchen Ladenschliessungen infrage. Sie hätten keinen zusätzlichen Nutzen gebracht in der Pandemiebekämpfung.

Tamedia AG

Darum gehts

  • Eine US-Studie stellt die Wirkung von Ladenschliessungen und Lockdowns infrage.

  • Diese hätten wenig Auswirkungen auf die Neuinfektionen gehabt.

  • Vielmehr hätten die Menschen ihr Verhalten vor den Lockdowns angepasst.

  • Das schreckt Schweizer Politiker auf.

  • Für eine Epidemiologin sind die Ergebnisse der Studie unhaltbar.

«Wir müssen verhindern, dass sich die Situation ganz schlecht entwickelt»: So begründete Gesundheitsminister Alain Berset die verschärften Corona-Massnahmen. Sorgen bereiten Bund und Experten die sich rasch ausbreitenden neue Virus-Varianten.

Dass jetzt deswegen auch die Läden des nicht-täglichen Bedarfs dichtmachen mussten, stösst bei den Betroffenen auf Kritik. Diese nährt nun eine neue Studie der Stanford University. Der umstrittene Statistiker John Ioannidis untersuchte darin die Wirksamkeit der Lockdown-Massnahmen in der ersten Welle.

«Kein zusätzlicher Nutzen von Ladenschliessungen»

Dazu verglich er Länder mit harten Massnahmen wie Deutschland mit Schweden oder Südkorea, die nicht auf Ausgangssperren oder Ladenschliessungen gesetzt hatten. Das Resultat: Es liessen sich keine starken Beweise finden, dass härtere Massnahmen die Kurven substantiell gedrückt hatten.

Die Autoren betonen, man zweifle allgemein nicht alle gesundheitlichen Massnahmen oder eine koordinierte Kommunikation über die Epidemie an. Auch könnten gewisse Massnahmen wirken. «Aber wir finden keinen zusätzlichen Nutzen von Ausgangssperren oder Ladenschliessungen.»

Die Wissenschaftler erklären den Umstand, dass die Zahl der Neuinfektionen bereits vor den Lockdown-Massnahmen zurückgegangen war, mit dem Verhalten der Bevölkerung. Diese habe schon vor den Lockdowns die Kontakte eingeschränkt, weil sie gesehen habe, was in Italien oder China passiert sei. Die Autoren fordern deshalb zukünftig gezieltere Massnahmen.

«Einschränkungen aufheben»

Dafür plädiert auch SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi. «Der Nutzen eines Lockdowns ist minim, dafür ist der volkswirtschaftliche Schaden enorm und er zerstört die Existenzen von hunderttausenden Unternehmern und Familien.»

Wenn man die Schutzkonzepte konsequent einhalte, könne man deshalb mit geringem Risiko die Einschränkungen des öffentlichen Lebens aufheben. Aeschi fordert stattdessen, die Risikogruppen besser zu schützen. «Es braucht täglich Schnelltests für Personal und Besucher in den Pflege- und Altersheimen.» Man wisse nun viel mehr über das Virus, «primitive Massnahmen» wie ein Lockdown seien nicht mehr angebracht.

Direkt vom Laden-Lockdown betroffen ist Franz-Carl-Weber-Inhaber und FDP-Nationalrat Marcel Dobler. Ihn stört, dass der Bundesrat in der Schweiz Läden dichtmacht, ohne zu wissen, ob die Massnahme überhaupt wirkt. Er verweist auf die Kantone Waadt und Genf. Im November gingen die beiden Kantone in den «Lockdown light». Waadt hielt aber die Läden offen. Die epidemiologischen Kurven rechtfertigen die Ladenschliessungen nicht, sagt Dobler.

Quelle: Tagesanzeiger.ch

Für ihn ist deshalb klar: «Beim derzeitig rückläufigen Trend ist die Schliessung der Läden unverhältnissmässig.» Anders sähe es aus, wenn die mutierte Virus-Variante tatsächlich eine Trendumkehr einleiten würde, so Dobler.

Kritik an Studie

Taskforce-Epidemiologin Nicola Low ortet in der Studie «mehrere offensichtliche Fehler» (siehe Box). Das Fazit, Lockdowns und Schliessungen nützten wenig, sei deshalb falsch: «Jede Massnahme, die den Kontakt zwischen Personen effektiv reduziert, verhindert die Übertragung. Ich bin davon überzeugt, dass eine Kombination von Massnahmen, die die Möglichkeiten und Anreize für soziale Interaktionen reduzieren, die Übertragung verringert.» Ohne Verhängung strenger nationaler Massnahmen wären die Zahlen nicht so schnell und nachhaltig zurückgegangen, so Low.

Sie verweist auf die Mobilität und deren Auswirkungen auf die Fallzahlen. Diesen Zusammenhang untersuchte die ETH Zürich in der ersten Welle. «Die stärkste Reduktion brachte das Verbot von Versammlungen mit mehr als 5 Personen und dann die Schliessung von Veranstaltungsorten, ohne jedoch zwischen diesen unterscheiden zu können», erklärt Low.

Neue Dynamik durch Mutanten-Viren

Ohnehin bringen die neuen Virusmutationen laut Low nun eine neue Dynamik. «Sie sind ein Gamechanger», die die Studie nicht berücksichtigt habe. «Ein Massnahmenpaket wie jenes, das während der ersten Welle wirksam war, wird nicht so schnell wirken, sobald sich die neue Variante durchsetzt.»

Beim Bundesamt für Gesundheit heisst es, es sei schwierig zu beziffern, «in welchem Ausmass einzelne Massnahmen wirken». Sprecher Daniel Dauwalder: «Wir gehen nach wie vor davon aus, dass die Fallzahlen und Ansteckungen mit dem Gesamtpaket von verschiedenen Massnahmen gesenkt werden konnten. Es geht darum, die Kontakte zu reduzieren.»

Die kritisierten Punkte

Im Netz gehen Wissenschaftler mit der Studie hart ins Gericht. Es sei zu wenig aussagekräftig, nur acht Länder mit harten Massnahmen und zwei mit weichem Lockdown zu vergleichen. Zudem könne man die Strategie Südkoreas nicht einfach so als nicht-restriktiv bezeichnen. Das Land hatte zwar die Läden nicht geschlossen, dafür aber Kredit- und Standortdaten seiner Bürger gesammelt.

Auch Nicola Low findet die verwendeten Daten zu den Wachstumsraten «unscharf». Zweitens berücksichtige die Analyse die Verzögerung zwischen der Umsetzung einer Massnahme und einem Effekt auf die Übertragung nicht. «Drittens berücksichtigt sie nicht, dass ein Anstieg der Fallzahlen zu einer Verschärfung der Massnahmen führt. Viertens haben die Länder sehr unterschiedliche Kulturen und soziale Reaktionen auf Vorschriften, egal ob diese gesetzlich vorgeschrieben oder nur empfohlen werden. So werden beispielsweise die Massnahmen in Südkorea mit Zugriff auf Handy-Daten in der Schweiz als inakzeptabel empfunden.»

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