Rücktritte in Serie: «Null Bock» unter Merkel?
Aktualisiert

Rücktritte in Serie«Null Bock» unter Merkel?

Deutschlands Kanzlerin gibt sich gelassen - obwohl immer mehr erfahrene Spitzenleute ihrer Partei den Hut nehmen.

von
Marc-Oliver von Riegen
dpa

Den Rückzug von Hamburgs Regierungschef Ole von Beust bedauert Merkel, überraschend kommt er für sie nicht. Härter dürfte sie das Gesamtbild treffen, das ihre Partei derzeit nach aussen abgibt.

Nach all dem Zank mit der FDP ist endlich Ruhe zwischen den Koalitionspartnern in Berlin eingekehrt - und jetzt wird die Debatte über eine Erosion der CDU zum Sommerthema.

Der 55-jährige Beust wirbt um Verständnis, dass er nach 32 Jahren in politischen Ämtern eine andere Perspektive sucht. «Ohne Groll», betont er, «sondern in tiefer Dankbarkeit und grosser Freundschaft sowohl zu meinen Hamburger Freundinnen und Freunden, aber auch gerade zur Bundeskanzlerin.» Alles habe seine Zeit, meint er.

Auch wenn Beust betont, wie sehr er sich Merkel verbunden fühlt: Mit seinem Abgang verliert die Kanzlerin den sechsten CDU- Ministerpräsidenten in nur 10 Monaten.

Dieter Althaus, Günther Oettinger, Roland Koch, Christian Wulff, Jürgen Rüttgers und jetzt Beust nahmen - aus unterschiedlichen Gründen - ihren Hut. Grünen-Chefin Claudia Roth meint bereits, es handle sich um eine «Null-Bock-Generation».

Viele Einzelfälle

Schon ist auch in der CDU vom Erosionsprozess die Rede. Der Vorsitzende der CDU-Jugendorganisation, Philipp Missfelder, vermisst Teamgeist. «In der Summe entsteht der Eindruck eines Erosionsprozesses», sagte er. «Und den gilt es zu vermeiden, wenn wir erfolgreich in den nächsten Monaten sein wollen.»

Erosion - das heisst eigentlich, der Boden wird abgetragen, die Oberfläche zerstört. Tatsächlich vollzieht sich gerade ein Generationswechsel.

Auf den ersten Blick erscheint das als grosses Problem für Angela Merkel. Es entsteht der Eindruck, ihr liefen die Leute davon. Der Bonner Politikwissenschaftler Gerd Langguth, früher selbst im CDU- Vorstand, sagt aber: «Jeder Fall ist ein Einzelfall.»

Althaus zog die Konsequenzen aus dem CDU-Wahldebakel in Thüringen, Oettinger wurde EU-Kommissar, Koch will in die Wirtschaft, Wulff wurde Bundespräsident und Rüttgers machte nach der Wahlschlappe den Weg frei.

Zäsur im November

Eine Führungsdebatte über Merkel soll es im CDU-Präsidium nicht gegeben haben. Bisher waren es wenige aus der Partei, die sie offen kritisiert haben. Doch der Wunsch nach mehr Führung, nach einem stärkeren konservativen Profil bleibt bei vielen in der CDU bestehen. Der CDU-Parteitag im November wird eine grosse Zäsur.

Bis dahin muss Merkel unter Beweis stellen, dass sie die Lücken schliessen kann, die beispielsweise «Arbeiterführer» Rüttgers, der konservative Koch oder der schwarz-grüne Grossstadt-Pionier Beust gerissen haben.

Für Merkel geht bei all dem die Aufgabe weiter, die CDU moderner zu machen, ohne die Konservativen zu verlieren. Beides wird künftig schwerer. Beust sagt trocken: «Jeder ist (...) ersetzbar.»

Deine Meinung