Versuchter Sturm aufs Bundeshaus - «Nun sieht man, wozu das führt, wenn Bundesrat Maurer Trump spielt»
Publiziert

Versuchter Sturm aufs Bundeshaus«Nun sieht man, wozu das führt, wenn Bundesrat Maurer Trump spielt»

Die unbewilligte Demo in Bern am Mittwochabend löst Reaktionen aus. Mehrere Politiker kommunizieren ihre Empörung öffentlich. Die Demonstrierenden fühlen sich vom eigenen Staat angegriffen.

Darum gehts

  • An einer Demonstration gegen die Corona-Massnahmen am Donnerstagabend auf dem Bundesplatz kam es zu Krawallen. Die Polizei musste mit schwerem Geschütz eingreifen

  • Die Politik zeigt sich erschüttert über die Vorkommnisse. Für einige ist klar: Die Menge wurde angestachelt.

  • Gegenüber 20 Minuten sprechen Demonstrierende von «Einzelpersonen». Dass die Polizei eingegriffen hat, verstehen sie nicht.

Nach der unbewilligten Demonstration von Massnahmengegnerinnen und -gegnern in Bern gehen die Wogen im politischen Betrieb hoch. Am Donnerstagabend hatten sich laut Berichten mehrere tausend Personen auf dem Bahnhofplatz in Bern versammelt, wo es bereits zu ersten Provokationen und Handgemengen kam. Auf dem Bundesplatz angekommen, drängten Teilnehmende dann gegen die Sperre vor dem Bundeshaus und versuchten sie zu durchbrechen. Es flogen Gegenstände, darunter Flaschen und Holzscheite in Richtung Polizei und Bundeshaus. Ausserdem wurden Knallpetarden und Feuerwerk gezündet.

1 / 8
So sah es in Bern vor dem Bundeshaus aus.

So sah es in Bern vor dem Bundeshaus aus.

20min/News-Scout
Die Corona-Massnahmengegner und -gegnerinnen hatten sich zu einer unbewilligten Demo versammelt.

Die Corona-Massnahmengegner und -gegnerinnen hatten sich zu einer unbewilligten Demo versammelt.

20min/News-Scout
Der Platz war gesperrt.

Der Platz war gesperrt.

20min

Die Reaktionen aus Bundesbern lassen am nächsten Tag nicht auf sich warten. Auf die Berichterstattung von 20 Minuten reagiert der Grünen-Präsident Balthasar Glättli mit einem Tweet. Darin macht er Bundesrat Ueli Maurer als einen Mitschuldigen aus. Mit seinem Auftritt im Freiheitstrychler-Trikot vergangenes Wochenende habe dieser Öl ins Feuer der hitzigen Debatte gegossen. Tatsächlich waren an der Demo nicht nur die in massnahmenskeptischen Kreisen üblichen Sprechchöre «Liberté, liberté» zu hören, sondern auch «Ueli, Ueli»-Rufe. Glättli zieht den Vergleich von Maurer zu Ex-Präsident Donald Trump – und dessen Einfluss auf den Sturm auf das US-Kapitol im Januar diesen Jahres.

Auch andere Politiker melden sich am Tag danach zu Wort. Gegenüber dem «Blick» erklärt SP-Fraktionschef Roder Nordmann die Aktion sei «traurig und peinlich gewesen». Im Gegensatz zu Glättli sieht er den SVP-Bundesrat aber nicht in der Hauptverantwortung. Maurer habe diese Eskalation sicherlich nicht gewollt, sagt er gegenüber der Zeitung. Nordmanns Parteikollege Mathias Aebischer findet die Eskalation zwar ebenfalls inakzeptabel, merkt jedoch an, man müsse die Wut der Demonstrierenden ernst nehmen. Ohne jegliche Ambivalenz äussert sich FDP-Mann Christian Wasserfallen auf Twitter: Wer Feuerwerk aufs Bundeshaus abschiesse, habe einen «Dachschaden».

SVP-Präsident Marco Chiesa sagt zu 20 Minuten: «Ich verurteile klar jede Form von Gewalt und Extremismus.» Gleichzeitig zeigt er Verständnis für die Demonstrierenden: «Es ist völlig unzulässig, dass Andersdenkende derart unter Druck gesetzt, diskriminiert und ausgegrenzt werden, wie dies derzeit mit dem Corona-Zertifikat passiert.» Er erwarte vom Bundesrat, dass er die Gesellschaft nicht weiter spalte: «Er muss endlich – wie Ueli Maurer dies getan hat – jenen beträchtlichen Teil unserer Bevölkerung ernst nehmen, der die übergriffige Massnahmenpolitik ablehnt.»

Doch aus der SVP kommen auch kritische Stimmen. Gegenüber den Tamedia-Zeitungen (Bezahlartikel) melden sich sowohl der Präsident des National- als auch derjenige des Ständerates zu Wort. Beide gehören derselben Partei wie Bundesrat Maurer an. «Wegen ein paar Hitzköpfen lassen wir uns nicht aus der Fassung bringen», sagt Andreas Aebi, Nationalratspräsident aus dem Kanton Bern. Schärfer äussert sich sein Parteikollege aus dem Ständerat. Alex Kuprecht aus dem Kanton Schwyz gibt an, die Welt nicht mehr zu verstehen, wenn Menschen aufgrund der Corona-Massnahmen gewalttätig würden. Ihre Ablehnung taten die beiden auch auch auf dem offiziellen Twitter-Kanal des Parlaments kund.

Demonstrierende geben sich kleinlaut

Für die Berner Behörden war nach den Ausschreitungen klar, dass es ohne Einschreiten der eigenen Polizeibeamten Schlimmeres gedroht hätte. Am späteren Abend bedankt sich der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause auf Twitter. «Polizei verhindert möglichen Sturm aufs Bundeshaus. Heikler Einsatz an aggressiver Massnahmen-Skeptiker-Demo. Danke für das Vorgehen».

Vor Ort hatte ein 20-Minuten-Reporter mit einigen der Demonstrantinnen und Demonstranten gesprochen. Auf den versuchten Sturm aufs Bundeshaus angesprochen, verharmlosten sie, was gerade passiert war. «Niemals hätte ich damit gerechnet, dass unser Staat uns so angreift», sagte ein Demonstrant. «Wir sind für unsere Freiheit eingestanden und werden mit dem Wasserwerfer abgeknallt.» Es seien bloss Einzelpersonen gewesen, die das Feuerwerk gezündet hätten. Eine Gefahr für das Bundeshaus habe nie bestanden. «Und doch haben sie Gummischrot auf uns abgefeuert», so der Demonstrant.

Die Aufarbeitung der Ereignisse dürfte wohl noch andauern. Gleiches gilt für die politische Auseinandersetzung. Roger Nordmann nutzte die Diskussion am späten Donnerstagmorgen, um noch Ungeimpfte aufzufordern, dies nachzuholen. Nur so könne das Land zur Normalität zurückkehren.

20min/News-Scout

Etwas gesehen, etwas gehört?

Schick uns deinen News-Input!

Speichere unseren Kontakt im Messenger deiner Wahl und sende spannende Videos, Fotos und Dokumente schnell und unkompliziert an die 20-Minuten-Redaktion.

Handelt es sich um einen Unfall oder ein anderes Unglück, dann alarmiere bitte zuerst die Rettungskräfte.

Die Verwendung deiner Beiträge durch 20 Minuten ist in unseren AGB geregelt: 20min.ch/agb

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

(ore/mur/cho/pme)

Deine Meinung

49 Kommentare