Facebook-Skandal - Nun zeigt die Whistleblowerin von Facebook ihr Gesicht
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Facebook-SkandalNun zeigt die Whistleblowerin von Facebook ihr Gesicht

Seit mehreren Wochen sorgt ein Bericht, wonach Facebook von einem negativen Einfluss auf junge Nutzerinnen und Nutzer zwar gewusst, aber nicht gehandelt habe, für erheblichen Druck. Seit Sonntag ist nun bekannt, wer den Stein ins Rollen gebracht hat.

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dpa/doz

Im Interview erzählt Frances Haugen, was sie zum Whistleblowing gebracht hat.

20min

Darum gehts

  • Nun ist klar, wer interne Dokumente des Social-Media-Giganten Facebook geleakt hat.

  • Es handelt sich um die ehemalige Mitarbeiterin Frances Haugen.

  • Sie hat Monate damit verbracht, die Dokumente zu kopieren und diese schliesslich öffentlich gemacht.

  • Nun zeigt sie erstmals ihr Gesicht.

Eine Ex-Mitarbeiterin hat Facebook in die schwerste Krise seit dem Skandal um Cambridge Analytica gestürzt. Die 37-jährige Frances Haugen lieferte Schlüsselinformationen für eine Artikel-Serie im «Wall Street Journal», nach der Facebook unter erheblichen politischen Druck in den USA geraten ist. Darin ging es unter anderem um die Auswirkungen des Foto-Dienstes Instagram auf junge Nutzerinnen und Nutzer. Haugen gab sich in am Sonntag veröffentlichten Interviews erstmals als Whistleblowerin zu erkennen. Am Dienstag soll sie im US-Senat aussagen.

Haugen sagte dem «Wall Street Journal», sie sei frustriert gewesen, weil Facebook nicht ausreichend offen damit umgehe, dass das Online-Netzwerk Schaden anrichten könne. Zu ihrem Job bei Facebook, den sie im Mai nach rund zwei Jahren aufgab, habe der Kampf gegen Manipulationsversuche bei Wahlen gehört. Sie habe jedoch schnell das Gefühl gehabt, dass ihr Team zu wenig Ressourcen habe, um etwas zu bewirken.

Essstörungen und Depressionen

Auch sei ihr Eindruck gewesen, dass Facebook weiter auf Wachstum gesetzt habe, obwohl dem Unternehmen negative Auswirkungen der Plattform auf die Nutzer und Nutzerinnen bekannt gewesen seien. «Es gab Interessenskonflikte zwischen dem, was für die Öffentlichkeit gut war und was für Facebook gut war», sagte Haugen bei «60 Minutes». Und Facebook habe sich immer und immer wieder dafür entschieden, für eigene Interessen das Geschäft zu optimieren.

Aus der Serie von Berichten im «Wall Street Journal» in den vergangenen Wochen schlug besonders schwer der Artikel ein, in dem es um interne Untersuchungen zum Einfluss von Instagram auf junge Nutzerinnen und Nutzer ging. Unter anderem hiess es in einem Bericht von Facebook-Forschenden, bei zahlreichen Teenagern – vor allem Mädchen – verstärke Instagram die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Das sorge für Essstörungen und Depressionen.

Facebook verwies nach dem Bericht darauf, dass weiteren Daten aus denselben Studien zufolge Teenager andere Themen als hilfreich bezeichnet hätten. Dennoch legte das Online-Netzwerk vergangene Woche Pläne für eine Instagram-Version für Zehn- bis Zwölfjährige auf Eis.

«Kinder sind bereits online»

Aktuell dürfen Kinder im Alter ab 13 Jahren Instagram nutzen. Viele geben jedoch bei der Registrierung ein falsches Geburtsdatum an. Mit «Instagram Kids» wollte Facebook nach eigenen Angaben auch dieses Problem angehen. Doch nach einer Anhörung im US-Senat wurde klar, dass dies politisch nur noch schwer durchzusetzen sein wäre. Instagram betonte in einer Stellungnahme für «60 Minutes», dass man weiterhin eine Version für Jüngere für sinnvoll halte: «Die Realität ist, die Kinder sind bereits online.»

Die für Nutzer-Sicherheit zuständige Managerin Antigone Davis drang im Senat mit ihren relativierenden Erklärungen nicht durch. So verglich der Demokrat Ed Markey die Vorgehensweise des Online-Netzwerks vor allem bei Instagram mit verantwortungslosem Handeln der Tabakindustrie. «Instagram ist diese erste Zigarette der Kindheit», die Teenagerinnen und Teenager früh abhängig machen solle und am Ende ihre Gesundheit gefährde, sagte Markey unter anderem. «Facebook agiert wie die grossen Tabakkonzerne: Sie verbreiten ein Produkt, von dem sie wissen, dass es der Gesundheit junger Menschen schadet.»

Facebook-Gründer und -Chef Mark Zuckerberg und auch die fürs operative Geschäft zuständige Top-Managerin Sheryl Sandberg äusserten sich bisher nicht zu der Kontroverse.

Interne Dokumente gesammelt

Wie am Sonntag bekannt wurde, kontaktierte Haugen das «Wall Street Journal» bereits im Dezember vergangenen Jahres, nachdem ihre Abteilung aufgelöst wurde. Sie fand nach eigenen Angaben zu ihrer Überraschung diverse Studien zum Einfluss auf Nutzerinnen und Nutzer, die praktisch allen Mitarbeitenden in der internen Kommunikationsplattform des Online-Netzwerks zugänglich gewesen seien. Sie habe solches Material gesammelt, bis sie Facebook im Frühjahr verlassen habe. Haugens war in der Pandemie nach Puerto Rico gezogen – und die Personalabteilung habe ihr mitgeteilt, dass dies nicht als Fernarbeitsplatz akzeptiert werde.

«Die heute existierende Version von Facebook reisst unsere Gesellschaften auseinander und löst ethnische Gewalt rund um die Welt aus», sagte sie «60 Minutes». Haugen beantragte bei US-Behörden offiziell Schutz als Whistleblowerin – so werden Mitarbeitende genannt, die durch Weitergabe von Informationen Missstände aufdecken wollen.

Hassrede herausfiltern

Ein Facebook-Sprecher erklärte dem «Wall Street Journal» am Sonntag nach den Äusserungen Haugens, das Online-Netzwerk versuche täglich, eine Balance zwischen dem Recht von Milliarden Menschen auf freie Meinungsäusserung und einer sicheren Umgebung für Nutzerinnen und Nutzer zu finden. Zugleich betonte das Online-Netzwerk, dass Hassrede oder schädliche Beiträge schlecht für das Geschäft seien. Top-Manager Guy Rosen betonte, dass Facebook inzwischen Hassreden bis auf 0,05 Prozent solcher Beiträge herausfiltern könne, noch bevor sie die Nutzenden erreichten.

Deutlich wird, dass Facebook vor allem in der US-Politik unter so starkem Druck steht wie seit dem Skandal um Cambridge Analytica 2018 nicht mehr. Damals war bekanntgeworden, dass Jahre zuvor eine Datenanalysefirma Informationen von Millionen Nutzerinnen und Nutzern ohne deren Wissen abgreifen konnte. Es war eigentlich nicht der schwerwiegendste Datenschutz-Fehltritt, der bei Facebook bis dahin passiert war – doch es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und zwar bei Politikern und Politikerinnen sowohl in Europa als auch in den USA.

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Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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