Aktualisiert 01.10.2016 15:20

Studie

Nur 2 von 10 Lehrlingen bleiben auf ihrem Beruf

Aus Karrieregründen kehren viele Lehrabgänger ihrem Job den Rücken. Übrig bleiben oft schlecht Qualifizierte.

von
P. Michel
1 / 6
Die Lehrstellenplattform Yousty hat über 4000 Lehrlinge dazu befragt, wie zufrieden sie mit ihrem Job sind.

Die Lehrstellenplattform Yousty hat über 4000 Lehrlinge dazu befragt, wie zufrieden sie mit ihrem Job sind.

Sigrid Gombert
Von zehn verfügbaren Punkten bewerteten die Männer ihre Lehrstelle mit der Punktzahl 7,1. Die Frauen vergaben ihrem Job 6,9 Punkte. Gegenüber dem Vorjahr hat die Zufriedenheit bei beiden Geschlechtern zugenommen.

Von zehn verfügbaren Punkten bewerteten die Männer ihre Lehrstelle mit der Punktzahl 7,1. Die Frauen vergaben ihrem Job 6,9 Punkte. Gegenüber dem Vorjahr hat die Zufriedenheit bei beiden Geschlechtern zugenommen.

Yousty
Die zufriedensten Lehrlinge arbeiten in den Kantonen Bern und Basel-Landschaft. Die hohe Zufriedenheit erklären die Studienautoren damit, dass insbesondere der Kanton Bern und die Bundesverwaltung die grössten Arbeitgeber im Kanton sind und zudem grosse Unternehmen wie Post, SBB und Swisscom, die eine Vorbildfunktion bei der Berufsbildung einnehmen, dort ansässig sind. Im Kanton Basel-Landschaft wird die hohe Zufriedenheit damit begründet, dass in dieser Region die Pharmaindustrie dominiert, die «leistungsstarke und motivierte Jugendliche anlockt».

Die zufriedensten Lehrlinge arbeiten in den Kantonen Bern und Basel-Landschaft. Die hohe Zufriedenheit erklären die Studienautoren damit, dass insbesondere der Kanton Bern und die Bundesverwaltung die grössten Arbeitgeber im Kanton sind und zudem grosse Unternehmen wie Post, SBB und Swisscom, die eine Vorbildfunktion bei der Berufsbildung einnehmen, dort ansässig sind. Im Kanton Basel-Landschaft wird die hohe Zufriedenheit damit begründet, dass in dieser Region die Pharmaindustrie dominiert, die «leistungsstarke und motivierte Jugendliche anlockt».

zVg

Nur 18,7 Prozent der Lehrabgängerinnen können sich vorstellen, nach bestandener Abschlussprüfung auf dem gelernten Beruf zu arbeiten. Bei den Männern sind es sogar noch weniger: Dort gibt nur noch jeder achte an, nach der Lehre dem Beruf treu bleiben zu wollen. Das zeigt eine neue, nicht repräsentative Studie der Lehrstellenplattform Yousty, die mehr als 4000 Schweizer Lehrlinge befragte.

Besonders Lernende in Branchen, die ihre Stelle als wenig zufriedenstellend einstufen (siehe Rangliste), denken laut den Studienautoren häufig über einen Wechsel nach. Betroffen sind die Branchen Gastronomie, Detailhandel oder auch handwerkliche Berufe wie Maler oder Gipser oder Elektriker.

Männer wollen mehr Geld, Frauen Neuorientierung

Hoch im Kurs sind Weiterbildungen an einer Fachhochschule, Höheren Fachschule oder auch Sprachaufenthalte im Ausland. Mehr als die Hälfte der Befragten erhofft sich dadurch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Es gibt aber auch Unterschiede bei den Geschlechtern: Während bei den Männern der finanzielle Aspekt im Vordergrund steht, suchen Frauen hauptsächlich eine berufliche Neuorientierung.

Jürg Schweri, Professor am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung, erklärt die grosse Nachfrage nach Weiterbildung damit, «dass die Jungen sich heute sehr früh bewusst sind, dass allein eine Lehre für eine erfolgreiche Berufskarriere nicht mehr ausreicht». Christoph Weber von der Firma Berufsbildner.ch ergänzt: «Für den beruflichen Aufstieg zählen heute einzig Diplome. Das realisieren auch Lehrabgänger und jagen so schnell wie möglich diesen Papieren hinterher.»

«Fast unmöglich, gute Lehrabgänger zu finden»

Lehrabgänger, die ihre Zukunft nicht im Lehrbetrieb oder im gelernten Beruf sehen, sind für die betroffenen Branchen problematisch, wie Roger Huwiler, Geschäftsleitungsmitglied in einem Berner Elektrounternehmens, im Interview mit 20 Minuten sagt: «Es ist heute praktisch unmöglich, gute Elektroinstallateure zu finden. Die talentierten Lehrabgänger machen oft direkt nach dem Abschluss eine Weiterbildung oder gehen studieren.» Effektiv auf dem Beruf arbeiteten dann oft nur noch Montage-Elektriker, die in der Schule eher Mühe hatten und für die eine Weiterbildung nicht infrage komme.

Auch Markus Bär vom Maler- und Gipserverband bestätigt, dass «der Arbeitsmarkt ausgetrocknet» sei. Viele junge Berufsleute legten nach der Lehre ein Auslandjahr ein, absolvierten den Zivil- oder Militärdienst oder schauten sich nach einer Weiterbildung oder Zusatzlehre um. Bär führt die Entwicklung auf die gestiegenen Ansprüche an die Arbeitgeber und die Arbeitswelt generell zurück: «Die Jungen orientieren sich nach der Lehre neu, nicht weil sie keine dreckigen Hände mehr haben wollen, sondern weil sie sehen, dass in anderen Berufen Teilzeit oder in flexibler Arbeitszeit gearbeitet werden kann.»

1 / 10
Rang 1Eine neue Studie zur Zufriedenheit der Lehrlinge zeigt: Wer in der Branche Banken und Versicherungen arbeitet, stellt seinem Job eine besonders gute Note aus.

Rang 1Eine neue Studie zur Zufriedenheit der Lehrlinge zeigt: Wer in der Branche Banken und Versicherungen arbeitet, stellt seinem Job eine besonders gute Note aus.

lev Dolgachov
Rang 2Auf dem zweiten Platz folgen Berufe in der Pharmabranche.

Rang 2Auf dem zweiten Platz folgen Berufe in der Pharmabranche.

Monkey Business Images
Rang 3Auf Platz drei schaffen es Lehrlinge in der IT- und Kommunikationsbranche.

Rang 3Auf Platz drei schaffen es Lehrlinge in der IT- und Kommunikationsbranche.

Betriebe schaden sich mit Lehrlingsselektion selbst

Laut Bildungsforscher Jürg Schweri sind die Betriebe aber auch mitschuldig daran, dass viele Lehrabgänger abwandern: «Oft entscheiden sich die Firmen bei der Besetzung der Lehrstelle für den Kandidaten mit den besten schulischen Leistungen.»

Dieser Fokus schon im Auswahlverfahren kann laut Schweri zum Problem werden: «Wenn die Betriebe nur die Besten wollen, schaden sie sich selbst. Sie weisen etwa einen Realschüler ab, der einen handwerklichen Beruf gut meistern könnte und nach der Lehre bleiben würde.» Stattdessen werde für eine Lehrstelle der vermeintlich Beste eingestellt – der sich aber nach Lehrabschluss einer höheren Ausbildung zuwende.

Die beliebtesten Branchen

1. Banken und Versicherungen (7,6)

2. Chemie, Biologie, Physik, Pharma (7,6)

3. IT, Kommunikation, Internet (7,5)

4. Elektronik (7,3)

5. Büro, Organisation, Verwaltung (7,1)

Die unbeliebtesten Branchen

1. Detailhandel (6,1)

2. Gastronomie (6,2)

3. Mode, Schuhe, Textilien (6,4)

4. Malerei, Gipserei (6,4)

5. Mechatronik und Technik (6,6)

(Zufriedenheitswert: 1 sehr unzufrieden; 10 sehr zufrieden)

Zufriedene Schweizer Lehrlinge

Die Lehrstellenplattform Yousty untersuchte die Zufriedenheit der Schweizer Lehrlinge. Insgesamt stellen die Lernenden ihrem Job ein gutes Zeugnis aus: Die Zufriedenheit liegt bei den Männern bei 7,1 von 10 Punkten und bei den Frauen bei 6,9 Punkten. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zufriedenheit bei beiden Geschlechtern verbessert. Laut der Studie ist die Steigerung auf die Erholung der wirtschaftlichen Lage zurückzuführen. Zu den beliebtesten Branchen gehören Banken und Versicherungen, die Pharmaindustrie und IT-Firmen. Schlechtere Noten stellen ihrem Lehrbetrieb Lehrlinge aus der Gastronomie, Detailhandel und aus dem Bereich Malerei und Gipserei aus.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.