Prothesenfirma mit Tradition: Nur der Chef hatte noch die eigenen Beine
Aktualisiert

Prothesenfirma mit TraditionNur der Chef hatte noch die eigenen Beine

Dieser Familienbetrieb hat eine lange Tradition in einem ungewöhnlichen Handwerk: Die Marinos aus Boston stellen seit fast 100 Jahren Prothesen her.

von
Bridget Murphy
AP

Paul Martino hat ihn schon oft erlebt - den Moment, in dem ein Kunde die ersten Schritte mit der neuen Beinprothese unternimmt. Und es ist fast immer das gleiche Gefühl, das er im Gesicht des Betroffenen erkennt: eine Mischung aus Stolz, es bis hierhin geschafft zu haben und der Enttäuschung darüber, dass nichts wieder so sein wird wie früher. Seit 1914 stellt der von Martinos Vater gegründete Familienbetrieb United Prosthetics in Boston Prothesen her. Manche Kunden gehören schon fast zur Familie.

Martinos Vater war ursprünglich Schuhmacher, wanderte von Italien in die USA aus. Heute führen der 62 Jahre alte Paul Martino, seine Geschwister Greig, Mary und Gary sowie sein Sohn Chris das Geschäft. Der Vater habe es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschen über Amputationen und Prothesen aufzuklären und Vorurteile zu beseitigen, sagt der 49-jährige Gary. Dies sei heute leichter als früher - nicht zuletzt wegen der vielen Soldaten, die im Afghanistan- oder Irakkrieg ein Bein verloren hätten.

Anschlagsopfer von Boston als Kunden

Auch der Anschlag auf den Bostoner Marathon im April liess acht Opfer die Werkstatt der Martinos aufsuchen. Zu ihnen gehört Mery Daniel. Die 31-Jährige verlor bei dem Anschlag den Grossteil ihres linken Beines. Anfangs wollte sie so schnell wie möglich ihr normales Leben zurückhaben, erzählt sie. So sei sie zunächst furchtbar enttäuscht gewesen, als sie den klotzigen Schaft für ihre Prothese gesehen habe.

Aber sie habe den Martinos weiter vertraut. «Ich habe mir zu früh eine Meinung gebildet», sagt sie. «Man vergleicht das neue Bein anfangs automatisch mit dem, das man gehabt hat. Aber es ist nicht unser Bein.» Der Rat der Martinos, sich Zeit zu nehmen, um sich an die neue Situation zu gewöhnen, habe ihr sehr geholfen.

«Wir sind die Stimme der Realität»

In der Werkstatt im Stadtteil Dorchester stellen Martinos Leute aus Carbonfaser Prothesenschafte her, die die künstlichen Gliedmasse möglichst perfekt mit dem Stumpf verbinden. Die künstlichen Unterschenkel oder Füsse werden andernorts produziert und in Dorchester dann angepasst. Zu den Kunden zählen Menschen, die ihr Bein bei Unfällen, im Krieg oder als Folge von Krankheiten wie Diabetes verloren haben.

Zu Martinos Aufgaben gehört nicht nur, die für sie passende Prothese herzustellen, sondern auch, sie auf ihr künftiges Leben vorzubereiten. Denn viele erkennen erst in dem Moment, in dem ihnen die Prothese angepasst wird, was sie verloren haben. Die meisten bräuchten Zeit, um dies zu begreifen, sagt Martino. «Wir sind die Stimme der Realität. Es zieht einen anfangs herunter, ein Amputierter zu sein.»

Eine Prothese reicht meist nicht

Die Familie sehe es als ihre Aufgabe an, die künstlichen Gliedmassen so perfekt wie möglich für den Patienten zu machen. Dafür benötige auch ein Prothesenhersteller Zeit. Die Firma verlor deshalb bereits Kunden, weil sie es nicht gutheisst, wenn eine Prothese zu früh angepasst wird - wenn der Stumpf noch nicht seine endgültige Form angenommen hat.

Selbst wenn das dann der Fall ist: Selten reicht eine Prothese für ein ganzes Leben aus. Von Zeit zu Zeit muss sie erneuert oder neu angepasst werden, weil sich der menschliche Körper und die Statur verändern. So haben die Martinos einige Stammkunden, die schon beinahe zur Familie gehören.

Zum Beispiel Joe Lemar, der seit 20 Jahren zu ihnen kommt. Der heute 42-Jährige verlor seinen Fuss als Folge eines Krebsleidens. Als Läufer trat er 1992 und 2000 bei den Paralympics an und gewann mehrere Medaillen. Seine Prothesen - mehr als 20 mittlerweile - passten ihm die Martinos an. Bei ihnen seien die Opfer des Boston-Marathon-Anschlags in den besten Händen, sagt er. «Sie werden bald wieder an ihr früheres Leben anknüpfen können.»

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