Aktualisiert 05.07.2012 11:58

BlutstammzellenNur der richtige Spender kann Laurence retten

Laurence Klenk leidet unter einer seltenen Form von Lymphdrüsenkrebs. Um sie zu retten, bedarf es etwas Blut eines passenden Spenders – bislang verlief die Suche erfolglos.

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R. Reinecke/M. Bangerter

Nur ein wenig Blut eines passenden Spenders kann Laurence Klenk heilen. (Interview: R. Reinecke; Kamera/Schnitt: M. Bangerter)

Untersuchungen, Gespräche und viel Verantwortung. Immer wieder hatte die Spitalmedizinerin Laurence Klenk ihre Patienten über Behandlungsmöglichkeiten, Medikamente und Operationsmethoden aufgeklärt, niederschmetternde Diagnosen überbracht, aber auch Hoffnung vermittelt. Wie so oft nimmt die junge Oberärztin auch an diesem Tag im Oktober im Sprechzimmer Platz, doch jetzt sitzt sie auf der anderen Seite des Ärztepults auf dem Patientenstuhl.

Es begann am Abend zuvor: Laurence Klenk verspürte einen starken Juckreiz am ganzen Körper und entdeckte einen geschwollenen Lymphknoten an ihrer Leiste – eindeutige Warnsignale. In ihrer Erinnerung fügt sich alles zu einem schrecklichen Gesamtbild, dessen einzelne Puzzle-Stückchen sich schon Monate zuvor durch Müdigkeit und Erschöpfungszustände als Vorboten einer schweren Erkrankung zu erkennen gaben. «Ich hoffte natürlich, mich zu irren», sagt sie, doch dann kommt für die Mutter des 19 Monate alten Jonas der Moment, in dem sich die Erde aufhört zu drehen, der Augenblick, während dem der Arzt vis-à-vis die schlimmste Befürchtung in ärzteüblichem Fachchinesisch ausdrückt: AILD-T-Zell-Lymphom.

Nur zehn Neuerkrankungen im Jahr

Die Ärztin, die plötzlich selbst zur Patientin wird, leidet unter einer besonders aggressiven Form von Lymphdrüsenkrebs, bei der es nur eine geringe Chance auf Heilung gibt. Die Diagnose zwingt sie dazu, sich im Alter von nur 34 Jahren existenzielle Fragen zu stellen: «Was geschieht, wenn ich nicht gesund werde? Was wird aus meiner kleinen Familie, wenn ich fehle? Das alles lässt mich nicht mehr los», erzählt die sonst so starke Frau, die sich auf einmal wie eine Gefangene im eigenen Körper fühlt.

Im Internet findet man nur wenig über das AILD, auch Angioimmunoblastisches Lymphom genannt: «Diese Krankheit ist sehr selten und sie macht nur einen ganz geringen Teil aller Lymphome aus. Wir finden sie als Neuerkrankung in der Schweiz pro Jahr nur bei höchstens zehn Patienten», erklärt Thomas Pabst, Leitender Arzt für Onkologie am Inselspital Bern. Patienten wie Laurence Klenk werden mit einer nebenwirkungsintensiven Chemotherapie in mehreren Zyklen behandelt, allerdings mit zweifelhaftem Erfolg: «Leider ist das Ansprechen auf die Behandlung bei diesem speziellen Typ Lymphom nur kurz andauernd», fügt der Professor an und verweist darauf, dass man insbesondere bei jungen Patienten alles daransetze, eine Heilung zu erzielen: «Das kann dann eine Transplantation mit eigenen oder Fremdspender-Blutstammzellen nach der Chemotherapie beinhalten.»

Vergebliche Suche nach passendem Spender

Klenk kann nur durch eine Blutstammzellen-Transplantation gerettet werden, doch die Zeit ist ihr grösster Feind geworden: Da ihre eigenen Stammzellen für diese Therapie nicht infrage kommen, muss für sie in den nächsten Monaten ein Spender gefunden werden, der zu ihrem HLA-Profil passt (siehe Info-Box).

Über die Stiftung Blut-Stammzellen Schweiz (SBSC), die an ein weltweites Netz angeschlossen ist, in dem sich rund 18 Millionen potentielle Spender registriert haben, konnte bis jetzt noch kein passendes HLA-Profil für die Krebspatientin gefunden werden. «Jedes Jahr suchen wir in der Schweiz für etwa 200 Patienten Blutstammzellen-Spenden. Für rund 50 bis 60 Prozent finden wir einen passenden Spender», sagt Grazia Nicoloso de Faveri, ärztliche Leiterin der Stiftung. Für weitere zehn Prozent würde man zwar einen Spender finden, doch diese Patienten kommen aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr für eine Transplantation infrage, wie Nicoloso ergänzt. Bei den verbliebenen 30 Prozent ist die Suche vergeblich: Einige dieser Patienten sterben, wenn sie nicht auf andere Therapien ansprechen.

Registrierung kann Leben retten

Um als potentieller Spender aufgenommen zu werden, muss man einen Online-Fragebogen ausfüllen. Wenige Tage später erhält der Interessierte dann einen Umschlag mit Wattestäbchen für eine Mundschleimhaut-Probe zugeschickt. Diese Probe wird dann an die SBSC zurückgesendet. Dort wird das HLA-Profil analysiert und ständig mit potentiellen Empfängern über eine weltweite Datenbank verglichen. Ergeben weitere Untersuchungen, dass Spender und Empfänger zusammenpassen, wird dem Spender Blut abgenommen. Daraus werden später die Blutstammzellen für die Transplantation herausgefiltert.

Die Transplantation selbst ist für den Krebspatienten mit Risiken verbunden, denn um die alten, krebszellen-produzierenden Mechanismen zu unterbinden, muss das Immunsystem komplett ersetzt werden: «Dabei wird eine hohe Dosis Chemotherapie mit oder ohne Bestrahlung verabreicht, um das Knochenmark des Patienten in seiner Funktion zu bremsen oder zu zerstören», weiss Jakob Passweg, Professor und Chefarzt Hämatologie am Universitätsspital Basel. Danach werden gemäss Passweg die Blutstammzellen in die Vene des Empfängers gespritzt, um dann das Knochenmark zu besiedeln und Blut zu produzieren.

Auch Laurence Klenk hofft darauf, dass sich viele neue potentielle Spender bei der Stiftung Blut-Stammzellen Schweiz melden - für sich und für andere Patienten, deren Leben am seidenen Faden hängt. Nur so kann sich für die Bernerin der innigste Wunsch erfüllen: das eigene Kind aufwachsen zu sehen und die wunderschöne Beziehung zu ihrem Mann weiterzuleben.

Wenn Sie Patienten wie Laurence Klenk helfen wollen, können Sie sich als Spender bei der Stiftung Blut-Stammzellen Schweiz registrieren lassen. Wie das genau funktioniert, erfahren Sie bei sbsc.ch. (Die Website der SBSC kann zeitweise überlastet sein. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.)

Video: Wie kann ich Blut-Stammzellen spenden?

Wie kann ich Blut-Stammzellen spenden?

(Video: Blutspende SRK Schweiz)

Grazia Nicoloso, ärztliche Leiterin der Stiftung Blut-Stammzellen, im Interview.

Was sind Blutstammzellen, was bedeutet HLA?

Blutstammzellen kommen ausschliesslich im Knochenmark und in den grossen Knochen vor. Sie gelten als Ausgangspunkt für das Abwehrsystem und die gesamte Zellneubildung des Blutes. Eine Transplantation mit sogenannten peripheren Blutstammzellen kann entweder mittels eigenen (autologen) oder fremden (allogenen) Blutstammzellen erfolgen. Die fremden Blutstammzellen werden durch eine Blutentnahme beim Spender gewonnen. «Mit eigenen Stammzellen liegen die Risiken vor allem bei der Toxizität der Behandlung und beim Rückfall des Krebsleidens. Das Rückfallrisiko ist mit fremden Stammzellen geringer, dafür kommen Abstossungsrisiken hinzu», erläutert Jakob Passweg, Professor und Chefarzt Hämatologie am Universitätsspital Basel, die Probleme, die bei den jeweiligen Verfahren auftreten können. Die Überlebenschance eines Transplantierten liegt laut Passweg bei etwa 60 Prozent. Ob ein Mensch durch eine Stammzellen-Therapie geheilt werden kann, hängt von der Art der Blutstammzellen ab und wie gut das HLA-Profil des Spenders zu dem des Empfängers passt.

Beim sogenannten HLA handelt es sich gemäss Dr. med. Grazia Nicoloso von der Stiftung Blut-Stammzellen Schweiz um bestimmte Merkmale (Antigene), mit deren Hilfe das Immunsystem eigene von fremden Zellen unterscheiden kann. Um eine Abstossungsreaktion beim Blutstammzellen-Empfänger zu vermeiden, müssen diese Merkmale möglichst vollständig übereinstimmen. Da einige Menschen über sehr seltene HLA-Merkmale verfügen, ist es wichtig, dass sich möglichst viele Spender in einer weltweit abrufbaren Datenbank registrieren lassen. können auch Sie sich registrieren.

(rre)

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