Europaweiter Vergleich: Nur die Schweizer haben keinen Elternurlaub
Aktualisiert

Europaweiter VergleichNur die Schweizer haben keinen Elternurlaub

Die Forderung nach einer bezahlten Elternzeit von 1,5 Jahren in der Schweiz polarisiert. Wie grosszügig wäre eine solche Regelung im europäischen Vergleich?

von
J. Büchi

«Was die Elternzeit angeht, gehört die Schweiz zu den Nachzüglern in Europa», sagt Isabelle Stadelmann-Steffen, Professorin für Vergleichende Politik an der Universität Bern. Hierzulande sind bislang alle politischen Vorstösse, die eine Elternzeit einführen wollten, gescheitert. Auch eine entsprechende Forderung von Aline Trede (Grüne) stösst bei ihren Ratskollegen auf wenig Anklang. In der EU ist die Elternzeit dagegen längst Realität: Jede Mutter und jeder Vater bekommt pro Kind mindestens vier Monate Elternzeit – meist zusätzlich zum Mutterschaftsurlaub. Auch ausserhalb der EU kennen die meisten europäischen Länder eine ähnliche Regelung.

Weil die EU-Regelung viel Spielraum lässt, gibt es allerdings grosse Unterschiede zwischen den verschiedenen europäischen Staaten. Während gewisse Länder wie Frankreich, Deutschland, oder Estland bis zu drei Jahre Elternzeit vorsehen, beschränken sich andere Staaten wie Belgien, Kroatien und Griechenland auf das von der EU vorgeschriebene Minimum.

Nicht alle Regierungen gleich spendabel

Mit einem Elternurlaub verfolgen Regierungen in der Regel das Ziel, die Gleichstellung von Mann und Frau zu fördern. Zudem sollen die Mütter nach der Geburt ihres Kindes im Beruf bleiben. «Dies gelingt nur, wenn sowohl die Väter als auch die Mütter Elternurlaub beziehen und einander entsprechend entlasten», sagt Stadelmann. Ein langer Elternurlaub allein sei aber noch nicht zwingend positiv im Sinne der Geschlechtergleichheit.

Manche Länder gewähren den Müttern und Vätern zwar einen Elternurlaub, bezahlen ihn aber so schlecht, dass es nicht attraktiv ist, diesen zu beziehen. Griechenland, Irland, Spanien und Grossbritannien verzichten sogar komplett auf eine Bezahlung. Der Sinn der Elternzeit besteht dort nur darin, dass der Arbeitgeber den Arbeitsplatz nach der Geburt eines Kindes freihält.

Spanisches Modell nützt wenig

In gewissen Staaten ist der Elternurlaub zudem weitgehend übertragbar zwischen den Elternteilen. Das heisst: Obwohl sowohl Mutter als auch Vater das Anrecht auf eine Elternzeit hätten, bleibt oft die Frau viel länger zuhause als der Mann. Die EU schreibt lediglich vor, dass jeder Elternteil mindestens einen Monat zuhause bleiben muss.

Sei der Elternurlaub sehr lange, kaum bezahlt und fast vollständig auf die Mutter übertragbar, bleibe diese oft solange vom Arbeitsmarkt fern, dass ein Wiedereinstieg schwierig werde, sagt Stadelmann. Auch würden Frauen in solchen Systemen eher als unattraktive Arbeitskräfte gesehen, weil sie nach einer Geburt länger auszufallen drohten als die Männer. «Lange Elternurlaube ohne Bezahlung, wie etwa in Spanien, wirken deshalb kaum der traditionellen Rollenverteilung entgegen.»

Musterschüler sind dagegen – wenig überraschend – die skandinavischen Länder: Für schwedische Eltern gibt es beispielsweise knapp 16 Monate Elternurlaub, wobei mindestens zwei Monate vom Vater bezogen werden. Zudem gibt es finanzielle Anreize für eine möglichst egalitäre Aufteilung des Elternurlaubs. Die Eltern bekommen während ihrer Abwesenheit im Job weiter 80 Prozent ihres früheren Lohns.

Gesellschaftliche Veränderungen in der Schweiz

Die Schweiz gehört laut Politologin Stadelmann zu den Ländern, in denen die traditionelle Rollenteilung noch am stärksten verankert ist. Dies sei wohl ein Grund dafür, dass Forderungen nach einer Elternzeit oder einem Vaterschaftsurlaub bislang keine Mehrheit fanden. Zudem könne es sich in der Schweiz gerade die Mittelschicht oft leisten, dass nur ein Elternteil arbeitet – während es sich aufgrund des Steuersystems und der Subventionspraxis für diese Gruppe kaum lohne, die Kinder extern betreuen zu lassen.

«Trotzdem gibt es aber gesellschaftliche und ökonomische Veränderungen, die dem Anliegen Elternzeit hierzulande Aufwind verleihen könnten», glaubt die Expertin. Im Schweizer Politsystem dauere es oft etwas länger, bis eine Idee mehrheitsfähig sei. «Schliesslich hat es auch rund 60 Jahre gedauert, bis wir die Mutterschaftsversicherung eingeführt haben.»

Gemäss Stadelmann könnte sich die Massnahme auch finanziell auszahlen, wenn damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert wird – auch wenn der Elternurlaub dem Staat unmittelbar Kosten verursacht. «Es ist gesamtwirtschaftlich ineffizient, wenn gut ausgebildete Frauen ihren Job nach der Geburt ihres Kindes an den Nagel hängen», so Stadelmann. Nicht nur, dass solche Frauen weniger Steuern und AHV zahlen. «Auch die Gelder, die der Staat in ihre Ausbildung gesteckt hat, rentieren dann nicht.»

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