Aktualisiert 30.06.2016 05:07

Der Tod lauert im All

«Nur eine Frage der Zeit, bis uns ein Asteroid trifft»

Experten sind sich einig: Die Erde ist von Asteroiden-Einschlägen bedroht. Ex-Astronaut Ed Lu erklärt, was gegen die Gefahr getan wird.

von
J.-C. Gerber
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Laut Topwissenschaftlern wie Stephen Hawking ist die Frage nicht ob, sondern wann ein Asteroid auf der Erde einschlägt - mit potenziell katastrophalen Folgen.

Laut Topwissenschaftlern wie Stephen Hawking ist die Frage nicht ob, sondern wann ein Asteroid auf der Erde einschlägt - mit potenziell katastrophalen Folgen.

AP/pa
Beispiele aus der Vergangenheit gibt es einige. So soll vor 65 Millionen Jahren der Yucatan-Meteor das Sauriersterben ausgelöst haben. Noch heute zu sehen ist der Barringer Crater in Arizona, geschaffen durch einen Einschlag vor etwa 50'000 Jahren.

Beispiele aus der Vergangenheit gibt es einige. So soll vor 65 Millionen Jahren der Yucatan-Meteor das Sauriersterben ausgelöst haben. Noch heute zu sehen ist der Barringer Crater in Arizona, geschaffen durch einen Einschlag vor etwa 50'000 Jahren.

Wikimedia Commons/Shane.torgerson/CC BY 3.0
Am 30. Juni 1908 explodierte ein Asteroid acht Kilometer über Tunguska in Sibirien. Experten schätzen, dass dabei 60 Millionen Bäume auf einer Fläche von 2000 Quadratkilometern umgeknickt wurden.

Am 30. Juni 1908 explodierte ein Asteroid acht Kilometer über Tunguska in Sibirien. Experten schätzen, dass dabei 60 Millionen Bäume auf einer Fläche von 2000 Quadratkilometern umgeknickt wurden.

AP

Am 30. Juni 1908 passierte in Sibirien das sogenannte Tunguska-Ereignis. Mehrere gewaltige Explosionen knickten auf einem Gebiet von über 2000 Quadratkilometern rund 60 Millionen Bäume um. Alles deutet darauf hin, dass damals ein Asteroid die Erde getroffen hat.

Seit 2015 findet deshalb am 30. Juni der Asteroid Day statt (siehe Box). Ziel der Bewegung ist es, die weltweite Öffentlichkeit über die Gefahr von Asteroideneinschlägen aufzuklären. 20 Minuten hat sich mit dem ehemaligen Astronauten Ed Lu über Möglichkeiten unterhalten, die Welt vor einer Katastrophe zu schützen.

Ed Lu, Sie engagieren sich mit ihrer B612-Stiftung (siehe Box) für den Schutz der Erde vor Asteroiden. Gibt es tatsächlich eine Gefahr, dass wir getroffen werden?

Stephen Hawking und beinahe alle anderen Experten auf dem Feld der Planetologie glauben, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ein Asteroid auf die Erde trifft und grosse Verwüstung bringen wird. Die B612-Stiftung will die klügsten Köpfe zusammenbringen, um nach Wegen zu suchen, wie wir unseren Planeten schützen können.

Wieso ist das nötig?

Die Nasa hat die grössten Asteroiden zwar auf dem Schirm. Aber es gibt Millionen von kleineren, die noch nicht entdeckt worden sind, weil wir nicht die richtigen Werkzeuge haben, um sie aufzuspüren und zu verfolgen. Ihre Grösse reicht von etwa 20 Metern bis zu mehreren hundert Metern.

Ihre Stiftung entwickelt das Sentinel-Weltraumteleskop. Was ist sein Zweck?

Sentinel ist ein Infrarotteleskop im Weltraum, das die Flugbahnen von Asteroiden erkennen kann – Jahrzehnte bevor sie eine Gefahr für die Erde werden. So hätte man genügend Zeit, sie abzuwehren, falls nötig.

Wer finanziert Sentinel?

Das Programm wird von Privatleuten aus 44 Ländern finanziert. Die Nasa arbeitet an einer alternativen Mission namens NEOCam (Near-Earth Object Camera). Sollten Regierungsgelder für das Nasa-Projekt gesprochen werden, würden wir diese Mission unterstützen. Wir wollen, dass die Erde geschützt ist. Wer schlussendlich die Lösung entwickelt und betreibt, ist zweitrangig.

Welche Grösse von Asteroiden soll Sentinel dereinst entdecken können?

Sentinel kann die meisten Asteroiden aufspüren, die grösser als 45 Meter sind, also etwa die Grösse des Tunguska-Asteroiden haben.

Ed Lu und weitere Vertreter der B612-Stiftung erklären, wie Sentinel dereinst funktionieren soll. (Video: Youtube/b612 Foundation)

Tritt ein Asteroid von dieser Grösse in die Erdatmosphäre ein; wie viel davon würde auf der Erde aufschlagen?

Das ist schwierig zu sagen. Es hängt von der Zusammensetzung des Asteroiden und seinem Eintrittswinkel ab. Wichtig ist, hier festzuhalten, dass der Grossteil der Zerstörung von der Schockwelle herrührt, nicht von herabfallenden Teilen.

Wie könnte ein gefährlicher Asteroid abgelenkt werden?

Es gibt mehrere gangbare Wege, um einen Asteroiden abzuwehren. Es kommt auf die Grösse und die Vorwarnzeit an. Der einfachste Weg ist, ein kleines Raumschiff in den Asteroiden krachen zu lassen. Für eine präzisere Kurskorrektur kann das mit dem sogenannten Gravity Tractor verbunden werden. Dieses von mir und dem Ex-Astronauten Stan Love entwickelte Raumschiff würde über längere Zeit um einen Asteroiden kreisen und mit seinem Gravitationsfeld allmählich dessen Kurs ändern.

Gibt es die nötigen Technologien schon?

Ja, eine Machbarkeitsstudie hat ergeben, dass der Gravity Tractor gebaut werden kann. Es würde allerdings einige Jahre dauern, bis so eine Mission startklar wäre.

Simulation des Gravity Tractors. (Video: Youtube/b612 Foundation)

Gibt es andere Systeme, um einen Einschlag zu verhindern?

Die europäische Weltraumagentur ESA möchte im Rahmen der Asteroid Impact Mission (AIM) ein Raumschiff mit einen Asteroiden kollidieren lassen, um mehr über Asteroiden und mögliche Abwehrtechniken zu erfahren.

Die Asteroid Impact Mission der ESA (Video: Youtube/European Space Agency, ESA)

Der Tscheljabinsk-Meteor von 2013 war mit 20 Metern relativ klein, forderte aber dennoch 1500 Verletzte und richtete beträchtlichen Schaden an. Könnte ein solch kleines Objekt aufgespürt und abgelenkt werden?

Es würde bei allen zurzeit angedachten Teleskopen lange dauern, den Grossteil solcher Asteroiden aufzuspüren. Aber sie werden sicher in der Lage sein, viele von ihnen zu verfolgen. Die Abwehr wäre möglich, solange wir zehn oder mehr Jahre im Voraus von einem drohenden Einschlag wüssten.

Die technologischen Fragen sind nicht die einzige Herausforderung auf dem Weg zu einer Asteroidenabwehr. Noch fehlt auf internationaler Ebene eine Einigung, wie im Fall einer Bedrohung vorgegangen werden soll. Gibt es hier Fortschritte?

Der UNO-Ausschuss für die friedliche Nutzung des Weltraums hat das Problem inzwischen zur Kenntnis genommen. Doch es braucht noch viel Arbeit, die Entscheidungsträger dazu zu bringen, die Gefahr zu sehen und zu verstehen, welche Optionen es im Falle einer Bedrohung durch einen Asteroiden gibt.

Brian May spricht darüber, weshalb er den Asteroid Day aus der Taufe gehoben hat. (Video: Youtube/Asteroid Day)

Asteroid Day

Die Asteroid-Day-Bewegung wurde am 3. Dezember 2014 vom deutschen Regisseur Grigorij Richters und dem Queen-Gitarristen und Doktor der Astrophysik Brian May gegründet. Inzwischen unterstützen sie über hundert hochkarätige Personen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Showbusiness.

Ed Lu

Der Amerikaner Edward Tsang Lu war Nasa-Astronaut und hat als solcher 205 Tage an Bord des Space Shuttle und der Internationalen Raumstation ISS im All verbracht. 2007 schied er aus dem Dienst der Nasa aus. (Bild: Nasa)

B612 Foundation

Die B612-Stiftung wurde 2001 durch den Astrophysiker Piet Hut und Ed Lu gegründet. Die Non-Profit-Nichtregierungsorganisation hat sich die Erforschung von erdnahen Objekten, den Schutz der Erde vor einem Einschlag und den Aufbau einer möglichen Asteroidenabwehr zur Aufgabe gemacht. Benannt ist sie nach dem fiktiven Asteroiden B612 aus der Erzählung «Der kleine Prinz» von Antoine de Saint-Exupéry.

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