Premier-League-Start: Nur ManCity hat richtig zugeschlagen

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Premier-League-StartNur ManCity hat richtig zugeschlagen

Ausser Manchester City haben die englischen Topklubs im Sommer keinen dicken Fisch an Land gezogen. So müssen Chelsea, Arsenal und Co. die Jagd auf Manchester United ohne neue Superstars lancieren.

von
pre

Bei Manchester United beginnt erstmals seit 27 Jahren eine Saison ohne den zurückgetretenen Erfolgstrainer Sir Alex Ferguson. Vor allem Lokalrivale City und Chelsea wollen, ebenfalls mit neuen Chefcoaches, davon profitieren.

Dass die Top-3-Klubs einer europäischen Spitzenliga eine Saison mit komplett verändertem Trainerstab in Angriff nehmen, hat Seltenheitswert. In der Premier League ist dieses Szenario in diesem Sommer eingetreten. Manchester United hat die Nachfolge von Ferguson mit der Verpflichtung dessen schottischen Landsmanns David Moyes geregelt, Manchester City hat Roberto Mancini durch Manuel Pellegrini ersetzt, und bei Europa-League-Sieger Chelsea hat nach dem Abgang von Rafael Benitez zu Napoli wie schon zwischen 2004 und 2007 José Mourinho das Sagen.

38 Titel holte Ferguson in 26,5 Jahren als Charakterkopf der «Red Devils» aus Manchester. In die grossen Fussstapfen soll mit Moyes einer treten, den sein Vorgänger eigenhändig bestimmt hat und der mit einem langfristigen Konzept an die erfolgreichen Zeiten anknüpfen soll. Moyes, als Innenverteidiger einst biederer Durchschnitt, hat Everton in seiner elfjährigen Amtszeit mit vergleichsweise bescheidenen finanziellen Möglichkeiten in den Top 10 der Liga etabliert. In Manchester hat er nun einen für sechs Jahre gültigen Vertrag erhalten. Beobachter sprechen davon, dass Ferguson dadurch weiterhin viel Einfluss im Klub haben werde.

In der «Causa Rooney» gefordert

Interessant zu beobachten wird sein, wie Moyes in der «Causa Wayne Rooney» vorgeht. Jener Spieler, der unter ihm 2002 bei Everton als knapp 17-Jähriger zum damals jüngsten Torschützen der Premier-League-Geschichte geworden ist, drängt auf den Abgang. Den soll Ferguson eingeleitet haben, Rooney soll bei Chelsea hoch im Kurs stehen. Die englische Zeitung «Guardian» beschrieb den Stürmer als «tickende Zeitbombe». Moyes bekam in seinen ersten Wochen die ganze Wucht der United als Marketing- und PR-Maschinerie zu spüren. Alles ist mehr als eine Nummer grösser als vorher in Liverpool.

An der Transferfront blieb Moyes, der im Gegensatz zu Ferguson seine Verhandlungen alles andere als diskret führt(e), bislang ohne Coup. Das Ziel Nummer 1, Cesc Fàbregas von Barcelona zu verpflichten, misslang. Und auch Thiago Alcántara und sein bisheriger Spieler Leighton Baines wollten nicht nach Manchester wechseln. Die bislang einzige Verpflichtung ist Guillermo Varela, ein 20-jähriger Innenverteidiger aus Uruguay. Sorgen hat Moyes deswegen keine. «Das ist die Mannschaft, die letzte Saison mit elf Punkten Vorsprung Meister wurde. Darum habe ich Vertrauen in sie. Auch ohne Verstärkungen wäre sie ein harter Brocken für jedes Team.»

Entscheidend für die Stimmung dürften die nächsten sechs Wochen sein. Der Titelverteidiger und Rekordmeister trifft in den ersten fünf Runden unter anderen auf Chelsea, Liverpool und Manchester City. Deshalb schrieb die «BBC»: «Übersteht das Team diese Partien ungeschlagen, steigen die Ambitionen der United in Moyes' erster Saison.» Experten fragen sich, wie Moyes mit Ungemach und Kritik umgehen wird. Beistand würde er im Notfall zweifellos von Mentor Ferguson erhalten.

Transferoffensive der «Citizens»

Derweil lancierte Manchester Citys neuer Coach Manuel Pellegrini bereits den ersten medialen Vorstoss. «Ich glaube, wir haben das stärkste Kader in England», sagte der 59-jährige Chilene neulich. Die beste Abwehr der Liga stellten die «Citizens» in der Vorsaison mit nur 34 Gegentreffern bereits. Aber selbst das nur siebtklassierte Liverpool erzielte mehr Tore. Deshalb verstärkte Pellegrini die Offensivabteilung massiv. Mit Jesús Navas, Álvaro Negredo, Fernandinho und Stevan Jovetic stiessen für fast 100 Millionen Euro vier kreative Elemente zum Meister von 2012.

Von der Verpflichtung des in Spanien hoch angesehenen Pellegrini erhoffen sich Manchester Citys steinreiche Besitzer aus den Vereinigten Arabischen Emiraten nicht nur Erfolg, sondern auch Spektakel. In der Primera División liess der Südamerikaner in Villarreal (Champions-League-Halbfinal), bei Real Madrid und in Málaga (CL-Viertelfinal) attraktiven Fussball spielen. Bei Real wurde er nach nur einer Saison 2010 entlassen, obwohl er die bis dahin höchste Punktzahl der Vereinsgeschichte erreicht hatte und dennoch hinter Barcelona nur Zweiter geworden war.

Im Gegensatz zu Vorgänger Mancini, der am streitbaren Starstürmer Mario Balotelli festgehalten hat, schreckt Pellegrini vor unpopulären Massnahmen nicht zurück. In Málaga warf er einst seinen Spielmacher Juan Riquelme raus, weil dieser teamintern massiv intrigiert haben soll. Auch in Manchester gab er den Tarif sogleich durch. Goalie Joe Hart sprach von der «härtesten Saisonvorbereitung», die er je hatte. «Das erste Training unter ihm begann um 7.30 Uhr, am Abend war ich jeweils erst um 21.30 Uhr zu Hause.»

Rückkehr des «Special One»

Zweiter grosser Herausforderer der United dürfte Chelsea mit José Mourinho sein. «Der Special One scheint sich als weisere, reifer gewordene Figur zu präsentieren als jener junge Streetfighter, der Chelsea zu zwei Titeln in Serie geführt hatte, ehe sich die Beziehung zu Klubbesitzer Roman Abramowitsch abkühlte», schrieb die «BBC» über den portugiesischen Exzentriker. Der Ehrgeiz war schon immer die Triebfeder Mourinhos. Bei seinem zweiten Engagement an der Stamford Bridge hat er Nachholbedarf. Denn in seiner «Abwesenheit» hat Chelsea die Champions League, die Europa League, die Meisterschaft und den FA-Cup gewonnen.

Mourinho soll Chelseas Hauptproblem der letzten Ligasaison beheben. Gegen die Top Ten der Premier League holten die «Blues» zwar gleich viele Punkte wie der Meister, aus den Vergleichen mit den restlichen Teams resultierten aber 14 Punkte weniger. Logisch erscheint die Idee, Wayne Rooney nach London zu locken. Denn Chelseas Stürmer Fernando Torres (8) und Demba Ba (2) schafften in der letzten Saison zusammen weit weniger Tore als das belgische Juwel Romelu Lukaku als Leihspieler bei West Bromwich Albion (17).

Was passiert mit Bale?

Erster Herausforderer des Favoritentrios dürfte Tottenham sein. Nach einer sehr ansprechenden ersten Saison unter Mourinhos «Ziehsohn» André Villas-Boas haben die Spurs massiv aufgerüstet. Allerdings bleibt abzuwarten, was mit dem walisischen Flügel Gareth Bale passiert. Der überragende Spieler der letzten Premier-League-Saison wird seit Wochen von Real Madrid umworben. Ein Wechsel, womöglich auch ligaintern, wäre alles andere als eine Überraschung und für Tottenham eine klare Schwächung. Beim Liga-Auftatk fehlt der Waliser veletzungsbedingt.

Bei Stadtrivale Arsenal geht Arsène Wenger in seine 18. und womöglich letzte Saison als Trainer. Während die Konkurrenz grösstenteils aufrüstete, meldeten die «Gunners» bislang einzig den Zuzug des 20-jährigen Franzosen Yaya Sanogo aus der Ligue 2. Dafür wurden inklusive Junioren 28 (!) Spieler abgegeben, unter ihnen die Schweizer Sead Hajrovic und Elton Monteiro. Wenger hätte zig Millionen zur Verfügung, sein Verein hat aber längst nicht mehr die Anziehungskraft wie vor ein paar Jahren. Abwerbeversuche für Gonzalo Higuaín (zu Napoli) und Liverpools Topskorer Luis Suárez sind kläglich gescheitert. Zumindest im Fall von Suárez ist das letzte Wort allerdings noch nicht gesprochen. (pre/si)

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