17.07.2020 17:20

3 mit Sex

«Nur weil ich schwul bin, dürft ihr mich nicht einfach betatschen»

Lars bricht ein Tabu und spricht über die Kehrseite einer sexuell offenen Community.

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Lars
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Lars bricht ein ungeschriebenes Tabu und spricht über sexuelle Belästigung in der Gay-Szene.

Lars bricht ein ungeschriebenes Tabu und spricht über sexuelle Belästigung in der Gay-Szene.

Anna Deér
Lars
Lars

Er ist ein schwuler Designer aus dem Aargau. WG-Mami und wilder Single, der gut mit Hammer und Nägeln kann. Insgeheim hat Lars aber genug davon, in und ausserhalb des Betts immer den aktiven Part zu übernehmen.

Anna Deér
Ella
Ella

Sie ist single mit wechselnden Liebschaften. Verliebt sich wahllos. Sucht Mr. Right und vertreibt sich die Zeit mit amourösen Fettnäpfchen und seltsamen Begegnungen zwischen feuchten Laken.

Anna Deér

Darum gehts

  • Lars ist schwul.
  • Obwohl ihn seine Freunde als Sexbombe bezeichnen, kennt er auch die Kehrseite der offenen Community.
  • Lars wurde an der Gay-Pride 2019 mehrfach belästigt – ein Kniff in den Po, ein Kuss in den Nacken hier, ein Griff unters T-Shirt. Die Berührungen häuften sich.
  • Als ein Typ ihn plötzlich packte und versuchte, mit ihm zu tanzen, reichte es Lars. Er brach in Tränen aus und erlitt eine Panikattacke.
  • Als er seiner Mom und seinen Freunden wenig später von den Zwischenfällen erzählte, wurde er nur belächelt. «Überleg doch mal, bei Veranstaltungen mit so vielen Schwulen kochen eben die Emotionen schnell hoch», versuchte ihn sein Kollege zu beschwichtigen.
  • Für Lars ist klar: «Egal, was ich trage oder wohin ich gehe, ich darf selbst entscheiden – und nicht jeder will an einem Gay-Event rummachen.»

70er-Jahre-Pornostar-Schnauzer und immer einen anzüglichen Spruch auf den Lippen: Wer mich bei einem Glas Prosecco kennenlernt, merkt schnell, dass hier Flirtpotenzial mit Aussicht auf mehr besteht. Hier ein Date, da ein unverschämter Blickwechsel. Und meine knappen Speedos auf dem Schwulendeck der Stadtbadi machen jedem grosszügigen Heterodamen-Ausschnitt Konkurrenz.

Ich lebe und liebe sexuelle Offenheit. Sie ist Teil meiner Identität. Und an Verehrern mangelt es mir nicht. Spontanes Rumknutschen und Sex mit Männern, von denen ich nicht mal weiss, wie sie heissen, hatte ich auch schon öfters. Und meistens habe ich es genossen. Aber eben nicht immer.

«Ich leide unter der Kehrseite einer sexuell offenen Community»

Für mich ist es schwer, darüber zu reden, ohne dass meine schwulen Freunde das in den falschen Hals kriegen. Mir hallt die Diskussion mit meinem BFF Mario nach. «Tu nicht so unschuldig. Du bist doch die grösste Sexbombe von uns. Ist doch total heuchlerisch, mit allen rumzuflirten und ins Bett zu gehen und sich danach über die Kehrseiten zu beschweren.» Noch mehr getroffen hat mich die Reaktion eines älteren Bekannten mit viel Lebenserfahrung: «Das ist Teil unserer Identität und unseres Lifestyles. Wir Schwulen haben Jahrzehnte dafür gekämpft, so akzeptiert zu werden, wie wir sind. Und du schämst dich dafür?!»

Wenn ich hier eine Geschichte zum Besten gebe, die davon handelt, wie ich unter der Kehrseite einer sexuell offenen Community leide, so möchte ich damit niemanden kritisieren, der sexuelle Offenheit liebt und lebt – solange damit nicht jemand anderem geschadet wird.

«An der Gay Pride hatte ich deswegen eine Panikattacke»

Es passierte an der Gay Pride letztes Jahr. In knappen Höschen und mit ordentlich Glitzerpuder tanzte ich mit Mario und anderen Freunden hinter einem Wagen zu Techno-Remixes von Lady Gaga, als plötzlich – zack! – eine Hand hervorschnellte und mich in den Hintern kniff. Ich spürte, wie meine Pobacke zwischen Zeigefinger und Daumen gequetscht und gezogen wurde. Dreimal. Gutschi-Gutschi-Guu! Wie meine Tante, die mich als Kind gern in die Wange gekniffen hatte. Ich will das nicht! Wütend drehte ich mich um. Aber da stand keine Tante Klara mit Sabberschäumchen im Mundwinkel. Und auch sonst: Niemand, der so aussieht, als hätte er mir gerade an den Arsch gegrapscht.

Im weiteren Verlauf der Gay Pride wurde mir ins Haar gefasst, ich wurde in den Nacken geküsst und beim Flirten wurde mir ein Daumen in den Mund gesteckt. Als die Nacht anbrach, fühlte ich mich schon ziemlich gestresst und irgendwie schmutzig von all den ungewollten Berührungen.

Während dem Hauptkonzert stand ich mit Mario in einer Achselschweiss-Alkoholfahnen-Wolke inmitten einer tobenden Menschenmenge. Plötzlich packte mich ein Typ unter meinem T-Shirt an der Hüfte, schob mir sein Bein zwischen meine Beine und versuchte unsanft, mit mir zu tanzen. Er drückte meinen Oberkörper so fest zusammen, dass es die Luft aus meinen Lungen drückte und ich nach Luft schnappen musste. Ich schaute erschrocken um mich, während mir das Wasser in die Augen lief. Meine Atmung und mein Puls rasten. Ich merkte, wie ich die Kontrolle verlor und ich nur noch etwas spürte: Angst. Mario begleitete mich aus der Menschenmenge. Mir liefen die Tränen runter, während ich abseits des Konzerts zehn Minuten in eine Tüte atmete, bevor ich den Heimweg antrat. Ich hatte gerade eine Panikattacke.

«Bei meiner Mutter klang es so, als läge es an meinen Shorts»

«Aber solltest du nicht etwas längere Shorts anziehen?», meinte meine Mutter, als ich ihr von der Panikattacke erzählte. «Ja, vielleicht hast du recht» antwortete ich. Obwohl ich eigentlich fand, dass meine Mutter Blödsinn redete. Ich darf doch rumlaufen, wie ich will, ohne dass mir jemand an den Hintern grapscht.

«Überleg doch mal, Lars. Veranstaltungen mit so vielen Schwulen. Da kochen die Hormone hoch. Vielleicht solltest du diese meiden, wenn du nicht in der Stimmung zum Flirten bist. Umgekehrt: Wenn dir nach Flirten und Sex gewesen wäre, wären diese Übergriffe kein Problem für dich gewesen. Im Gegenteil. Du wärst voll auf deine Kosten gekommen», sinniert Luca beim Katerbrunch nach der Pride. Beim Wort «Übergriff» malt er mit seinen Fingern Anführungszeichen in die Luft. Ich beisse gedankenversunken in mein Croissant. Ich fühle mich missverstanden. Ich darf doch dort sein, wo ich will, ohne dass mir in den Arsch gekniffen wird. Und die Annahme, dass jeder Besucher eines Gay-Events rummachen will, ist falsch. Dass ich mich dagegen wehre, bedeutet nicht, dass ich gegen einen «hart erkämpften Gay-Lifestyle» bin. Hätte die Pride dieses Jahr stattgefunden, wäre ich trotz allem wieder hin – dieses Mal aber ohne meine Meinung unter Glitzerpuder und Schminke zu verstecken.

Sex-WG

3 mit Sex

Ella, Lars und Bruce heissen in Wirklichkeit gar nicht so, und auch einige Angaben sind geändert. Wahr ist aber, dass sie leidenschaftlich gern durch die Keller und Clubs der besten Stadt dieses Landes tanzen. Die drei Singles lieben Techno, Rührei und die stabilen Betten ihrer WG. Und sie wissen: Falls sie sich je zu dritt darin vergnügen, ist das das Ende von allem – oder der Beginn von etwas noch Grösserem. 20 Minuten erzählen sie exklusiv von ihren Abenteuern.

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