Konzertabbruch: «Nur, weil wir Rastas tragen, sind wir keine Rassisten»

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Konzertabbruch«Nur, weil wir Rastas tragen, sind wir keine Rassisten»

Die Berner Mundart-Band Lauwarm musste ein Konzert abbrechen, weil Gäste sich daran störten, dass weisse Männer mit Rastalocken Reggae-Musik machen. Jetzt äussert sich der Band-Leader Dominik Plumettaz.

von
Claudia Blumer
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«Ich habe von kultureller Aneignung noch nie gehört, ich wusste gar nicht, was das ist»: Dominik Plumettaz, Leader der Mundart-Band Lauwarm, erzählt, wie er den Vorfall in der Berner Brasserie Lorraine erlebt hat.

«Ich habe von kultureller Aneignung noch nie gehört, ich wusste gar nicht, was das ist»: Dominik Plumettaz, Leader der Mundart-Band Lauwarm, erzählt, wie er den Vorfall in der Berner Brasserie Lorraine erlebt hat.

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Die Berner Band Lauwarm hat Reggae, Indie-World und Pop im Programm. Manche Bandmitglieder tragen Rastas. Das störte offenbar ein paar Gäste während des Konzerts in der Brasserie Lorraine vom 17. Juli.

Die Berner Band Lauwarm hat Reggae, Indie-World und Pop im Programm. Manche Bandmitglieder tragen Rastas. Das störte offenbar ein paar Gäste während des Konzerts in der Brasserie Lorraine vom 17. Juli.

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Nach der Pause wurde das Konzert deshalb abgebrochen, auf Initiative der Verantwortlichen der Brasserie, welche die Band eingeladen hatten.

Nach der Pause wurde das Konzert deshalb abgebrochen, auf Initiative der Verantwortlichen der Brasserie, welche die Band eingeladen hatten.

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Darum gehts

  • Am 18. Juli trat die Band Lauwarm in der Brasserie Lorraine auf. Das Konzert wurde nach der Pause abgebrochen, weil Gäste sich an der «kulturellen Aneignung» störten.

  • Die Kritik an kultureller Aneignung zielt darauf ab, dass weisse Menschen Rastafrisuren tragen und Reggae spielen, obwohl das nicht ihre Kultur ist.

  • Bandleader Dominik Plummettaz hat Mühe mit der Kritik, wie er im Interview mit 20 Minuten sagt. Der Vorwurf der kulturellen Aneignung sei daneben, er habe selbst Vorfahren aus Afrika.

Am 18. Juli seid ihr in der Brasserie Lorraine in Bern aufgetreten, musstet dann aber das Konzert abbrechen, weil sich manche Gäste nach Angaben der Veranstalter unwohl gefühlt haben. Wie war das für euch?

Für uns war es extrem unangenehm, eine schwierige Situation. Wir fühlten uns total vor den Kopf gestossen. Die Kritiker hätten ja auch einfach gehen können. Wenn einem ein Auftritt nicht gefällt, ist man nicht verpflichtet, zu bleiben. Doch stattdessen wurde das Konzert abgebrochen, obwohl das Publikum mehrheitlich wollte, dass es weitergeht. Das war schmerzhaft für uns.

Die Veranstalter schreiben auf Facebook, mehrere Gäste hätten sich unwohl gefühlt. Habt ihr davon nichts bemerkt?

Überhaupt nicht. Die Stimmung war super. Dann gingen wir in der Pause raus, und als wir wieder reinkamen, sagte der Veranstalter, wir sollten kurz zu ihm kommen. Dann hat er uns gesagt, dass manche Gäste Mühe hätten wegen der kulturellen Aneignung und dass es besser sei, wenn wir das Konzert abbrechen.

Wie habt ihr reagiert?

Wir waren total überrascht und perplex. Ich habe von kultureller Aneignung noch nie gehört, ich wusste gar nicht, was das ist. Wir waren zuvor noch nie mit diesem Vorwurf konfrontiert. Danach richtete der Veranstalter, die Verantwortlichen der Brasserie Lorraine, ein paar Worte ans Publikum, und dann gab es einen Riesen-Shitstorm.

Ein Shitstorm?

Das Publikum tobte. Die Leute haben nicht verstanden, dass das Konzert abgebrochen wird. Wir sind dann geblieben, weil wir die Unterstützung aus dem Publikum gespürt haben. Während drei Stunden haben wir Gespräche geführt mit Leuten.

Auch mit den Kritikern?

Nein, die Kritiker haben sich bei uns nicht gemeldet. Bis heute weiss ich nicht, wer die Kritik geäussert hat, wer von den Gästen sich unwohl gefühlt hat, weil wir als weisse Männer mit Rastas Reggae spielen. Dass die Kritiker sich nicht zu erkennen geben, sondern im Versteckten bleiben, stört mich sehr. So kann ich mich auch nicht mit ihren Argumenten auseinandersetzen und darauf reagieren.

Hätten Sie denn Verständnis für die Kritik?

Was die Musik betrifft, finde ich den Vorwurf der kulturellen Aneignung daneben. In der Musik geht es um Kreativität, Inspiration. Wenn man sich inspiriert fühlt und etwas Positives aus einer anderen Kultur mitnehmen und weitertragen kann, ist das doch megaschön. Für jede Kultur. Ich weiss gar nicht, was ich mit dem Begriff anfangen soll. Für uns ist er auch verletzend. Ich habe Vorfahren aus Afrika. Einer in unserer Band, der Dreadlocks hat, hat eine dunkelhäutige Frau und ganz viele Freunde aus afrikanischen Ländern. Uns Rassismus und Diskriminierung vorzuwerfen, ist daneben.

Sie würden also die Rastas nicht abschneiden, um in der Lorraine auftreten zu dürfen?

Sicher nicht. Wir fühlen uns wohl, wir stehen zu dem, was wir machen. Wir sind keine Rassisten, im Gegenteil. 

Was denkst du zur Haltung der Super-Woken?

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Rassismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143


Diskussion um kulturelle Aneignung

Die Kritik an kultureller Aneignung ist immer wieder ein Thema. Sie war es beispielsweise im März 2022, als die deutsche Sängerin Ronja Maltzahn an einer Demo von Fridays for Future (FFF) hätte auftreten sollen, aber kurzfristig ausgeladen wurde, weil sie Dreadlocks trägt. Die Organisatoren der FFF-Demos schreiben: «Wir bitten weisse Menschen, keine Dreads zu tragen oder diese zu überdecken.» Das stösst bei vielen auf Unverständnis – auch bei Leuten, die sich als Kämpfer gegen Ausgrenzung sehen. So reagierte die Aargauer Mitte-Politikerin Maya Bally: «Solche Vorfälle befremden mich.» Sie lehne Ausgrenzung von Minderheiten konsequent ab. Doch nun würden Leute ausgegrenzt wegen der falschen Frisur. «Ich frage mich: Was soll das?»

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