11.06.2015 04:02

Zusammenhang belegt

Nur wer Leid selbst kennt, kann mitfühlen

Wer selbst wenig Schmerzen hat, empfindet auch weniger Mitgefühl. Leid zu kennen, ist demnach die Grundvoraussetzung für Empathie.

von
fee/sda
1 / 3
Nur wer weiß, was es heißt, Schmerzen zu haben, hat eine Ahnung davon, was es heißt, zu leiden.

Nur wer weiß, was es heißt, Schmerzen zu haben, hat eine Ahnung davon, was es heißt, zu leiden.

Keystone/AP/Rick Rycroft
Sie sind es dann auch, die besonders großes Mitgefühl empfinden können.

Sie sind es dann auch, die besonders großes Mitgefühl empfinden können.

Colourbox.com/Sandro di Carlo Darsa
Das haben Forscher der Universität Wien im Rahmen einer Studie mit Placebos herausgefunden.

Das haben Forscher der Universität Wien im Rahmen einer Studie mit Placebos herausgefunden.

Keystone/Georgios Kefalas

Die eigene Schmerzerfahrung stellt für das Gehirn offenbar die Grundlage dar, um Mitgefühl empfinden zu können, berichten Forscher der Universität Wien. Sie beobachteten den Effekt bei einer Placebo-Studie, die sie im «Journal of Neuroscience» veröffentlichten: Wer meinte, ein Schmerzmittel erhalten zu haben, war weniger empathisch, wenn er Schmerzen bei anderen beobachtete.

«Wir konnten erstmals spezifisch den neuronalen Mechanismus zeigen, mit dem Schmerzempfindung und Empathie für Schmerz zusammenhängen», sagte der Studienleiter Claus Lamm der Nachrichtenagentur APA.

Nur Placebos

Sowohl die Studienteilnehmer als auch die beobachtete Person erhielten kurze Elektroschock-Impulse, entweder mit oder ohne Schmerzkontrolle. Dabei benutzten die Forscher gar keine echten Schmerzmittel – sondern nur Placebos. Auch diese setzen jedoch nachweislich die Schmerzaktivität des Gehirns herab.

«Sie reduzieren den empfundenen Schmerz über die Ausschüttung körpereigener Opiate», so Lamm. «Die Annahme ist, dass der Effekt auch bei echten Schmerzmitteln auftritt, denn Morphin wirkt auf eine ähnliche Weise.» Echte Schmerzmittel mit Suchtpotenzial wurden aufgrund ethischer Bedenken nicht eingesetzt.

Um den Effekt sicher auch darauf übertragen zu können, wären also weitere Studien nötig. «Das wäre dann auch für den klinischen Bereich interessant», so Lamm. Denn bisher wird nicht untersucht, ob etwa Patienten, die aufgrund chronischer Schmerzen längerfristig entsprechende Medikamente nehmen, auch eine reduzierte Reaktion auf den Schmerz anderer aufweisen.

Gehirn lässt sich austricksen

Es war bereits bekannt, dass bei eigenem und fremdem Schmerz die gleichen Areale im Gehirn aktiviert werden. Nun sei der ursächliche Mechanismus bekannt und erwiesen, dass teilweise die gleiche neuronale Funktion betroffen ist, sagte Lamm.

In einer weiteren, demnächst zu veröffentlichenden Studie hat Lamms Team den nächsten Schritt gemacht: Wird der Placebo-Effekt durch eine pharmakologische Substanz blockiert, ist die Empathie wiederhergestellt.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.