Geflüchtete erzählen - «Nur wer persönlich einen Krieg erlebt hat, weiss, was diese Angst bedeutet»

Publiziert

Geflüchtete erzählen«Nur wer persönlich einen Krieg erlebt hat, weiss, was diese Angst bedeutet»

Durch den Krieg in der Ukraine kommen bei vielen Kriegsflüchtlingen aus dem Kosovo und Bosnien Erinnerungen hoch. Vier von ihnen erzählen ihre Geschichte.

von
Daniel Krähenbühl
1 / 6
Tausende Menschen fliehen jeden Tag aus der Ukraine. Im Bild Flüchtende an der polnischen Grenze. 

Tausende Menschen fliehen jeden Tag aus der Ukraine. Im Bild Flüchtende an der polnischen Grenze. 

AFP
Auch in der Schweiz kommen täglich um die 1000 Geflüchtete an. 

Auch in der Schweiz kommen täglich um die 1000 Geflüchtete an. 

REUTERS
Die Bilder und Nachrichten aus dem Krieg in der Ukraine wecken auch bei Geflüchteten aus vergangenen Konflikten Traumata. 

Die Bilder und Nachrichten aus dem Krieg in der Ukraine wecken auch bei Geflüchteten aus vergangenen Konflikten Traumata. 

20min/Simona Ritter/Helena Müller

Darum gehts

  • Millionen  Ukrainerinnen und Ukrainer müssen vor dem Krieg in ihrer Heimat fliehen. 

  • Das weckt bei Zehntausenden in der Schweiz lebenden Menschen traurige Erinnerungen an ihre eigene Flucht aus einem Krieg. 

  • Fünf Menschen, die aus Bosnien oder dem Kosovo vor dem Krieg in die Schweiz geflüchtet sind, erzählen, was dieser neue Krieg in ihnen auslöst. 

Im April vor 30 Jahren begann der Krieg in Bosnien. Rund 100’000 Menschen wurden in dessen Verlauf getötet, 2,2 Millionen Menschen wurden in die Flucht getrieben. Nur wenige Jahre später kam es zum Kosovokrieg, über 800’000 Personen flüchteten nach Kriegsbeginn 1998. Mehrere Zehntausend Geflüchtete aus Bosnien und dem Kosovo fanden in der Schweiz eine neue Heimat. Mit dem russischen Invasionskrieg in der Ukraine und den Flüchtlingen, die in der Schweiz Schutz suchen, fühlen sich einige Betroffene an vergangene Zeiten erinnert.

So etwa Amra Durić, eine österreichische Journalistin, die auf der Plattform Linkedin von ihrer Flucht aus Bosnien berichtet: «Über ein Jahr lang versteckte sich meine Familie in einem Keller, während um uns herum Bomben Häuser zerstörten und Menschen töteten.» Ihre Mutter habe sie mitten in der Nacht an die Hand genommen und die Flucht gewagt. Tagelang seien sie zu Fuss in der Kälte unterwegs gewesen. «Die Angst, erschossen zu werden, wurde bei jedem Schritt grösser.»

Als sie in Österreich erstmals Flugzeuge hörte, sei sie aus Gewohnheit in den Keller gerannt, so Durić. «Als Samstagmittag die Sirenenprobe in Tirol losging, packte mich meine Mutter und lief weinend zu den Nachbarn. Sie dachte, der Krieg wäre ihr nach Österreich gefolgt.» Das sei er irgendwie auch: «Nicht in Form von Soldaten, Fliegern und Bomben, aber dennoch ist er präsent.» Durch den Angriff auf die Ukraine sei die eigene Flucht wieder hochgekommen. «Bilder von Leichen auf Strassen. Zerbombte Dörfer und Städte. Frauen, die mit ihren Kindern im Arm flüchten. Männer, die plötzlich zu Soldaten werden müssen. Der Krieg in Bosnien begann vor 30 Jahren. Meine Familie wird er ein Leben lang begleiten.»

Flashbacks und Angstzustände

Dass der Ukraine-Krieg bei ehemaligen Flüchtlingen Traumata reaktivieren kann, bestätigt Valdete Hoti, Präsidentin von Parandalo, einem Beratungszentrum für Menschen mit Migrationshintergrund. «Im Zentrum werden derzeit zahlreiche Personen, die Kriegs- oder Fluchterfahrungen gemacht haben, unterstützt.» Die Situation sei für die Betroffenen sehr schwierig, es komme zu Flashbacks, mit verschiedenen psychischen Folgen.  «Sie haben Angstzustände, fühlen sich unsicher und bedroht, trauern um ihre Familienangehörigen, die im Krieg umkamen oder immer noch als vermisst gelten, es entsteht ein Ohnmachtsgefühl.»

Doch auch die physischen Wunden rissen durch den Krieg wieder auf, sagt Hoti. «Diejenigen, die im Krieg verletzt oder verstümmelt wurden, spüren ihre Narben stärker.» Viele Personen hätten die erlebten Traumata nicht vollständig aufarbeiten können, für sie sei die Situation sehr nahe und beinahe unerträglich. «Mit den Ukrainerinnen und Ukrainern haben die Betroffenen aber ganz viel Verständnis – auch, weil sie wissen, was es heisst, ums Überleben zu kämpfen und auf der Flucht vor einem Krieg zu sein. Diese Erinnerungen verfolgen einen das ganze Leben lang.»

Nina (39): «Ich träume von Krieg, Massakern, Folter»

Ich bin 1993 als Zehnjährige mit meiner Mutter und meinem Bruder aus Bosnien geflüchtet. Mein Vater ist im Herbst zuvor im Krieg gefallen. Drei Monate lang waren wir auf der Flucht, von Montenegro über Serbien und Ungarn nach Österreich. Meine Mutter wurde nach der Ankunft schwer depressiv. Für mich kam die ganze Fluchterfahrung erst mit dem Ukraine-Krieg wieder hoch. Die ganzen Bilder der Angriffe und die Leichen auf der Strasse erinnern mich an meine Kindheit. Ich bin so aufgewachsen, das war für mich normal. Auch, dass Verwandte von heute auf morgen verschwunden und niemals wieder aufgetaucht sind. Das ist mir jetzt wieder bewusst geworden. Ich habe sehr oft Albträume, ich träume von Krieg, Massakern, Leichen, abgetrennten Gliedmassen und Folter. Auch wenn es nicht einfach ist: Was ein wenig hilft, sind Gespräche mit meinem Bruder, meinem Mann und Fachleuten.

Adem (59): «Der Krieg brachte alle Bilder wieder an die Oberfläche»

Ich bin Bosnier und lebte als 30-Jähriger während dem Krieg sieben Monate lang in serbischen Konzentrationslagern. Wir lebten von Tag zu Tag: Niemand wusste, wer am nächsten Tag getötet wird. Jeden Tag hörten wir Schreie von gefolterten Mitinsassen. Abends sammelten wir ihre leblosen Körper ein und hievten sie auf einen Lastwagen, der sie aus dem Lager brachte. Raus kam ich nur dank dem Roten Kreuz: Die Schweiz nahm damals 200 Personen aus den Lagern auf, meine Frau und ich waren endlich in Sicherheit. Trotzdem war es schwierig, mit dem erlebten Leid fertig zu werden: Meine Frau, die zuvor auch in einem Lager gefangen war, litt unter starken psychischen Problemen. Ihre Diagnose: eine posttraumatische Belastungsstörung. Ich verdrängte die Erlebnisse und traumatischen Erfahrungen aus meinem Kopf und ging schon bald einer Arbeit nach.

Der Krieg in der Ukraine brachte nun alle Bilder wieder an die Oberfläche. Ohne Tabletten kann ich nicht einschlafen, zudem bin ich jetzt in psychiatrischer Behandlung. Bei meiner Frau sind die chronischen Kopfschmerzen nun viel schlimmer, sie gehen nicht mehr weg. Eine Kollegin, die ebenfalls in einem Lager war, leidet unter Atemnot. Die Bilder aus der Ukraine ersticken sie. Für Aussenstehende ist der psychische und physische Schmerz kaum nachzuvollziehen. Wir fühlen mit allen Flüchtlingen mit, denn viele werden wohl ein ähnliches Schicksal erleiden.

Amy (43): «Nur wer Krieg persönlich erlebt hat, weiss, was Angst bedeutet»

Ich kann mich sehr gut an den Krieg in Bosnien erinnern. Mit knapp 14 Jahren bin ich aus Sarajevo in die Schweiz geflüchtet. Damals hatte Bosnien keine internationale Unterstützung erhalten, man musste sich selbst wehren. Obwohl ich nur schlechte Erinnerungen an den Krieg habe, möchte ich keine Seite beschuldigen. Nur den Politikern gebe ich die Schuld, weil sie den Krieg zugelassen haben. Denn im Krieg gibt es keine Gewinner, es gibt nur Verlierer.

Ich bin sehr dankbar, dass ich hier in der Schweiz ein neues Leben beginnen konnte. Den Leuten, die mir auf meinem Weg geholfen haben, bin ich für immer zu Dank verpflichtet. Trotz neuem Leben: Für mich war es bisher sogar schwierig, den jährlichen Sirenentest mitzuerleben, da es mich immer an den Krieg erinnert. Mit dem Krieg in der Ukraine ist es noch schlimmer geworden. Wer keinen Krieg persönlich miterlebt hat, der weiss nicht, was Angst bedeutet. 

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Trauma erlitten?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143


Deine Meinung

26 Kommentare