Höhere Gebühren: Nur wer zügig studiert, soll studieren dürfen
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Höhere GebührenNur wer zügig studiert, soll studieren dürfen

Wegen tiefen Studiengebühren bleiben Studenten immatrikuliert, obwohl sie das Studium schon aufgegeben haben. So wird das Finanzierungssystem von Bund und Kantonen verzerrt, sagt Bildungs-Staatssekretär Dell'Ambrogio.

von
S. Heusser

Kantonale Universitäten und Fachhochschulen werden durch den Kanton, Bund sowie durch die Herkunftskantone der Studenten subventioniert. Die interkantonalen Beiträge und die Bundessubventionen, die als Transferzahlungen bezeichnet werden, belaufen sich auf jährlich etwa 3 Mia. Franken. Doch die Gelder werden nicht so verteilt wie sie sollten, sagt Staatssekretär Mauro Dell'Ambrogio. Schuld daran seien Studenten, welche wegen der tiefen Gebühren an Hochschulen eingeschrieben bleiben, obwohl sie dort gar nicht mehr studierten.

Wie viel bezahlt die Gesellschaft für einen einzelnen Studienplatz?

Das hängt vom Fachgebiet ab. Ein Student der technischen oder medizinischen Fakultät kostet etwa doppelt so viel wie jemand, der Geistes- oder Sozialwissenschaften studiert. In ersterem Fall bezahlt der Herkunftskanton des Studenten jährlich etwa 25'000 Franken an die Ausbildungsstätte und der Bund bezahlt in etwa noch einmal so viel. Jährlich wird ein Studienplatz also mit ca. 15'000-50'000 Franken Transferzahlungen unterstützt. Dazu kommen dann noch die Beiträge des Standortkantons der Hochschule.

Das ist sehr viel Geld für einen einzelnen Studenten pro Jahr. Wird es gerecht verteilt?

Nicht immer, denn mit tiefen Studiengebühren ist der Anreiz verknüpft, weiter zu studieren, auch wenn das Studium innerlich «gekündigt» wurde. Wenn jemand immatrikuliert bleibt, der zwar ein Studium begonnen, sich davon aber mehr oder minder explizit verabschiedet hat, der gar keine Vorlesungen mehr besucht, dann verzerrt er das Transfersystem. So jemand jobbt vielleicht noch, aber auf seinem eingeschlagenen Bildungsweg stagniert und resigniert er. Solange er eingeschrieben bleibt, bezahlen Bund und Heimatkanton weiter.

Kostet das Bund und Kantone viel Geld?

Wenn nur 5 bis 10 Prozent der Studenten in dieser Situation sind bedeutet das, dass jährlich 200-300 Mio. Franken intransparent verteilt werden. Eine Hochschule mit tiefen Gebühren nimmt den anderen Kantonen die Bundessubventionen weg und profitiert von unbegründeten interkantonalen Beiträgen. Natürlich geht es bei der Debatte um die Höhe von Studiengebühren auch um Sozialverträglichkeit und Stipendien.

Was hat denn jemand für einen Anreiz, den «Studenten-Status» aufrecht zu erhalten?

Zum einen gibt es ökonomische Gründe, wie Rabatte, die jemand wegen seiner Studenten-Legi erhält. Vor allem aber sind psychologische Gründe dafür verantwortlich. So kann jemand zum Beispiel vor sich selber oder seiner Familie gegenüber den Status eines Studenten behalten wollen. Je billiger eine Sache ist, desto geringer ist der Anreiz aufzuhören. Es wäre interessant zu wissen, wo die Schwelle bei den Studiengebühren liegt, ab der die wirklich Studienwilligen immatrikuliert bleiben und die anderen auch offiziell einen auf sie zugeschnittenen Weg ausserhalb des Hochschulsystems suchen.

Wo liegt diese Grenze?

Das ist subjektiv. Für Einzelne mag diese Schwelle schon bei einigen hundert Franken liegen, für andere bei mehreren tausend.

Sollten die Studiengebühren erhöht werden?

Diese Diskussion ist im Gange. Es ist an den einzelnen Hochschulträgern, die Frage zu beantworten.

Die alten Griechen studierten noch um zu studieren. Soll man heute nur noch studieren, um anschliessend möglichst schnell im Büro zu landen und sich für die Gesellschaft nützlich zu machen?

Ich will keine rein ökonomische Betrachtung machen, doch die Mehrheit der Gesellschaft muss produktiv sein. Es gibt auch Studenten, die langsam studieren, gerade wenn sie noch einen Nebenjob haben. Darum geht es mir nicht. Es geht um das automatische System der Finanzierung, auf dem alles gebaut ist.

Viele Studenten brauchen Zeit, um überhaupt herauszufinden, was sie mit ihrem Leben machen wollen. Gerade heute, da sich ihnen so viele Möglichkeiten bieten.

Ich glaube nicht, dass ein Student wegen der Möglichkeiten heute mehr Zeit braucht, um herauszufinden, was er mit seinem Leben machen soll. Man lernt auch on the job. Je länger man wartet, bis man einen Job anfängt, desto eher wird das Studium wirkungslos. Es braucht einen Mix aus Lebenserfahrung, Studium und Berufserfahrung.

Sollte Ihrer Meinung nach an Universitäten wie auf dem Kasernenplatz mit Anwesenheitslisten gearbeitet werden?

Nein, mit Zwang und Kontrolle erreicht man nichts. Man muss nicht mehr kontrollieren, aber eben auch falsche Anreize vermeiden. Ich bin für die akademische Freiheit, denn ich habe ja selber sehr selten Vorlesungen besucht und hauptsächlich aus Büchern gelernt.

Waren Sie selber ein Langzeit-Student?

Im Gegenteil, nach vier Jahren an der Universität Zürich hatte ich bereits meinen Doktortitel. Das war damals noch möglich. Ich habe neben dem Jus-Studium dazu noch viel Militärdienst geleistet. Ich war immer sehr schnell, verlange aber nicht, dass das alle so machen.

Zur Person

Mauro Dell'Ambrogio ist Staatssekretär für Bildung, Forschung und Innovation.

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