Ernährungs-Umfrage: Nur zwei Prozent verzichten ganz auf Fleisch
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Ernährungs-UmfrageNur zwei Prozent verzichten ganz auf Fleisch

Hardcore-Vegetarier geniessen viel mediale Aufmerksamkeit – dabei sind sie derzeit nur eine verschwindend kleine Gruppe. Im Trend liegt dafür die Teilzeit-Fleischlosigkeit.

von
Simon Hehli

Vegetarier machten einen «Radau wie ein Froschtümpel zur Paarungszeit», schimpft der umstrittene deutsche Ernährungsexperte Udo Pollmer. Dabei machten sie nur einen verschwindend kleinen Teil der Bevölkerung aus. Auch in der Schweiz sorgt der fleischlose oder gar vegane Lifestyle immer wieder für Schlagzeilen – zuletzt wegen Spitzensportlern, die sich ganz ohne tierische Produkte ernähren. Eine neue repräsentative Studie des Meinungsforschungsinstituts Marketagent.com in Zusammenarbeit mit 20 Minuten zeigt nun: Nur 2,2 Prozent der Schweizer essen konsequent kein Fleisch, eingerechnet jene 0,6 Prozent, die sich als Veganer bezeichnen.

Die klare Mehrheit von 64,5 Prozent sind Allesesser, weitere 13,2 Prozent betonen, dass sie besonders gerne und viel Fleisch essen. Weit grösser als die Gruppe der Vegis ist jene der so genannten Flexitarier: Diese 18,8 Prozent verschmähen ein gutes Steak nicht, achten aber darauf, Fleisch nur sparsam zu konsumieren. Ein Prozent der Befragten verstehen sich als Pescetarier, sie essen Fisch, aber kein Fleisch. Frutarier – also Leute, die nur pflanzliche Produkte essen, die sich ohne Zerstörung der Pflanzen gewinnen lassen – finden sich unter den 500 Befragten keine.

Junge sind häufiger Vegis

Altersklassen und Geschlechter unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Ernährungsgewohnheiten: Frauen leben viel häufiger vegetarisch als Männer. Dafür findet bei der Gruppe der Männer, die sich ohne tierische Produkte ernähren, der Veganismus als radikalere Variante mehr Anklang – allerdings ist hier die Stichprobe so klein, dass die Resultate mit Vorsicht zu geniessen sind. Bei den Männern outen sich 19 Prozent als explizite Fleischliebhaber, bei den Frauen sind es nur 7,4 Prozent. Dafür ist bei den Frauen die Gruppe der Flexitarierinnen mit 24,2 Prozent deutlich grösser als bei den Männern (13,4 Prozent).

Die 14- bis 19-Jährigen sind jene Altersgruppe mit dem höchsten Vegetarier-Anteil: 6,1 Prozent. Das deckt sich mit der Erfahrung von Renato Pichler, Präsident von Swissveg, der Informationsstelle für eine vegetarische Lebensweise. «Die Jungen haben noch nicht so stark vorgefasste Meinungen und sind bereit, sich kritisch mit der Ernährung auseinanderzusetzen, statt in Gewohnheiten zu verharren.»

«Sie essen nur mit schlechtem Gewissen Fleisch»

Für Pichler ist klar: Fleischkonsum sei weder für die Umwelt noch für die Gesundheit der Menschen gut. Dass nicht mal jeder Zwanzigste sich voll und ganz dieser Haltung anschliesst und danach lebt, beunruhigt ihn nicht. «Vegetarisch leben ist ein Trend, der gerade in den letzten Jahren stark zugenommen hat – auch dank der Informationsverbreitung im Internet.»

Bestätigt fühlt sich Pichler durch die grosse Anzahl Flexitarier. Das seien grösstenteils Leute, die nur mit schlechtem Gewissen Fleisch essen würden – jedoch aufgrund des Angebots kaum darum herumkämen. «Wenn es in allen Kantinen und Restaurants irgendwann wirklich gute Vegi-Menüs gibt, wird ihnen der Verzicht auf Fleisch leichtfallen.» Pichler schätzt deshalb das Potenzial an Vegetariern in der Schweiz auf derzeit etwa 20 Prozent.

Auch mit Fleisch lässt es sich gesund leben

Ernährungsberaterin Stefanie Bürge glaubt ebenfalls, dass die geringe Zahl von 2,2 Prozent Vegetariern nicht die ganze Wahrheit ist. «Gerade in Grossstädten wie Zürich wird eine fleischlose Ernährung immer wichtiger.» Sie beobachtet eine Veränderung bei den Beweggründen der Vegis: «Früher stand das Wohl der Tiere im Vordergrund, heute werden die eigene Gesundheit, aber auch ökologische Aspekte immer wichtiger.» Zudem gebe es die Gruppe, die aus spirituellen Gründen kein Fleisch esse – etwa weil sich die toten Tiere negativ auf die eigene Aura auswirken könnten.

Bürge bestätigt zwar, dass sich Vegetarier zumeist äusserst gesund ernährten und auch – sofern ausreichendes Ernährungswissen vorhanden sei – keine Mangelerscheinungen aufwiesen. Aber auch Fleischesser müssten nicht permanent mit einem schlechten Gewissen durch die Welt laufen: «Es verträgt auch mal eine Wurst, Essen soll ja Genuss sein. Die Menge machts aus.» Geflügel oder mageres Schweine- oder Kalbsfleisch seien durchaus Teil einer gesunden Ernährung, so Bürge. «Aber ich empfehle, auf die Herkunft des Fleisches zu achten und höchstens bei einer Mahlzeit pro Tag Fleisch zu konsumieren.»

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