Nylonschlüpfer, Raketen und Abhörwanzen
Aktualisiert

Nylonschlüpfer, Raketen und Abhörwanzen

Weinrote Damenunterwäsche, eine sowjetische Rakete und der Glücksbringer eines portugiesischen Lastwagenfahrers - solche Gegenstände erwartet man wohl nicht in einem der Einheit Europas gewidmeten Museum.

Doch sie werden derzeit in einer Brüsseler Ausstellung gezeigt. Sie sollen das Herzstück eines Museums sein, das nach den Wünschen der Organisatoren in den kommenden Jahren eröffnet werden und den Weg des Kontinents zur Einheit nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs zeigen soll.

«Wir haben versucht, Europa auf eine andere Art und Weise zu zeigen, Leute für etwas zu interessieren, was sie vielleicht als kalt, bürokratisch und entfernt empfunden haben», sagt Elie Barnavi. Der frühere Botschafter Israels in Frankreich ist Historiker und eine der treibenden Kräfte hinter dem geplanten Museum. Dessen Ziel ist es, die «Makro- und Mikro-Geschichte» des Nachkriegseuropas so zu überblenden, dass über die vergangenen 60 Jahre grosse Ereignisse wie der Zerfall der europäischen Kolonialreiche, die Bildung der Europäischen Union oder der Fall des Eisernen Vorhangs neben dem Alltagsleben der Bürger gezeigt werden.

An dieser Stelle kommen die roten Schlüpfer ins Spiel. Sie werden zusammen mit einem frühen Fernsehermodell und einem künstlichen Tigerfell in einer typischen 50er Jahre Wohnung ausgestellt und sollen die sich herausbildende Konsumgesellschaft in Westeuropa verdeutlichen.

In einem anderen Ausstellungsbereich liegen eine sowjetische und eine US-amerikanische Rakete Nase an Nase in einem dunklen Korridor. Sie sollen Europa symbolisieren, wie es vom Gleichgewicht der Abschreckung quasi eingequetscht wurde.

Die kleine Jungfrau-Maria-Statue des portugiesischen Lkw-Fahrers Carlos Manuel Perreira ist hingegen Teil einer interaktiven, multimedialen Videoinstallation, die illustrieren soll, wie die Abschaffung der Grenzkontrollen in Europa das Kraftfahrergewerbe verändert hat. Dabei ist Perreira einer von 27 Europäern - einer aus jedem EU-Land -, die die Geschichte Europas an ihrer Person aufzeigen sollen. Andere ausgewählte sind beispielsweise ein lettischer Überlebender eines sowjetischen Arbeitslagers, französische und britische Arbeiter, die den Kanaltunnel gebaut haben, ein luxemburgischer Veteran einer NATO-Mission in Afghanistan und der frühere slowakische Eishockey-Star und heutige Politiker Peter Stastny.

Unter den hunderten Ausstellungsobjekten ist auch eine vom ersten Bundeskanzler und passionierten Gärtner Konrad Adenauer benutzte Giesskanne ebenso wie ein umgestürztes Lenin-Denkmal aus Ungarn. Die Schau mit dem Titel «Es ist unsere Geschichte» versucht, sich nicht in den berüchtigten institutionellen und bürokratischen Verwicklungen der EU zu verheddern - aber auch sie finden einen Platz. Ein sperriges Original der Römischen Verträge, des 1957 unterzeichneten Gründungsdokumentes der Europäischen Gemeinschaft wird gezeigt. Schliesslich gibt es einen EU-Verhandlungstisch mit einem eingelegten Computerbildschirm, dem Besucher Zahlen über Agrarsubventionen oder den Fluss von Gütern entnehmen können.

Organisatoren kämpfen seit zehn Jahren für ihr Projekt

Die Geschichte des Museums ist dabei fast so quälend wie die EU-Vertragsverhandlungen. Seit zehn Jahren versucht eine Gruppe von Historikern und Politikern in Brüssel eine dauerhafte Heimstätte für die Sammlung zu finden. Die Umsetzung wurde von rechtlichen, politischen und finanziellen Hemmnissen behindert. So fiel der Vorschlag durch, das Museum in einem Anbau des EU-Parlamentsgebäudes im Zentrum des Brüsseler EU-Bezirks unterzubringen. Aber Barnavi hofft, dass es in einigen Jahren in einem Komplex von Jahrhundertwende-Lagerhäusern eröffnet werden könnte. Die derzeitige Ausstellung, die im März nach Paris kommen soll, ist in einem Untergeschoss eines dieser restaurierten Gebäude eingerichtet.

Probleme machten auch die häufig unterschiedlichen Geschichtsauffassungen einzelner EU-Länder. Versuche, allen gerecht werden zu wollen, und die teilweise Finanzierung der Ausstellung durch die EU haben Kritik laut werden lassen, dass sie eine Art geklitterte Vision der europäischen Geschichte biete. Schlicht als «Geldverschwendung» wird sie von Jens-Peter Bonde, einem altgedienten Euro-skeptischen Vertreter im EU-Parlament bezeichnet.

Die Ausstellung allerdings scheut sich nicht vor den dunklen Seiten der europäischen Geschichte. Unter den Exponaten ist eine verblichenes beiges Kleid, das ein in Auschwitz ermordetes Mädchen getragen hatte. Auch eine Sammlung von Abhörgeräten, die von der DDR-Staatssicherheit benutzt worden waren, ist darunter, ebenso ein Stapel von schmutzigen Kleidern in einem von Graffiti übersäten Schiffscontainer, der auf die verzweifelten Flüchtlinge hinweisen soll. In einem der beeindruckendsten Übergänge der Schau kommt der Besucher direkt von einer grellen 80er Jahre Wohnung, aus der ein Kassettenrekorder blecherne Disko-Hits dröhnt, in eine erschreckend realistische Nachbildung einer Folterkammer des Spaniens der Franco-Zeit.

Die Bemühungen Europas, sich aus dieser dunklen Vergangenheit hinaus zu bewegen, haben Barnavi inspiriert: «Ich habe noch nicht einmal einen europäischen Pass, aber ich denke, es ist eine grossartige Sache», sagte er in einem Interview. «Das vereinte Europa ist ein grosser Fortschritt.» (dapd)

Deine Meinung