Knatsch um Kulturpreis: NZZ-Chefredaktor verteidigt Islamwissenschaftler
Aktualisiert

Knatsch um KulturpreisNZZ-Chefredaktor verteidigt Islamwissenschaftler

Die Chefredaktion der «Neuen Zürcher Zeitung» hat sich in die deutsche Debatte um den Islamwissenschaftler Navid Kermani eingeschaltet. Dieser hatte im März für die NZZ einen Artikel verfasst, der ihn in der Folge den Hessischen Kulturpreis kostete.

Kermani habe in seinem Text über die Empfindungen eines Muslims bei der Betrachtung eines Bildes der Kreuzigung Christi «ein seltenes Beispiel für die schonungslose Auseinandersetzung mit eigenen vorgefassten Meinungen und Vorurteilen gegeben», schrieb «NZZ»-Chefredaktor Markus Spillmann in einem offenen Brief .

Als Vertreter des Islams sollte Kermani den Hessischen Kulturpreis ursprünglich gemeinsam mit Kardinal Karl Lehmann, dem ehemaligen evangelischen Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Peter Steinacker, und dem Vizepräsidenten des Zentralrates der Juden, Salomon Korn, erhalten.

«Sehr drastisch» formuliert

Dies scheiterte, weil Lehmann und Steinacker sich weigerten, die Auszeichnung gemeinsam mit Kermani anzunehmen. Anlass war der in der in der NZZ erschienene Artikel, in dem sich der deutsch-iranische Muslim negativ über das christliche Symbol des Kreuzes äusserte.

«Ich kann nicht neben jemandem auf der Bühne stehen, der das Kreuz rundherum und prinzipiell ablehnt und es sogar als Gotteslästerung erklärt», schrieb der Kardinal gemäss Medienberichten bereits Ende April an den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Die Verleihung des Preises an Kermani wurde in der Folge widerrufen.

Der Wissenschaftler räumte ein, in den ersten Sätzen seines Textes die Ablehnung der Kreuzestheologie «sehr drastisch» formuliert zu haben. Dies müsse jedoch einem Nichtchristen zugestanden werden. Aber der Artikel höre dort nicht auf, sondern zeige, wie ihn die Kraft der Jesus-Darstellung fast zum Gesinnungswandel bekehre.

Lammert: «Staatsposse»

Das Kuratorium des Preises hatte am Montag die ursprünglich für 5. Juli geplante Verleihung auf den Herbst verschoben. Dies sowie die Absicht, Gespräche mit allen Beteiligten zu organisieren, ändere nichts an der Irritation, die durch die Aberkennung des Preises entstanden sei, schrieb «NZZ»-Chefredaktor Spillmann.

Als «Staatsposse» bezeichnete der Präsident des deutschen Bundestages, Norbert Lammert, den Streit: Wenn Kermanis «kühner Artikel» der Grund sei, «ihm den zugedachten Preis für seinen Beitrag zum Dialog der Religionen zu verweigern, dann sollte der Staat besser auf die Verleihung von Kulturpreisen verzichten».

(sda)

Deine Meinung