06.07.2016 16:22

Virtuelle VendettaOb Anschlag oder Absturz – er ist unter den Opfern

Er war angeblich unter den Opfern des Selbstmordattentats am Flughafen Atatürk. Sein Foto tauchte auch auf, als die EgyptAir-Maschine abstürzte. Was soll das?

von
gux
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Sein Foto taucht auf, wo auch immer es Unglücke und Tragödien gibt. Sei es ...

Sein Foto taucht auf, wo auch immer es Unglücke und Tragödien gibt. Sei es ...

Twitter.com
... beim Absturz der EgyptAir-Maschine am 18. Mai 2016 ...

... beim Absturz der EgyptAir-Maschine am 18. Mai 2016 ...

Twitter.com
... oder beim Selbstmordanschlag am Flughafen Atatürk in Istanbul am 28. Juni 2016.

... oder beim Selbstmordanschlag am Flughafen Atatürk in Istanbul am 28. Juni 2016.

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Beim Absturz der EgyptAir-Maschine über dem Mittelmeer, dem Massaker in einem Schwulen-Club in Orlando oder beim Selbstmordanschlag am Flughafen Atatürk in Istanbul – dieser Mann starb mehrfach bei einer ganzen Reihe von Tragödien. Zumindest taucht sein Foto in den sozialen Medien in Zusammenhang mit derlei Unglücken immer wieder auf, versehen mit Hilferufen angeblicher Familienangehöriger oder Freunde: «Mein Bruder war hier, ich fürchte um ihr (sic) Leben. Bitte helft mir.»

Als Erste bemerkte die BBC Ende Mai, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zu- und hergeht. Anhand der Google-Bildersuche erkannten die britischen Journalisten schnell, dass dasselbe Bild bereits seit Dezember 2015 in den sozialen Medien umhergeistert. Wer der schwarzhaarige junge Mann ist und woher er stammt, fanden sie indes nicht heraus, wohl aber, dass die Accounts, die das Bild verwendeten, alle aus Mexiko stammten.

«Die ganze Welt soll sein Gesicht erkennen»

Ihre französischen Kollegen von France 24 wollten es genauer wissen und schrieben jene an, die das Bild auf Twitter und anderen sozialen Plattformen in Umlauf gebracht hatten. Zu ihrer Überraschung erhielten sie freimütig Antwort: Die User, die tatsächlich alle in Mexiko wohnten, gaben übereinstimmend zu, das Bild anlässlich verschiedener Unglücke und Tragödien zu verwenden – weil sie mit dem sehr wohl existierenden jungen Mann eine Rechnung offenhätten: «Dieser Mann war einst mein Freund, aber er hat mich um Geld betrogen und mit mir eine ganze Reihe weiterer Leute, die ich kenne», schrieb einer.

«Ich habe Anzeige gegen ihn erstattet, aber weil sich bei uns in Mexiko derlei Dinge lange verzögern und er mir das Geld nach wie vor nicht zurückgegeben hat, haben wir uns alle entschieden, ihn zu bestrafen und sein Foto online zu posten. Unser Ziel ist es, seinen Ruf zu ruinieren. Die ganze Welt soll sein Gesicht erkennen.»

«Eine Antwort habe ich nie erhalten»

Das Team von France 24 kontaktierte daraufhin den Mann in Mexiko. Dieser bestätigte, dass er in Rechtsstreitigkeiten verwickelt sei, und erklärte: «Mein Foto taucht überall auf, weil man mir in Zusammenhang mit den pendenten Rechtsstreitigkeiten einen bösen Streich spielt. Ich habe diese Leute aber nie verzeigt, weil das in Mexiko ohnehin kaum Konsequenzen hätte. Aber ich habe die ‹New York Times› oder BBC kontaktiert und um die Entfernung meines Bildes auf ihren Newssites gebeten. Eine Antwort habe ich nie erhalten.»

Tatsächlich war das Bild des Mexikaners, dessen Name France 24 nicht veröffentlichte, noch eine Zeitlang in einem «New York Times»-Video über das Attentat und die Opfer von Orlando zu sehen. Mittlerweile wurde es mit dem Vermerk herausgeschnitten, der Gezeigte gehöre wohl nicht zu den Orlando-Opfern.

In Mexiko kann man sich mit «Verleumdung, Diffamierung und Rufmord» zwischen 6 und 24 Jahre Gefängnis einhandeln – theoretisch. Immerhin sagt diese virtuelle Vendetta vieles über das Vertrauen aller Beteiligten in das mexikanische Rechtssystem aus.

Persönlichkeitsrecht, Trump und das Serienmörder-Paar

Klar ist, dass das Verwenden des Fotos aus rechtlicher Sicht alles andere als sauber ist, zumal sich solche Veröffentlichungen nicht mit den Persönlichkeitsrechten der abgebildeten Person vereinbaren lassen – ob diese Person nun Geldschulden hat oder nicht. Denn grundsätzlich darf jede Person selbst darüber bestimmen, ob und in welchem Rahmen Bilder von ihr aufgenommen und veröffentlicht werden (lesen Sie hier mehr dazu).

Dass das Posten von Fotos unter falscher Identitätsangabe nicht rechtens ist, weiss auch Donald Trump. Er drohte auf Twitter mit einer Klage, nachdem ein User ihn gebeten hatte, ein angebliches Foto seiner kürzlich verstorbenen Eltern – beides angeblich Fans des US-Präsidentschaftskandidaten – zu retweeten. Trump kam der Bitte nach, «aus reiner Freundlichkeit», wie er später erzürnt schrieb. Dumm nur: Das Foto zeigte das britische Serienmörder-Paar Fred und Rosemary West.

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