Schenkkreis-Mord: «Ob Ruth S. am Tatort war, ist nicht zentral»

Aktualisiert

Schenkkreis-Mord«Ob Ruth S. am Tatort war, ist nicht zentral»

Heute fällt das Urteil im Prozess zum Dreifachmord von Grenchen. Wieso Patric S., Guido S. und Ruth S. trotz verschiedener Rollen dieselbe Strafe droht, erklärt eine Strafrechtsexpertin.

von
A. Hirschberg

«Besonders skrupellos, kaltblütig und grausam», so die Anklageschrift, haben Patric S. und Guido S. vor drei Jahren den 60-jährigen Pierre-André Dubey erschossen und dessen 55-jährige Ehefrau Margrit und die 35-jährige Tochter Dania erstickt. Ruth S. soll die Drahtzieherin hinter dem Dreifachmord von Grenchen sein. Staatsanwalt Jan Gutzwiller fordert deshalb eine lebenslängliche Freiheitsstrafe für alle drei Täter.

Jeder der drei hatte bei der Tat eine andere Rolle und war mehr oder weniger aktiv. Dennoch könnten sie, wie vom Staatsanwalt gefordert, dieselbe Strafe erhalten. Strafrechtsprofessorin Nadja Capus erklärt warum.

Wieso könnte auch Ruth S. lebenslänglich hinter Gitter kommen, obwohl sie bei den Morden nicht dabei war?

Nadja Capus*: Das ist zwar ungewöhnlich, aber rechtlich möglich. Es gab in der Schweiz einmal einen Raubüberfall mit drei Tätern. Einer wurde festgenommen, die zwei anderen konnten fliehen und nahmen dabei eine Geisel. Am Schluss wurde auch der vor der Geiselnahme Festgenommene für diese Tat verurteilt. Das Bundesgericht sah es als erwiesen an, dass er eine mögliche Geiselnahme geplant hatte und sein Beitrag dabei so gross war, dass er ebenfalls Mittäter war.

Wer ein Verbrechen «nur» plant, kann also genauso schuldig sein wie jene, die es verüben?

Ja, das ist möglich, wenn diese Person bei der Vorbereitung eine massgebende Rolle spielte. Die Rechtssprechung gliedert eine Tat in Entschliessung, Planung und Ausführung. Nun kann sich eine Person zum Beispiel entscheidend an der Entschliessung und Planung beteiligen. Geht das Gericht davon aus, dass die Tat ohne sie nicht stattgefunden hätte, ist sie eine Mittäterin. Die Tatsache, dass sie bei der Ausführung nicht am Tatort war, ist dann nicht zentral.

Schenkkreis-Mörder vor Gericht

Wieso sollen Patric S. und Guido S. gleich bestraft werden, obwohl Ersterer zwei Leben und Letzterer «nur» eines auf dem Gewissen hat?

Aus strafrechtlicher Sicht bleibt ein Mord ein Mord, ob nun ein, zwei oder mehr Menschenleben ausgelöscht worden sind. Offensichtlich haben die Untersuchungen ergeben, dass sowohl Patric S. als auch Guido S. mit dem Vorsatz an den Tatort gegangen sind, Menschen umzubringen. Sie hatten die Hilfsmittel dabei und eine mögliche Tötung zuvor sogar besprochen. Diese setzten sie dann auch zusammen um. Darum sind sie beide gleichermassen für die Tat verantwortlich.

Wer die Tat verübt, ist also nicht entscheidend?

Sie meinen mit eigener Hand oder nicht? Nein. Es wurde sogar schon eine Frau vom Bundesgericht der Vergewaltigung schuldig gesprochen. Vergewaltigen kann aber gemäss Rechtssprechung nur ein Mann. Die Frau war aber bei der Tat anwesend und wirkte derart mit, dass sie als Mittäterin verurteilt wurde.

*Nadja Capus ist Professorin für Strafrecht und Kriminologie an der Juristischen Fakultät der Uni Basel.

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