Übervolle Gefängnisse : Obama bringt Schwarzen keinen «Change»

Aktualisiert

Übervolle Gefängnisse Obama bringt Schwarzen keinen «Change»

Die Wahl Barack Obamas sollte ein Meilenstein in der Geschichte der Afro-Amerikaner werden. Doch die Situation der Minderheit verschlechtert sich auch unter seiner Ägide dramatisch weiter.

von
kri

Die Wahl des ersten Schwarzen ins Weisse Haus vor vier Jahren galt vielen als Beweis, dass die USA ihre Rassenprobleme endgültig hinter sich gelassen haben. Für den schwarzen Bürgerrechtler Jesse Jackson symbolisierte Barack Obama die «Erlösung von einer elenden Vergangenheit» und den «Aufbruch in ein neues Zeitalter». Wie so manche (unrealistische) Hoffnung, hat sich auch diese nicht erfüllt. Im Gegenteil: Die Lage für schwarze Amerikaner hat sich nicht nur nicht verbessert, sie verschlimmert sich, wie der «britische Guardian» schreibt.

Dass zahlreiche Statistiken das Gegenteil behaupten, hat laut Soziologie-Professorin Becky Pettit einen einfachen Grund. In ihrem neuen Buch «Unsichtbare Menschen» schreibt sie, dass die Behörden in ihren Studien oft vergessen, Häftlinge zu berücksichtigen. Das birgt zweierlei Probleme: Mit rund 2.3 Millionen oder 0.7 Prozent ihrer Bevölkerung hinter Gittern weisen die USA die höchste Inhaftierungsrate der Welt auf. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt sie mit 0.08 Prozent zehnmal tiefer. Hinzu kommt, dass die Hälfte aller Häftlinge schwarz sind.

Viele Verhaftungen wegen Drogenvergehen

Vor diesem Hintergrund muss so manche Kennzahl korrigiert werden: Ein Abgleich der Inhaftierungsrate mit der Wahlstatistik zeigt zum Beispiel, dass die Wahlbeteiligung von Schwarzen 2008 um 13 Prozent zu hoch eingeschätzt worden war. Auch der angebliche Enthusiasmus der Afro-Amerikaner über die Kandidatur Obamas fällt im historischen Vergleich tiefer aus: Der Anteil junger schwarzer Schulabbrecher, die an der Präsidentschaftswahl 2008 teilnahmen, lag tiefer als 1980. Damals gewann die republikanische Lichtgestalt Ronald Reagan gegen den demokratischen Amtsinhaber Jimmy Carter.

Auch die Beschäftigungsrate junger Schwarzer ohne High-School-Abschluss liegt traditionell bei tiefen 42 Prozent – doch wenn Häftlinge miteingerechnet werden, fällt sie auf katastrophale 26 Prozent. Experten erklären die siebenmal höhere Inhaftierungsrate von Schwarzen im Vergleich zu Weissen mit der unterschiedlichen Verfolgung von Drogenvergehen: «Es gibt keine Hinweise, dass Drogen etwas mit Rasse oder Volkszugehörigkeit zu tun haben – ausser bei den Verhaftungen», schreibt Ernest Drucker in seinem Buch «Gefängnisplage». «Racial Profiling» sei unter den Ordnungshütern gängige Praxis und sorge für überproportional viele Verhaftungen von Schwarzen.

Bald jeder Dritte mit Gefängnis-Erfahrung

«Wir haben ein verzerrtes Bild über die Situation schwarzer Amerikaner entwickelt», schreibt Professorin Pettit. Der Grund dafür sei die systematische Ausklammerung der vielen Häftlinge. Das US-Justizministerium schätzt, dass bald jeder dritte Schwarze in den USA mindestens einmal in seinem Leben hinter Gittern sitzen wird. Die Vorstellung, dass es für Schwarze seit der Bürgerrechtsbewegung der 1960er – wenn auch langsam, mühsam und mit Rückschlägen – aufwärtsgeht, ist laut Pettit nicht haltbar.

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