12.06.2014 22:21

ISIS-Terror«Obama ist nicht schuld am Chaos im Irak»

Die USA zogen 2011 ihre Truppen aus dem Irak ab. Jetzt überrennen ISIS-Kämpfer irakische Städte. Wer ist schuld am Chaos? 20 Minuten fragte den Irak-Experten David Patel.

von
Caroline Freigang

Bagdad, Irak: Aufständische Dschihadisten der Al-Kaida-Splittergruppe ISIS sind bis auf 90 Kilometer an die Hauptstadt Bagdad herangerückt. Die Millionenstadt Mossul, aber auch Falludscha und Teile der Provinz Anbar sind bereits in Hand der extremistischen ISIS. Das irakische Militär scheint machtlos.

Die USA, die ihre Truppen 2011 vollständig abgezogen haben, erwägen jetzt zur Unterstützung der Regierung von Premierminister Nuri al-Maliki Drohnen im Irak einzusetzen und appelliert an die Iraker, mehr zur Bewältigung der Krise zu tun.

Doch wer ist schuld an den chaotischen Verhältnissen und der nicht aufhörenden Gewalt? Wieso können die Extremisten Millionenstädte überrennen? Wieso hat die irakische Regierung ihnen nichts entgegen zu setzen? 20 Minuten fragte David Patel, Irak-Experte an der renommierten Cornell University.

Herr Patel, wie ernst ist die Lage im Irak?

Sehr ernst. Die Krise im Irak ist längst nicht mehr auf das Land beschränkt. Erschwerend kommt dazu, dass der Krieg in Syrien in den Irak überschwappt. Mit der Folge, dass die Grenzen zwischen Irak und Syrien faktisch nicht mehr existent sind.

Obama hat die US-Truppen vor drei Jahren abgezogen. Trotz seiner Milliardenhilfen hat sich die Sicherheitslage drastisch verschlechtert. Ist Obama an der aktuelle Lage schuld?

Nein, Obama ist nicht schuld am erneuten Aufflammen der Irak-Krise. Die irakische Regierung forderte 2011 einen Komplettabzug der US-Truppen. Wäre es nach Obama gegangen, hätte er höchstwahrscheinlich, wie in Afghanistan, Truppen im Land behalten. Etwa Spezialeinheiten, die die irakische Armee logistisch unterstützt und trainiert hätten. Die irakische Regierung dürfte ihre Entscheidung, die Amerikaner aus dem Land zu werfen, heute bereuen. US-Streitkräfte im Land wäre hilfreich gewesen, um die ISIS zu bekämpfen und abzuschrecken.

Der Irak hatte die USA im Mai um Unterstützung in Form von Luftangriffen gegen Extremisten gebeten. Er wurde nicht erhört. Wird das US-Militär das jetzt nachholen und wieder direkt in den Konflikt eingreifen?

Ich könnte mir zwei Formen der amerikanischen Einmischung vorstellen: Drohnen und Luftangriffe. Gerade Drohnen sind sehr effektiv, um das Vorankommen der Extremisten zu unterbinden - speziell gegen die ISIS, die vornehmlich in Konvois von 20 bis 60 Geländewagen unterwegs ist. Dasselbe gilt für die Waffen- und Güterströme dieser Gruppierung. Mit Luftangriffen könnten die USA das irakische Militär effizient unterstützen.

Wieso bekommt das irakische Militär trotz Unterstützung in Milliardenhöhe die Situation nicht unter Kontrolle?

Das irakische Militär ist kriegsmüde. Es kämpft seit zehn Jahren, erst gegen Al Kaida, jetzt gegen die ISIS. Viele Soldaten haben ihre Kameraden sterben sehen. Es gibt sogar Gerüchte, wonach das irakische Militär der ISIS die Stadt Mossul freiwillig übergeben habe.

Wie stark ist die ISIS?

Wir haben keinen Anhaltspunkt, wie viele Kämpfer die ISIS umfasst. Wir wissen nur, dass sie extrem gut bewaffnet sind. Viele ihrer Waffen kommen aus dem syrischen Bürgerkrieg, vom syrischen Militär. Und die ISIS-Kämpfer sind radikal. Diese Jungs lassen Al Kaida aussehen wie Kindergärtler.

Stellen die ISIS und der Krieg im Irak auch eine Gefahr für die westliche Welt dar?

Es besteht eine grosse Gefahr eines Bumerang-Effekts, des so genannten Blow-back-Effekts. Der Syrien- und Irakkonflikt sind nicht mehr direkt trennbar. Dabei kämpft eine grosse Anzahl westlicher Bürger in Syrien und für die ISIS, bis zu 2000 Kämpfer sollen es sei. Der Westen hat grosse Angst vor solchen zurückkehrenden Kämpfern, die ihr extremistisches Gedankengut mit nach Hause bringen.

Haben die USA eine moralische Verpflichtung, jetzt im Irak einzugreifen, weil sie nach ihrer Invasion 2003 dem Land bis heute keinen Frieden bringen konnten?

Die USA griffen im Irak ein, weil sie dort ein Nest der Al Kaida vermuteten. Paradoxerweise gibt es die Al Kaida im Irak erst seit der amerikanischen Invasion. Der damalige US-Präsident George W. Bush hat diesen Konflikt kreiert. Daraus könnte man durchaus eine Verantwortung ablesen, den Irak jetzt weiter zu unterstützen.

David Siddhartha Patel

Patel ist Professor an der amerikanischen Ivy-League Cornell Universität. Er unterrichtet vergleichende Politikwissenschaft, mit Fokus auf den Nahen Osten, Islamische Institutionen und politische Kultur. In den Jahren 2003 und 2004 forschte Patel im Irak.

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