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OlympiakandidaturObama mehr Star als Staatsmann?

Nicht nur Chicago hat verloren - auch Barack Obama hat es. Dass die Wahlheimatstadt des US-Präsidenten gleich als erster der vier Kandidaten aus dem Rennen um den Austragungsort der Olympischen Spiele 2016 ausschied, ist nicht nur eine persönliche Niederlage. Obamas Gegner werden sich die Hände reiben.

von
Jennifer Loven
AP

Obamas Spritztour über den Atlantik war innenpolitisch nicht ganz unumstritten. Die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) dürfte Wasser auf die Mühlen all jener sein, die Obama vorwerfen, eher als internationaler Star denn als Staatsmann aufzutreten. Doch bei den IOC-Mitgliedern ist seine Charme-Offensive ins Leere gelaufen. Auch wenn Chicagos Ausscheiden bald vergessen sein wird, könnte Obamas erfolgloser Auftritt von seinen Kritikern als sinnbildlich hingestellt werden.

Da ist zum einen der Vorwurf, der Präsident kämpfe an zu vielen Fronten gleichzeitig: Ankurbelung der Wirtschaft, neue Strategien im Irak und in Afghanistan, Gesundheitsreform, Klimaschutz - und das alles in nur einem Jahr. Zwar hat Obama bereits neun Monate nach seinem Amtsantritt Erfolge vorzuweisen, auf die er stolz sein kann. Doch bei den grossen Themen gibt es wenig Bewegung, was selbst seine eigenen Wähler zu der Frage veranlassen könnte, ob er sich vielleicht zuviel vorgenommen hat und ob ihm das Gespür für die wirklich wichtigen Dinge fehlt. Der - noch dazu ausserordentlich teure - Kurztrip über den Atlantik war da sicher nicht hilfreich.

Mangelnder Respekt

Auf die Frage, warum Chicago das Rennen um Olympia verloren hat, gibt es viele Antworten. Obamas Auftritt in Kopenhagen steht da sicher nicht an erster Stelle. Dennoch wird die Person des Präsidenten nun unvermeidlich mit der Niederlage verbunden sein. Das wiederum spielt denjenigen in die Hände, die ihm vorwerfen, er könne vielleicht gut reden, habe aber nicht das Zeug dazu, einen Deal zum Abschluss zu bringen.

Manche halten Obama gar für arrogant. Er verlasse sich zu sehr auf seinen Prominenten-Status, so die Kritik. Einige IOC-Mitglieder sollen es ihm verübelt haben, dass er nur fünf Stunden in Kopenhagen weilte und nicht bis zur Verkündung des Abstimmungsergebnisses blieb. Das könnte als Mangel an Respekt gewertet worden sein, sagt das ehemalige IOC-Mitglied Kai Holm.

Inflationäre Auftritte

Auf der anderen Seite hatte sich Obama vor dem Vorwurf in Acht zu nehmen, er gehe zu grosszügig mit seiner knapp bemessenen Zeit um. Das Weisse Haus scheint den Präsidenten als Allzweckwaffe einzusetzen und niemanden auf der Reservebank zu haben. Die Wirksamkeit seiner Auftritte droht darunter zu leiden.

Erfahrungsgemäss ist es schwer vorherzusagen, welcher Bewerberstadt die IOC-Mitglieder ihre Stimme geben - durchaus eine Parallele zur Situation im US-Kongress. Das wiederum wirft die Frage auf, ob Obama mit der Einschätzung der Stimmung in der Debatte um die Gesundheitsreform ähnlich schief liegt.

Wäre Obama allerdings nicht nach Kopenhagen geflogen, hätte man ihm sicherlich vorgeworfen, sich nicht engagiert genug für Chicago eingesetzt zu haben. Seine Berater jedenfalls sagen, der Präsident sei der Meinung, die Reise habe sich trotz der schmerzhaften Abstimmungsniederlage gelohnt.

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