Brain Activity Map: Obama will das Hirn entschlüsseln lassen
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Brain Activity MapObama will das Hirn entschlüsseln lassen

Konkurrenz für die ETH Lausanne: Die US-Regierung will Milliarden in eine «Karte» des menschlichen Gehirns investieren. Ziel sind Therapien für Krankheiten wie Alzheimer.

von
pbl

In seiner Botschaft zur Lage der Nation erklärte US-Präsident Barack Obama letzte Woche die Forschung zu einem Schwerpunkt seiner zweiten Amtszeit. Die Regierung müsse in die «besten Ideen» investieren, erklärte er und erwähnte als Beispiel das Humangenomprojekt: «Jeder Dollar, den wir in die Kartierung des menschlichen Genoms investiert haben, brachte 140 Dollar in unsere Wirtschaft zurück.» Heute würden Wissenschaftler «das menschliche Gehirn kartieren, um die Antworten auf Alzheimer zu entschlüsseln», fügte Obama an.

Damit enthüllte Obama so nebenbei eines der ehrgeizigsten Forschungsprojekte überhaupt: Die Brain Activity Map. Bundesbehörden, private Stiftungen sowie zahlreiche Neuro- und Nanowissenschaftler wollen in einem konzertierten Effort eine detaillierte «Karte» des menschlichen Gehirns erstellen, berichtete die «New York Times». Ziel sei nicht nur ein besseres Verständnis der Funktionsweise des Gehirns und des menschlichen Bewusstseins. Die beteiligten Forscher wollen auch Behandlungsmethoden finden für unheilbare Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson sowie Schizophrenie und Autismus.

Drei Milliarden für zehn Jahre

Als Vorbild gilt das erwähnte Humangenomprojekt, mit dem von 1990 bis 2003 das Erbgut des Menschen vollständig entschlüsselt wurde. Es kostete die US-Regierung rund 3,8 Milliarden Dollar, löste im Gegenzug aber Investitionen von rund 800 Milliarden aus. Für die Brain Activity Map werden Aufwendungen in einer ähnlichen Grössenordnung erwartet. Laut «New York Times» rechnen die beteiligten Wissenschaftler mit mindestens drei Milliarden Dollar für die nächsten zehn Jahre. Das Projekt soll im Budgetentwurf des Präsidenten enthalten sein, der im März vorgelegt wird und vom Kongress genehmigt werden muss.

Die Brain Activity Map ist nicht das einzige aufwändige Vorhaben in der Hirnforschung, das für Schlagzeilen sorgt. An der ETH Lausanne will der israelisch-südafrikanische Forscher Henry Markram mit Hilfe von Supercomputern eine Simulation des menschlichen Gehirns erzeugen. Das Human Brain Project (HBP) wurde von der Europäischen Union Ende Januar als eines von zwei Flaggschiff-Projekten bestimmt. Es kann mit Fördergeldern von bis zu einer Milliarde Euro rechen. Ziel ist auch hier ein besseres Verständnis von neurologischen Erkrankungen.

Hoch komplexer Organismus

Das HBP ist umstritten. Die Simulation erfordere eine gewaltige Rechenleistung, und die Datenlage sei noch zu rudimentär, monieren Kritiker. Das Konkurrenzprojekt der Regierung Obama wirkt auf den ersten Blick weniger ambitioniert, der Aufwand ist aber auch hier enorm. Die Entschlüsselung des menschlichen Gehirns stelle eine «erheblich grössere Herausforderung» dar als jene des Genoms, erklärten Wissenschaftler gegenüber der «New York Times». Das Hirn ist ein hoch komplexer Organismus, es besteht aus rund 100 Milliarden Neuronen, deren Funktion bisher nur ansatzweise dokumentiert werden konnte.

Ein Sprecher des Büros für Wissenschaft und Technologie im Weissen Haus wollte sich zum Projekt nicht äussern. Die Vorbereitungen sind offenbar weit gediehen: Am 17. Januar fand am California Institute of Technology eine Sitzung statt, an der neben Regierungsvertretern und Forschern auch Mitarbeiter der IT-Firmen Google, Microsoft und Qualcomm teilnahmen. Dabei wurde abgeklärt, ob genügend Computerkapazitäten vorhanden sind, um die enormen Datenmengen zu verarbeiten, die beim Projekt anfallen werden. Man sei zum Schluss gekommen, dass dies der Fall sei, schreibt die «New York Times».

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