Aktualisiert 12.02.2020 10:27

Baumeister warnen

«Oben ohne zu arbeiten, ist ein No-go»

Arbeitgeber sollten Mitarbeitende, die im Freien arbeiten, mit Sonnencreme und Schutzmaterial ausrüsten. Laut der Gewerkschaft wird das zu wenig getan.

von
dk/pam
1 / 11
Seit diesem Jahr empfiehlt die Suva den Baufirmen, ihre Mitarbeitenden mit Nackenschutz und Stirnblende, Sonnencreme auszurüsten.

Seit diesem Jahr empfiehlt die Suva den Baufirmen, ihre Mitarbeitenden mit Nackenschutz und Stirnblende, Sonnencreme auszurüsten.

Thomas_cunz
«Wir erhalten aber regelmässig Hinweise, dass es viele Arbeitgeber damit nicht so genau nehmen – vor allem das Baugewerbe ist betroffen», sagt jedoch Chris Kelley, Co-Leiter Sektor Bau bei der Gewerkschaft Unia.

«Wir erhalten aber regelmässig Hinweise, dass es viele Arbeitgeber damit nicht so genau nehmen – vor allem das Baugewerbe ist betroffen», sagt jedoch Chris Kelley, Co-Leiter Sektor Bau bei der Gewerkschaft Unia.

Unia
Auf Baustellen sei das Thema – gerade an Hitzetagen wie diesen – ein Dauerthema, sagt Kelley. «Stellen wir einen Verstoss gegen die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers fest, weisen wir die Arbeiter auf ihre Rechte hin und suchen das Gespräch mit der Firma.»

Auf Baustellen sei das Thema – gerade an Hitzetagen wie diesen – ein Dauerthema, sagt Kelley. «Stellen wir einen Verstoss gegen die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers fest, weisen wir die Arbeiter auf ihre Rechte hin und suchen das Gespräch mit der Firma.»

dk

Bauhelm mit Nackenschutz und Stirnblende, Sonnencreme, Wasser und T-Shirt: Seit Januar sind Arbeitgeber gemäss Weisungen der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) angehalten, Mitarbeitende im Freien vor der Sonne zu schützen. Die Suva teilt mit, man spreche das Thema bei den Arbeitsplatzkontrollen aktiv an.

«Wir erhalten aber regelmässig Hinweise, dass es viele Arbeitgeber damit nicht so genau nehmen – vor allem das Baugewerbe ist betroffen», sagt dagegen Chris Kelley, Co-Leiter Sektor Bau bei der Gewerkschaft Unia.

«Arbeiter müssen Wasser selbst organisieren»

Auch auf eigenen Kontrollgängen auf Baustellen stelle man immer wieder fest, dass der Arbeitgeber seiner Fürsorgepflicht nicht nachkomme. «Der Arbeitgeber ist für die Gesundheit seiner Angestellten verantwortlich», sagt Kelley. Oft komme es jedoch vor, dass die Mitarbeitenden weder Sonnencreme noch sonstigen Sonnenschutz zur Verfügung gestellt bekämen. Kelley: «Sogar Wasser müssen viele Bauarbeiter selber organisieren.»

Auf Baustellen sei das Thema – gerade an Hitzetagen wie diesen – ein Dauerbrenner, sagt Kelley. «Stellen wir einen Verstoss gegen die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers fest, weisen wir die Arbeiter auf ihre Rechte hin und suchen das Gespräch mit der Firma.» Nicht selten stehe diese aber unter einem erheblichen Termin- und Zeitdruck. Die Gesundheit der Arbeitnehmer sei trotzdem höher zu gewichten, sagt Kelley. «Dehydrierung, ein Hitzschlag, Unfälle oder Hautkrebs können sonst die Folgen sein.»

Trotz Hitzewelle ohne T-Shirt auf dem Gerüst

Wie ein Augenschein auf Baustellen in Zürich zeigt, machen sich nur die wenigsten Angestellten Gedanken um die gesundheitlichen Konsequenzen durch die Sonneneinstrahlung. «Das ist mir egal, ich kann selber entscheiden, wie ich mich schützen will», sagt ein Gerüstbauer, der bei dieser Hitze aufs T-Shirt verzichtet. Es sei brutal, bei Temperaturen über 30 Grad zu arbeiten, sagt ein weiterer Bauarbeiter. «Die Arbeitszeiten

verschieben geht jedoch nicht – wir müssen beizeiten fertig werden.» Vom Arbeitgeber bereitgestellte Sonnencreme ist nur selten, Nackenschutz auf gar keiner Baustelle zu finden. Niemand habe einen solchen Schutz erhalten, sagen die Bauarbeiter.

Die Suva begründet die Notwendigkeit der Schutzempfehlungen mit der Gefahr von Hautkrebs. «Wer im Freien arbeitet, ist bis zu doppelt so viel UV-Strahlung ausgesetzt wie während der Freizeit und in den Ferien zusammen», sagt Suva-Mediensprecher Adrian Vonlanthen. «Täglich erkranken etwa drei Personen aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit neu an weissem Hautkrebs.»

Ist ein Obligatorium nötig?

Da die Suva-Richtlinie nur eine Empfehlung ist und fehlbare Bauunternehmen nicht belangt werden können, ist für SP-Nationalrat und Travailsuisse-Präsident Adrian Wüthrich ein Obligatorium denkbar.

«Wenn die Sozialpartner keine Lösung – etwa im GAV – finden, damit die Suva-Richtlinien auch eingehalten werden, muss ein Gesetz mit Sanktionsmöglichkeiten geprüft werden.» Die Suva habe ein solches Obligatorium für 2019 angekündigt, krebste aber zurück.

Von einem Obligatorium oder sonstigen «praxisfremden» Regulierungen hält der Baumeisterverband nichts. «Ein Gesetz, das Nackenschutz oder Stirnblende vorschreibt, ist nicht zielführend», sagt Sprecher Matthias Engel. Die Schutzmassnahmen müssten vor Ort auf der Baustelle definiert werden. «Ein Nackenschutz oder eine Stirnblende schränkt das Sichtfeld ein, was wiederum die Arbeitssicherheit gefährdet», so Engel. Es sei daher nicht tauglich, vom Büro aus ein starres Gesetz zu erlassen. «Die Abgabe von Sonnencreme und Wasser ist heute ohnehin schon Standard.» Er kenne keine Baustelle, wo dies nicht der Fall sei.

Dass immer noch Arbeiter auf ihr T-Shirt verzichten, findet auch Engel problematisch. «Oben-Ohne-Arbeit ist ein No-go. Besser ist, Kopf und Arme zusätzlich mit Wasser zu kühlen», so Engel.

4000 Liter Sonnencreme pro Jahr

Die Baufirma Implenia betont, man stelle den Mitarbeitenden, die der Sonne ausgesetzt seien, stets genügend Flüssigkeit, Pausenplätze im Schatten und Sonnenschutz zur Verfügung. «Zum Sonnenschutz gehören neben der Arbeitskleidung und der persönlichen Schutzausrüstung Sonnencreme und auf Wunsch Nackenschutz», sagt Sprecherin Natascha Mathyl. Pro Sommer gebe Implenia in der Schweiz etwa zwischen 3000 und 4000 Liter Sonnencreme ab. «Ganz nach Wetterbedingungen wird lokal hie und da hinzugekauft.»

Arbeitsbeginn um 6 Uhr früh

Die Stimmung auf den Baustellen während dieser heissen Tage fasst Engel vom Baumeisterverband so zusammen: «Auf dem Land sind die Arbeiter froh, dass sie ab 6 Uhr morgens beginnen können.» Weniger gut kämen die Bauarbeiter in der Stadt zurecht. Dort seien sie aufgrund des Lärmschutzes verpflichtet, erst um 7 Uhr zu beginnen und bis zu zwei Stunden Mittagspause zu machen. «Das sind natürlich weltfremde Gemeindevorschriften, die gerade bei steigender Anzahl Hitzetage keinen Sinn machen und die Arbeiter frustrieren», so Engel.

Fehler gefunden?Jetzt melden.