Aktualisiert 20.10.2011 13:08

Politischer NachrufOberst Quälix ist erledigt

Er wollte die Schweiz abschaffen, nun ist er selbst Geschichte. Muammar Gaddafi ist in Sirte getötet worden. Mit seinem Grössenwahn brachte er sich zu Fall.

von
Peter Blunschi

Es war in den Sommerferien vor 30 Jahren. Am Gardasee, wenn die Erinnerung nicht täuscht. Am Kiosk stach das Titelbild einer Zeitschrift ins Auge: «The Most Dangerous Man in the World?» schrieb das US-Nachrichtenmagazin «Newsweek» im Juli 1981 auf seinem Cover. Daneben ein gezeichnetes Porträt von Oberst Muammar Gaddafi (oder Kaddafi). Die Neugier war gross: Wer war der Kerl? Und warum war er so gefährlich?

Damals galt der libysche Despot als wichtigster Sponsor des internationalen Terrorismus. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan nannte ihn einen «Mad Dog». Gestört hat ihn dies kaum, im Gegenteil. Nach der Erstürmung von Tripolis am 22. August tauchten Fotos auf. Sie zeigten Rebellen, die auf genau jenem «Newsweek»-Cover herumtrampelten. Es war offenbar sorgfältig eingerahmt und irgendwo in der Hauptstadt aufgehängt worden.

Der Vergleich mit Saddam

Gaddafis seltsame Form der Imagepflege illustriert auch eine von der «New York Times» kolportiere Anekdote. Rund zehn Jahre nach besagter Schlagzeile habe ein Reporter Gaddafi bei einem Besuch darauf angesprochen, dass der irakische Diktator Saddam Hussein mit dem Überfall auf Kuwait der neue Erzfeind des Westens sei. «Saddam Nr. 1 Bad Boy?», habe der Libyer ungläubig gefragt. «Nein! Nein! Gaddafi ist Nr. 1. Nur Gaddafi!»

Verrückt? Wohl kaum. Grössenwahnsinnig? Auf jeden Fall! Für Gaddafi gab es nur eine Position: Jene ganz oben – und sei es auf der Liste der Bösewichte. Aber «der gefährlichste Mensch der Welt»? Mit Sicherheit nicht. Dafür war sein Land zu unbedeutend: viel Öl, noch mehr Sand, wenig Menschen. Mit seiner Unterstützung von terroristischen Gruppen konnte er Unruhe stiften und Schaden anrichten, den Lauf der Welt aber veränderte er nicht.

Ein Oberst wie Napoleon

Ein Hang zur Selbstüberhöhung kennzeichnete Gaddafi, seit er am 1. September 1969 als 27-Jähriger mit gleichgesinnten Offizieren den libyschen König aus dem Amt geputscht hatte. Selbst dass er sich danach «nur» zum Obersten und nicht zum General beförderte, passt in dieses Bild. Hatte nicht Napoleon Bonaparte auf dem Schlachtfeld stets die schlichte Uniform eines Obersten getragen, und zwar auch noch, als er sich zum Kaiser der Franzosen gekrönt hatte?

Pro Forma gab Gaddafi den Bescheidenen. Ab 1979 bekleidete er offiziell kein Amt mehr, war er nur noch «Revolutionsführer». Sein Land taufte er um in «Grosse Sozialistische Libysch-Arabische Volks-Dschamahirija», ein bizarres Konzept, in dem die ganze Macht angeblich beim Volk lag. Wer das Sagen hatte, war trotzdem klar. Seine aufgeblasenen, operettenhaften und gar nicht bescheidenen Selbstinszenierungen mit Fantasie-Uniformen und weiblichen Bodyguards sprachen für sich.

König der Könige

Stets war er bemüht, das geringe weltpolitische Gewicht Libyens mit Grossspurigkeit zu kompensieren. Mehrfach wollte er das Land mit anderen arabischen Staaten vereinigen, doch man nahm ihn nicht ernst. Enttäuscht wandte er sich später Afrika zu, liess sich 2008 zum «König der Könige» ausrufen, ein Titel, den zuletzt der äthiopische Negus Haile Selassie geführt hatte. Echten Einfluss gewann er damit nicht. Man nahm seine Petrodollars, mehr aber nicht, zumal Gaddafi seine rassistische Verachtung für Schwarzafrikaner kaum verbergen konnte.

Aussenpolitisch ist Muammar Gaddafi auf der ganzen Linie gescheitert. Seine Terror-Aktivitäten, die im Lockerbie-Anschlag vom Dezember 1988 gipfelten, bezahlte er mit jahrelanger internationaler Isolation. Doch noch im März 2009 rief er an einem Gipfeltreffen der Arabischen Liga aus: «Ich bin ein internationaler Führer, der Doyen der arabischen Herrscher, der König der Könige Afrika und der Imam der Muslime. Mein internationaler Status erlaubt es mir nicht, mich auf ein niedrigeres Niveau hinunter zu begeben.»

Mehr als 50 Attentate überlebt

Grössenwahn war jedoch nur die eine Seite von Muammar Gaddafi. Er hatte auch einen ausgeprägten Überlebensinstinkt. Mehr als 50 Attentats- und Putschversuche soll er überstanden haben. Terrorfreunde wie den «Schakal» Carlos oder den palästinensischen Extremisten Abu Nidal liess er fallen, als sie für ihn zur Belastung wurden. Auch im Konflikt um die bulgarischen Krankenschwestern oder die beiden Schweizer Geiseln spielte er lange den starken Mann – und gab schliesslich nach.

Daraus spricht die Bauernschläue eines Mannes, der stolz war auf seine Beduinen-Herkunft. Obwohl die Gerüchte nie verstummten, sein Vater sei in Wirklichkeit ein französischer Kampfpilot namens Albert Preziosi gewesen. Preziosi stammte aus Korsika – wie Napoleon Bonaparte.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.