Präsident Locher tritt per sofort zurück : Haussegen der Kirche hängt schief – was hat es mit der «Grenzverletzung» auf sich?
Aktualisiert

Präsident Locher tritt per sofort zurück Haussegen der Kirche hängt schief – was hat es mit der «Grenzverletzung» auf sich?

Nach heftigen Vorwürfen gibt Gottfried Wilhelm Locher sein Amt als Präsident der Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz ab.

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Eklat bei den Reformierten: In einem Schreiben an den Synodepräsidenten hat Gottfried Locher am 27. Mai 2020 mitgeteilt, dass er sein Amt als Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz per sofort abgibt.

Eklat bei den Reformierten: In einem Schreiben an den Synodepräsidenten hat Gottfried Locher am 27. Mai 2020 mitgeteilt, dass er sein Amt als Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz per sofort abgibt.

Franziska Rothenbuehler
Die Spekulationen um ein laufendes Geschäft, dessen Hintergründe bisher nicht öffentlich sind, schränkten seine Handlungsfähigkeit zu stark ein.

Die Spekulationen um ein laufendes Geschäft, dessen Hintergründe bisher nicht öffentlich sind, schränkten seine Handlungsfähigkeit zu stark ein.

Adrian Moser
Zwölf namhafte Theologen hatten Locher zuletzt in einem offenen Brief stark kritisiert.

Zwölf namhafte Theologen hatten Locher zuletzt in einem offenen Brief stark kritisiert.

Sabina Bobst

Darum gehts

  • Der Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), Gottfried Locher, scheidet aus seinem Amt aus.
  • Kürzlich hatten zwölf namhafte Theologinnen und Theologen einen offenen Brief mit Vorwürfen an Locher veröffentlicht.
  • Es gebe ernstzunehmende Hinweise darauf, dass es bei einem Geschäft des EKS-Rates inhaltlich um Grenzverletzungen gehe.
  • Diese Grenzverletzung soll ungebührliches Verhalten gegenüber einer Mitarbeiterin sein.
  • Dieser Sachverhalt sei nicht erwiesen, betont der EKS-Rat in seiner neuesten Mitteilung.

Der Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), Gottfried Locher (53), ist per sofort zurückgetreten. Dies hat der Berner am Mittwoch in einem Schreiben an den Synodepräsidenten mitgeteilt, wie es in einer Medienmitteilung der Kirche vom Mittwochabend heisst.
Schon seit mehreren Wochen hängt der Haussegen in der Kirche schief: Es heisst, es habe vonseiten Lochers «Grenzverletzungen» gegeben. Konkreter: Der EKS-Präsident Gottfried Locher habe sich einer Mitarbeiterin gegenüber wiederholt ungebührlich verhalten.

Es gilt die Unschuldsvermutung – «nichts ist erwiesen»

Dieser Sachverhalt sei nicht erwiesen, betont der EKS-Rat in seiner neuesten Mitteilung. Der Rücktritt des Präsidenten erfolge, damit die Evangelische reformierte Kirche der Schweiz wegen der Diskussion um ihren Präsidenten keinen Schaden nehme. Weiter teilt der Rat mit, die Vorkommnisse würden nun aufgearbeitet. Bereits seit dem 17. April lässt die Kirchenführung den Sachverhalt von einer externen Stelle unabhängig untersuchen.

Im April kam es auch zum überraschenden Rücktritt einer Ratskollegin, der Pfarrerin Sabine Brändlin. Sie war bis zu ihrer Demission für die Prävention von Grenzverletzungen und sexuellen Übergriffen innerhalb der Kirche zuständig. Es habe «unüberbrückbare Differenzen in einem laufenden Geschäft» gegeben, hiess es in einer damals veröffentlichten Mitteilung. Wie der «Tagesanzeiger» berichtete, habe sich Brändli um eine eingereichte, präventive Beschwerde gegen Locher kümmern müssen. Allerdings habe sie im Rat für die Aufklärung wenig Unterstützung erhalten und sei anschliessend zurückgetreten.

Kirche soll rasch Licht ins Dunkle bringen

Diese zurückhaltende Kommunikation der Kirche und die mutmassliche Grenzüberschreitung Lochers sorgten schliesslich auch ausserhalb des Rates für viel Aufruhr: So meldeten sich zwölf namhafte Theologen mit einem offenen Brief zu Wort. Darin forderten sie von der Kirche eine rasche Aufklärung: «Eine beherzte und glaubwürdige Kirche scheut das Licht nicht, sondern macht sich für das Recht und für diejenigen, denen Unrecht widerfahren ist stark – auch, falls eine allfällige Täterschaft aus den eigenen Reihen kommt. Dafür stehen wir ein», steht im Schreiben.

Die Untersuchungen laufen. Bis zur Neubesetzung des Präsidiums werden die beiden Vizepräsidenten die Geschäfte führen. Spätestens an der Synode – der Tagung des kirchlichen Parlaments – vom 15. Juni soll man mehr erfahren.

Während die Untersuchungen laufen, wird auf Twitter bereits rege diskutiert. Die einen vermuten einen Komplott…

…andere sehen in der gesamten Affäre eine allgemeine Problematik der Kirche:

Chef der Kirche seit 2011

Gottfried Locher ist promovierter Theologe und hat das Amt des Präsidenten der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) seit 2011 inne. Zuvor war er unter anderem als Pfarrer der Schweizer Kirchen in London tätig. In seine Amtszeit fällt die Umgestaltung des Kirchenbundes in die heutige EKS und das Ja der Reformierten zur Ehe für alle. Seit 2015 ist er zudem geschäftsführender Präsident der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE).

(sda / miw)

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