Aktualisiert 14.07.2009 13:47

JahrhundertaktOccasion-Stein markiert Grenze zu Deutschland

Jetzt ist die deutsch- schweizerische Landesgrenze bei Basel wieder korrekt markiert: Ein durch Fallholz zerstörter Grenzstein von 1842 wurde durch einen intakten ersetzt - einen Recycling-Grenzstein.

Die letzte offizielle Mutation des Grenzverlaufes im Stadtkanton war nach dem Ersten Weltkrieg beim unter deutscher Hoheit stehenden Badischen Bahnhof vorgenommen worden, wie der baselstädtische Kantonsgeometer Walter Oswalt vor den Medien ausführte. Seither habe es nur Korrekturen wegen natürlichen Verschiebungen gegeben.

Einer solchen hat nun der Grenzstein Nummer 107 im «Wyhlengraben» unweit des Funkturms St. Chrischona in Bettingen BS (höchstes Schweizer Gebäude) seine Wiedergeburt zu verdanken. Er war im Sommer 2008 von einer umstürzenden - deutschen - Buche zu Trümmern geschlagen worden. Der Stein 105b war mit dem Hang einen Meter abgerutscht und sollte korrigiert werden.

Grenzstein-Recycling

Weil Stein 105b aus dem Jahr 1825 aber dank geradem Grenzverlauf und guter Einsehbarkeit bei einem Weg verzichtbar geworden ist, grub man ihn aus, liess einen Steinmetz Nummer und Grenzlinie um-behauen und setzte den Recycling-Stein in einem binationalen formellen Akt rund hundert Meter weiter nordwestlich in den steilen Hang.

Gleich neben den Wurzelstock der gestürzten Buche wurde ein Sockel in den Grund zementiert, direkt auf Fundamenttrümmer des alten Steins. Die Federführung bei der Steinverlegung in Bettingen war dabei den Baslern anvertraut worden, und die deutsche Nachkontrolle zeigte, dass die Landmarke innerhalb der Messtoleranz passt.

Nun markiert der Stein mit schwarzem Baslerstab auf weissem Grund auf der einen Seite und rotem Diagonalbalken auf gelbem Wappengrund auf der anderen den neuen 100-Grad-Eckpunkt der Landesgrenze. Schneider freute sich übrigens mit baden-württembergischer Selbstironie über die Kostenersparnis durch das Stein-Recyling.

Grosser Bahnhof im Wald

Dem «äusserst seltenen Ereignis», wie es der baselstädtische Baudirektor Hans-Peter Wessels nannte, wohnten Vertreter der Behörden beider Länder sowie Bundesland, Kanton und Gemeinden bei. Landrat Walter Schneider sprach namens des Landkreises Lörrach (D) von einem «symbolhaften Akt» für die offene Grenze am Rheinknie.

Auch der Bund liess sich vor Ort vertreten, kommt eine solche Stein-Verlegung am Rand der Schweiz nur alle 50 bis 100 Jahre vor, wie Fridolin Wicki vom Bundesamt für Landestopographie sagte. Korrigiert würden sonst gelegentlich Grenzen, die nicht mit Steinen markiert, sondern nur beschrieben sind, etwa im ewigen Eis der Alpen.

225 Grenzsteine markieren die 22 Kilometer Landesgrenze zu Deutschland in Basel-Stadt; der älteste davon ist 1491 erstmals aktenkundig. Je nach Setz-Jahr prangen auf der deutschen Seite verschiedene Herrschafts-Wappen; bei Grenzach-Rührberg hat es sogar noch österreichische. Schweizseits ist immer der Baslerstab darauf.

Grenzstein muss Zollfreistrasse weichen

Die letzte rein lokale Korrektur war 1991 am «Schlipf»-Hang oberhalb der umstrittenen Zollfreistrasse Lörrach-Weil nötig geworden, wo ein Grenzstein abgerutscht war. Just für deren Bau muss übrigens 2010 ein dicker alter Grenzstein aus einer Wiese entfernt werden; er soll später über das Tunnelportal platziert werden.

Ein satellitenbasiertes Koordinatensystem, das europaweit aufgebaut wird, lässt die Bedeutung von Grenzsteinen schwinden, da man nicht mehr mit Distanzen und Winkeln das Gelände vermessen muss. Für die deutsch-schweizerische Grenze stehen diese Arbeiten, die künftig Austausch und Projektierung erleichtern, kurz vor dem Abschluss.

Die Grenzen zwischen Gemeinden und Kantonen kommen derweil bei Infrasturkturprojekten öfter unter die Räder als Landesgrenzen. Normalerweise wird laut Oswald beispielsweise für einen Strassenbau flächenneutral abgetauscht. Zwischen Riehen und Basel war dies letztmals beim Bau des Bäumlihof-Gymnasiums nötig geworden.

Im Mittelalter stand auf Grenzstein-Manipulationen noch die Todesstrafe plus fünffache ewige Verdammnis, wie Oswald weiter ausführte. Damit man den Grenzverlauf gegebenenfalls rekonstruieren konnte, vergrub man unter den Steinen geheime Zeichen, etwa Scherben. Diese liegen teils noch heute unter alten Grenzsteinen.

(sda)

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