Aktualisiert 04.04.2014 08:21

Unternehmens-Nomaden

Öl-Multi verlässt Schweiz – weitere könnten folgen

Nach nur sechs Jahren verlegt der Ölkonzern Weatherford seinen Sitz von der Schweiz nach Irland. Wie bei anderen ausländischen Unternehmen fehlte die Bindung zum Schweizer Standort.

von
Yves Hollenstein
Der Wirtschaftsstandort Schweiz und damit auch der bislang als Steuerparadies geltende Kanton Zug verlieren an Attraktivität.

Der Wirtschaftsstandort Schweiz und damit auch der bislang als Steuerparadies geltende Kanton Zug verlieren an Attraktivität.

Mit Weatherford verlässt ein milliardenschwerer Konzern den Kanton Zug und damit die Schweiz als Wirtschaftsstandort. Der Öl-Multi ist aber nicht das erste Grossunternehmen, das bereits nach kurzer Zeit wieder aus der Schweiz abzieht.

Im letzten August kündigte der mit Problemen kämpfende Konzern Yahoo an, dass die Schweizer Niederlassung in Rolle im Kanton Waadt aufgegeben werde. Der Entscheid fiel nur fünf Jahre, nachdem das europäische Hauptquartier aus London in die Schweiz verlegt worden war. Kurz zuvor tat die Erdöl-Servicefirma Noble Corp. ihren Wegzug vom Kanton Zug nach London kund.

Weitere dürften folgen

Die Unsicherheit bei den in der Schweiz ansässigen Unternehmen sei im Moment sehr hoch, sagt Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse. Als Gründe nennt er die noch nicht umgesetzte Unternehmenssteuerreform und die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative. «Die Rechtssicherheit war bisher einer der Trümpfe des Wirtschaftsstandortes Schweiz», sagt Minsch. Das habe sich nun geändert.

Der Experte fürchtet, dass künftig noch weitere Firmen dem Beispiel von Weatherford und Yahoo folgen werden: Vor allem Unternehmen, die aufgrund ihrer Struktur hochmobil seien und durch wenig Hardware wie Fabrik- oder Produktionsstätten an den Schweizer Standort gebunden seien. Minsch vergleicht dies mit einem Tennis- oder Formel-1-Profi: «Je nach Steuersituation kann dieser relativ schnell und unkompliziert seinen Wohnsitz wechseln.»

Anders präsentiert sich die Situation bei etablierten Schweizer Unternehmen wie beispielsweise dem Pharmakonzern Roche oder der Grossbank Credit Suisse. «Diese sind stukturell und emotional stark mit der Schweiz verbunden und werden einen Wegzug nicht so schnell in Erwägung ziehen.»

Steuerstandort Schweiz unter Druck

Unterstützt wird der Economiesuisse-Chefökonom von einer Studie des Beratungsunternehmens KPMG, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Wegen steigender Steuern für Unternehmen gerät der Standort Schweiz unter Druck, heisst es in der Studie. Während der maximale durchschnittliche Gewinnsteuersatz für Unternehmen in der Schweiz in den letzten neun Jahren um 4,07 Prozent gesunken ist, sieht man heute im Vergleich zum Vorjahr lediglich eine Senkung von 0,09 Prozent. Der Kanton Zug weist einen ordentlichen Gewinnsteuersatz von 14,6 Prozent auf.

Im europäischen Vergleich holt dagegen Irland mit einem ordentlichen Gewinnsteuersatz von 12,5 Prozent mächtig auf. Da kann in der Schweiz einzig der Kanton Luzern (12,32 Prozent) mithalten. Da erstaunt es nicht, dass der Öl-Multi Weatherford sich gerade Irland als neuen Standort ausgesucht hat. Dies schlägt insbesondere dann zu Buche, wenn Weatherford dort zusätzlich von steuerlichen Sonderkonditionen profitiert wie beispielsweise einem mehrjährigen Steuererlass. Diesen kann der Kanton Zug hingegen nicht bieten (siehe Box).

Herr Bachmann*, der Rohstoffkonzern Weatherford verlässt den Kanton Zug. Wie gross ist die Enttäuschung?

Wir wurden vorab nicht über die Pläne informiert. Die Enttäuschung ist da. Wir bedauern den Wegzug der Firma, auch wenn Sie in Zug nicht sehr viele Angestellte hatte. Der Hauptteil der Schweizer Belegschaft hat die Arbeitsplätze in Genf.

Die Firma hat in der Schweiz 2012 gemäss Geschäftsbericht rund 20 Millionen Franken Steuern bezahlt. Wie stark triff es den Kanton Zug?

Wir können wegen des Steuergeheimnisses keine Auskunft geben. Der grösste Verlierer wird aber der Bund sein. Bei Firmen in speziellen Steuermodellen wie der Holdingbesteuerung macht die Bundessteuer den grössten Teil aus.

Genoss Weatherford in Zug die Vorteile eines Steuerdeals?

Nein. Im Kanton Zug gibt es seit Jahrzehnten keine speziellen Steuerabkommen für einzelne Unternehmen. Warum soll jemand, der ansässig ist, schlechter gestellt sein als ein Neuzuzüger? Wir haben allgemein sehr attraktive Steuerkonditionen. Firmen können in allen Kantonen von speziellen Steuermodellen profitieren, wodurch das Auslandsgeschäft tiefer besteuert wird als jenes im Inland.

Weatherford zieht nach Irland. Warum hat Zug verloren?

Da Kostenvorteile geltend gemacht werden,ist davon auszugehen, dass die Firma mit Irland auch bessere Steuerkonditionen aushandeln konnte als in der Schweiz. Der ordentliche Steuersatz für Unternehmensgewinne liegt dort im Schnitt bei zwölf Prozent. In Einzelfällen werden aber jahrelange Befreiungen oder tiefere Sätze als in der Schweiz ausgehandelt. In diesem Rennen kann und will der Kanton Zug nicht mitmachen.

Wird die Masseneinwanderungsinitiative weitere Firmen abwandern lassen?

Der Wegzug von Weatherford ist ein Einzellfall und hat unseres Erachtens mit Abstimmungsergebnissen keinen direkten Zusammenhang. Die Rohstoffkonzerne sind grundsätzlich sehr zufrieden mit dem Standort Zug. Klar ist aber: Im internationalen Standortwettbewerb wird es immer härter. Singapur, Dubai, Hongkong und Irland werden zu immer härteren Konkurrenten.

*Beat Bachmann ist Leiter Wirtschaftsförderung des Kt. Zug

Interview: Sandro Spaeth

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