Golf von Mexiko: Ölexperten wissen nicht mehr weiter
Aktualisiert

Golf von MexikoÖlexperten wissen nicht mehr weiter

Drei Wochen dauert die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko schon. Drei lange, zähe Wochen - und noch immer ist keine schnelle Lösung in Sicht.

von
Peer Meinert
dpa

Fieberhaft suchen die Experten nach einem Ausweg, wägen Vor- und Nachteile ab und müssen doch immer wieder ihre Ratlosigkeit eingestehen. Unterdessen verlieren die Amerikaner die Geduld.

Ken Salazar, Innenminister der USA, spricht bereits öffentlich vom «worst case scenario». Bis August könnte es demnach dauern, bis das Bohrloch geschlossen und der Ölfluss gestoppt ist. Normalerweise meiden Politiker solch düstere Prognosen wie der Teufel das Weihwasser - ein Zeichen, wie ernst die Lage ist.

«Nur» eine Zwischenlösung

Nach dem Scheitern von «Plan A», das ausströmende Öl durch eine riesige, 13 Meter hohe Stahlkuppel aufzufangen und dann abzusaugen, konzentrieren sich die Bemühungen im Kern auf drei Alternativen. Doch die Risiken sind erheblich. «Wir richten jeden Versuch so aus, dass er erfolgreich ist, doch wir planen auch ein Scheitern ein», gibt ein Experte offen zu.

«Option B» heisst «top hat» - Zylinder: In der Nacht zum Mittwoch wurde eine kleine, lediglich 1,50 Meter hohe Stahlbeton-Glocke in die Tiefe gelassen. Sie sollte 1500 Meter unter dem Meeresspiegel über dem grössten Leck platziert werden. Die Verantwortlichen hoffen, dass sich ein Desaster wie bei der grossen Kuppel nicht wiederholt.

In deren Innern hatten sich Kristalle aus Öl und eiskaltem Wasser abgesetzt. Die hatten verhindert, dass das Öl abgesaugt werden kann.

Diesmal soll die kleine Glocke mit Warmwasser beheizt werden, das durch Rohre in die Tiefe geleitet wird. Vermutlich am Wochenende wird man sehen, ob es klappt. Der Haken: Noch niemals zuvor wurde ein solches Unternehmen in derartiger Tiefe versucht.

Und die Glocke kann nicht alles ausströmende Öl auffangen. Zudem handelt es sich nur um eine Zwischenlösung - das Bohrloch bleibt weiter unverschlossen.

«Top kill» als nächste Option

«Option C» heisst «Junk Shot» - Müll-Beschuss. Dabei wird das Ventil, das sich bei dem Ölunfall am 20. April nicht wie geplant geschlossen hatte, mit einem Gummigemisch etwa aus zerkleinerten Autoreifen und Golfbällen unter hohem Druck «beschossen». Grössere Gummiteile kommen zuerst, dann kleinere.

Das Ventil soll auf diese Weise verstopft werden, in einem nächsten Schritt wird Schlamm in das Bohrloch gepresst. Der Haken: Experten gehen davon aus, dass das Ventil bereits teilweise geschlossen ist und der Beschuss es auch weiter aufreissen könnte. Das Unternehmen, auch «top kill» genannt, könnte erst Ende nächster Woche über die Bühne gehen.

«Option D» gilt als die verlässlichste Variante - ist aber auch die mit Abstand langwierigste: Parallel zum Bohrloch wird eine zweite Leitung in die Tiefe gebohrt. Gut 4000 Meter unter dem Meeresboden muss die Parallelbohrung die bestehende Leitung kreuzen.

Dort wird dann Schlamm und Zement in die Leitung gepresst - und das Leck somit versiegelt. Vergangene Woche haben Arbeiter rund 800 Meter vom Leck entfernt mit einer ersten Entlastungsbohrung begonnen. Zur Sicherheit soll nächste Woche eine zweite Bohrung gestartet werden.

Der Haken: Es ist eine extrem schwierige Präzisionsarbeit. Die bestehende Leitung hat in dieser Tiefe einen Durchmesser von weniger als 18 Zentimetern. Vermutlich sind mehrere Versuche notwendig. Und: Das Unternehmen dauert 80 bis 90 Tage, rund drei Monate also.

«Drill, baby, drill»

Noch vor kurzem haben die Verantwortlichen der Ölindustrie die angebliche Sicherheit und Umweltverträglichkeit ihrer neuen Technologien gepriesen. «Drill, baby, drill», lautete der schrille politische Schlachtruf nach mehr Off-Shore-Bohrkonzessionen. Jetzt räumen die Experten kleinlaut ein, mit Gegenmitteln für einen Unfall in dieser Tiefe keinerlei Erfahrung zu haben.

Die «New York Times» schreibt dazu pikiert: «Jetzt, wo die Hoffnungen schwinden, den Ölfluss im Golf von Mexiko in Kürze einzudämmen, fragen sich immer mehr Leute, warum die Industrie nicht besser vorbereitet war.»

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