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Spione unterwegsÖsterreich liegt schon bald in China

Im idyllischen österreichischen Hallstatt ist die Hölle los. Denn die Bewohner haben erfahren, dass in China ihr Dorf schon bald originalgetreu nachgebaut werden soll.

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Kopie vs. Original: Seit man in Hallstadt weiss, dass die Chinesen das Dorf haargenau nachbauen wollen, ist die Hölle los.

Kopie vs. Original: Seit man in Hallstadt weiss, dass die Chinesen das Dorf haargenau nachbauen wollen, ist die Hölle los.

Gut kopiert ist halb gewonnen, mögen sich die Chinesen sagen. Denn kopieren können sie. Nach Luxusgütern und Technologie wollen sie nun sogar ganze Dörfer nachbauen: In Guandong will eine Investorengruppe schon bald eine exakte - allerdings spiegelverkehrte – Kopie des oberösterreichischen Dorfes Hallstatt errichten. Die chinesische Anlage soll der Mittelpunkt eines neuen Luxusviertels werden. In den nachgebauten Häusern sollen Restaurants und ein Einkaufszentrum untergebracht werden. Noch in diesem Jahr ist angeblich Baubeginn.

Auf den Plan der Asiaten stiess man per Zufall. «Ein österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Hongkong hat mir von dem Projekt berichtet, aber zunächst konnte ich es gar nicht glauben», sagte Monika Wenger, Chefin des Hotels «Grüner Baum» gegenüber der «Kronen»-Zeitung. Sie habe als Erste davon erfahren, doch erst «als ich die Baupläne sah, wusste ich, dass die Geschichte stimmt». Das Hotel, das sie leitet, soll ebenfalls in der chinesischen Version vertreten sein – genauso wie die Kirche und der Marktplatz.

«Touristen» waren Spione

Hallstatt war in den vergangenen Monaten Reiseziel für Hunderte asiatische Touristen. Und langsam wird den Bewohnern der 900-Seelen-Gemeinde auch klar, wieso: Es waren in Wirklichkeit Architekturspione, die den Ort genau beobachteten und dokumentierten. «Die haben jedes Holzbrett an jedem Balkon fotografiert, um möglichst genaue Nachbau-Pläne anfertigen zu können», sagt die entsetzte Hotelchefin.

«Dürfen die unser Dorf überhaupt kopieren?», fragen sich viele. Zwar glauben sie, dass der Nachbau durchaus eine Werbung für das Original sein könnte, doch grösser ist die Angst, dass in Zukunft die chinesischen Touristen ausbleiben. Wenger vermutet, dass die Asiaten wohl nicht im Besitz aller nötigen Genehmigungen sind. Das könnte der Grund sein, wieso das Dorf spiegelverkehrt nachgebaut wird.

Alles im Rahmen eines «Kulturaustausches»

Anders als unter den Hallstättern gibt man sich auf politischer Ebene gelassen. Bürgermeister Alexander Scheutz erhofft sich aus dem Projekt ein Umsatzplus: «Ich glaube, dass es ein Tourismusmotor werden könnte.» China habe vor einem Monat um «eine Kooperation samt Kulturaustausch» mit der Gemeinde Hallstadt angefragt. Man ahnte aber damals nicht,

was die Chinesen eigentlich vorhatten.

Weniger dramatisch als die Bewohner sieht es die Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Dachstein- Salzkammergut, Pamela Binder. «Es ist eine tolle Werbung», meint sie und freut sich darüber, dass der Welterbe- Ort in Fernost so viel Anklang findet. Dass die Gäste durch die Kopie davon abgehalten werden, nach Österreich zu kommen, glaubt sie nicht: Es sei ihr nur wichtig, dass bei dem Projekt in Guangdong auf das originale Hallstatt verwiesen werde.

«Die rechtliche Lage muss noch überprüft werden», sagte Hans-Jörg Kaiser von ICOMOS Austria, dem nationalen Rat für Denkmalpflege, einer Unterorganisation der UNESCO. Prinzipiell sei es aber legal, Gebäude zu fotografieren und dementsprechend nachzubilden: «Alles, was aussen ist, ist öffentlich zugänglich. Nur für eine Vermessung braucht es das Einverständnis des Eigentümers.» Was das Projekt angeht, gibt sich Kaiser skeptisch: Man könne zwar die Architektur nachbauen, aber nicht «die Naturlandschaft und auch die Bewohner des Ortes, die aus dem Weltkulturerbe erst das machen würden, was es ist».

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